Sport : Union bricht auseinander

Der Berliner Fußball-Zweitligist verliert 0:7 beim 1. FC Köln – Präsident Bertram gibt Trainer Wassilew die Schuld

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Von Lorenz Maroldt

Köln. Die Schnürsenkel sitzen richtig. Das Tornetz auch. Anpfiff. Sven Beuckert, der Torwart des 1. FC Union, dehnt sich noch kurz, in Köln ist es kalt. Wo ist der Ball? Beuckert guckt, 46 Sekunden sind gespielt. Thomas Cichon steht 25 Meter vor Beuckert. Er schießt, der Ball rutscht, Beuckert fliegt, Köln führt. 1:0. Drei Minuten später: Der Kölner Florian Kringe kommt an den Ball, Unions Steffen Menze schläft, Kringe schießt – 2:0. Fünf Minuten später: Kringe ist wieder am Ball, wieder ein Schuss, wieder ein Tor – 3:0. Und das nach neun Minuten. Am Ende stand es 0:7 (0:4) aus Berliner Sicht. Der Fußball-Zweitligist Union fiel am Montagabend beim 1. FC Köln vor 21 500 Zuschauern auseinander. Trainer Georgi Wassilew stand fassungslos vor seiner Trainerbank. Was war das, bitteschön? Dass seine Mannschaft nur zwei Wochen nach der 0:4-Niederlage in Freiburg nun auch beim zweiten Erstliga-Absteiger derart schlecht spielen würde, das hatte er nicht verstanden.

Planlos, einfach überfordert, stolperten die Spieler des 1. FC Union durch ihren Strafraum, völlig konfus, und wären die Kölner Kioyo, Springer oder Lottner etwas konzentrierter gewesen, dann hätte es nach einer halben Stunde schon 0:6 gestanden. So mussten die Kölner Fans noch etwas warten. Drei Minuten vor der Halbzeit dann: Der Kölner Lottner will aus 35 Metern eine Flanke in den Berliner Strafraum schlagen. Der Ball dreht sich, wird schneller, springt auf – und rutscht Unions Torhüter Beuckert durch die Arme ins Tor. 4:0. Pause. Der Stadionsprecher tönt: „Das macht Lust auf ein Kölsch!“ Dann: „Und ein Kaffee für die Berliner – zum wachwerden.“

Das war eine nette Idee, und doch blieb sie ungehört. Unions Trainer Wassilew nahm seinen Torhüter zur Halbzeit raus und ließ Robert Wulnikowski ran, den Ersatzkeeper. Ein Versuch – mehr nicht: Zehn Minuten nach der Pause dribbelten die Kölner entspannt durch die Berliner Spielhälfte, passten und flankten. Und dann drückte Matthias Scherz den Ball zum 0:5 lässig über die Linie. Die Union-Fans in der Nordkurve hatten den Abend längst verdrängt. „Das ist ’ne ganz enge Kiste“, sangen sie. Und: „In Europa kennt euch keine Sau.“ Dieses Lied ist ein Relikt aus vergangenen Europapokal-Tagen und, naja, nicht wirklich ernst zu nehmen.

Weit oben, auf der Tribüne des Rhein-Energie-Stadions, da saß Heiner Bertram. Vielleicht dachte er an den Europapokal. Vielleicht an Österreich. Es hätte sein Abend werden sollen. Vor exakt fünf Jahren hatte Bertram bei Union das Amt des Präsidenten übernommen. Der Aufstieg in den Profifußball vor knapp eineinhalb Jahren, ja, das war vor allem sein Werk. Und für dieses schöne Jubiläum hatte er seinen Österreich-Urlaub unterbrochen. Wäre er nur dort geblieben.

Die Mannschaft hatte sich längst aufgegeben. Nur Wassilew, der tobte plötzlich, gestikulierte und redete fassungslos auf seinen Kotrainer Ivan Tischanski ein. Ein paar Sekunden ging das so – dann schwieg er wieder. Kölns Lottner stand an der Strafraumgrenze. Eine Viertelstunde war noch zu spielen. Lottner lief an, schlenzte den Ball an der Mauer vorbei und traf zum 0:6. Wassilew mochte nicht mehr hinsehen. Sein schicker Mantel war pitschnass. Fünf Minuten vor dem Abpfiff: Der Kölner Markus Kurth traf zum 0:7.

Nach dem Schlusspfiff lief Präsident Bertram zu den Union-Fans und applaudierte. Dank für die Treue, wohl auch Entschuldigung. Als er sich etwas gefasst hatte, sagte er: „So etwas habe ich noch nicht erlebt. Das war ein taktisches Desaster.“ Wird Wassilew jetzt beurlaubt? Bertram sagte: „Wir handeln nicht vorschnell. Wir werden Herrn Wassilew fragen, wie er sich das vorstellt, da jetzt wieder herauszukommen. Diese Niederlage ist die Sache des Trainers.“ Seit Trainer Wassilew vor knapp zwei Wochen angekündigt hatte, er werde seinen Vertrag nicht verlängern, ist die Beziehung zwischen den beiden schlechter geworden. Als der Präsident jetzt in Österreich Urlaub machte, da meldete sich Wassilew wieder zu Wort: Wenn der Erfolg ausbleibe und der Klub ihn beurlaube, dann sei das auch okay. Jetzt, nach dem 0:7 in Köln, sagte er: „Das war die schlimmste Niederlage in meiner Zeit bei Union. Das ist auch meine Schuld.“ Dann: „Die Mannschaft steht hinter mir. Was das Präsidium sagt, ist eine andere Sache.“

Heiner Bertram hatte gerade angekündigt, in vier Wochen den neuen Trainer vorstellen zu wollen. Der soll aber erst im Juli 2003 seine Arbeit in Köpenick aufnehmen. Bertram hat immer gesagt, er werde sich am Schalker Modell orientieren. Dort hatte Huub Stevens seinen Wechsel zu Hertha BSC früh bekannt gegeben, dann aber bis zum Saisonende weitergearbeitet. Mit Erfolg. 0:7 verloren hat Stevens jedenfalls nicht.

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