Unhaltbar gut : Schlechte Reifen machen die Formel 1 wieder spannend

Der italienische Hersteller Pirelli bekam den Auftrag, extra schlechte Reifen zu bauen – und machte die Formel 1 so wieder spannend.

Karin Sturm
Einmal Medium, bitte. Red-Bull-Pilot Mark Webber bekommt bei der Qualifikation zum Großen Preis von Valencia einen frischen Reifensatz. Das orchestrierte Wechselspiel ist in dieser Saison deutlich öfter vonnöten als noch letztes Jahr mit den Bridgestone-Reifen. Foto: dpa
Einmal Medium, bitte. Red-Bull-Pilot Mark Webber bekommt bei der Qualifikation zum Großen Preis von Valencia einen frischen...Foto: dpa

Vor Saisonbeginn zuckten einige Fahrer schon bei der bloßen Erwähnung des Namens Pirelli nervös mit den Augenlidern. Die Piloten beschwerten sich fast geschlossen, mit den neuen Reifen würde die Formel 1 auf ein Desaster zusteuern. Inzwischen wird dem italienischen Reifenhersteller bescheinigt, mit seinen schneller abbauenden Gummis den Hauptanteil daran zu haben, dass die Rennen so interessant und spannend sind wie schon seit Jahren nicht mehr.

„Da sieht man mal, was die Fahrer wissen – die sollen ihren Job machen und fahren, sie sind schließlich die besten Fahrer der Welt, und wir kümmern uns um die Reifen“, sagt Paul Hembery, der Pirelli-Motorsportdirektor, mit einem breiten Grinsen, das klarmacht, das er diesen Satz nicht so ganz ernst meint. „Nein, Scherz beiseite: Damals bei den ersten Tests, als das alles kam, waren die Temperaturen sehr niedrig, und wir wussten, dass wir mindestens 15 Grad brauchen würden, damit die Reifen einigermaßen funktionieren würden.“

Als Nachfolger von Bridgestone war Pirelli vom Automobil-Weltverband Fia für eine seltsame Mission auserkoren worden. Die Italiener sollten entgegen ihrer eigentlichen Berufung Reifen bauen, die nicht lange halten. „Wir wollten absichtlich mehr Reifenverschleiß“, sagt Hembery. „Die Fahrer waren aber noch an Reifen gewöhnt, mit denen man ein ganzes Rennen lang hätte durchfahren können.“

Natürlich sei die Wirkung des Geredes in der Öffentlichkeit erst einmal ein bisschen frustrierend gewesen. Andererseits sei es vielleicht gar nicht so schlecht gewesen, sagt Hembery. „Denn es hat uns ins ins Gespräch gebracht hat.“ Die Leute hätten gefragt, was da los sei, warum sich die Fahrer beschweren, „und so konnten wir unser neues Konzept mit den häufigeren Boxenstopps öffentlich vorstellen und erklären – und das wurde dann allmählich auch verstanden. Und jetzt redet niemand mehr über die Panik vom Anfang und die allgemeine Resonanz in den Medien und wohl auch beim Publikum ist positiv.“

Die neuen Reifen haben die Rennen deshalb unberechenbar gemacht, weil der Verschleiß kaum vorherzusagen ist. Deswegen stieg die Zahl der Überholmanöver geradezu sprunghaft an – ein Fahrer mit abgenutzten Reifen verliert bis zu drei Sekunden pro Runde und hat kaum eine Chance gegen einen Konkurrenten mit einem frischen Satz. Weil die Italiener bis zu vier reguläre Boxenstopps pro Fahrer aber doch als zu viel empfanden, wurden die Reifen schon ein wenig haltbarer gemacht. Auch der Zeit- und Haltbarkeitsunterschied zwischen der harten und der weichen Mischung sei zu groß gewesen, so Hembery. Deshalb wird es nun in Valencia erstmals den Medium-Reifen geben, um diese Lücke zu füllen.

Der gestiegene Unterhaltungsfaktor der Rennen hat bei Pirelli auch die Sorgen um etwaige Imageschäden vertrieben. „Natürlich haben wir darüber nachgedacht, ob das passieren könnte, wenn wir einen Reifen bauen, der nur so kurz hält“, gibt Hembery zu. „Deshalb war es für das Unternehmen ein mutiger Schritt, sich dieser Herausforderung zu stellen.“

Dennoch traute Pirelli der ungewöhnlichen Mission selbst nicht ganz. So wurde ein Plan B vorbereitet, falls das von den Fahrern befürchtete Desaster tatsächlich eingetreten wäre: Man hielt heimlich Reifen bereit, die länger halten. „Wir hatten Ersatzreifen vorbereitet“, gibt Hembery jetzt erstmals offen zu. „Wenn wir nach den ersten Rennen festgestellt hätten, dass die öffentliche Meinung zu aggressiv gewesen wäre, hätten wir über Nacht zurück wechseln können. Wir mussten ja vorbereitet sein, für den Fall, dass wir die Situation vielleicht doch falsch eingeschätzt hatten. Aber zum Glück ist das nicht notwendig geworden.“

Auf den Absatz der Straßenreifen haben die wenig haltbaren Formel-1-Gummis für Pirelli übrigens keinen negativen Einfluss. „Ob ein Reifen ein paar Runden oder ein ganzes Rennen 300 Kilometer hält– das sagt doch im Vergleich zu einem Straßenreifen, der zigtausende Kilometer halten muss, überhaupt nichts“, sagt Hembery. „Wir verkaufen jedenfalls im Moment mehr Straßenreifen als je zuvor.“

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