Union gegen Hertha : Party mit Respektlosigkeiten

Zweitligaaufsteiger Union ärgert Hertha beim 3:5 in der neuen Alten Försterei nur abseits des Platzes. Dem Stadionsprecher in der Alten Försterei gelingt es sogar, Arne Friedrich ein bisschen wütend zu machen.

Sven Goldmann
Fussball Testspiel: 1. FC Union Berlin : Hertha BSC Berlin
Besitzerstolz. Die Union-Fans bejubelten ihr Stadion im Spiel gegen Hertha.Foto: Snaps

Berlin - Dann war da noch die Sache mit dem Dach. Ob es hält? Hat ja ein paar Probleme gegeben in den vergangenen Monaten, mit überforderten Monteuren aus der Slowakei und rasch rekrutiertem Ersatz aus Österreich. Nach einer halben Stunde machte sich Pal Dardai auf zum Belastungstest. Der Ungar in Diensten von Hertha BSC schoss scharf und ungenau und vor allem hoch, so hoch, dass es gefährlich wurde für das Dach. Immer höher stieg der Ball, er flog über die äußere Begrenzung der jungfräulichen Konstruktion, tippte kurz auf und verschwand in der Nacht. Das Dach blieb stehen, womit auch die letzte aller Fragen geklärt war bei dieser Premiere im Südosten Berlins.

Ja, die neue Alte Försterei ist profifußballtauglich. Der 1. FC Union hat sich ein schönes, stimmungsvolles Stadion gebaut. Oder vielmehr bauen lassen von seinen Fans, die den Begriff Subotnik in den vergangenen 14 Monaten mit ganz anderem Leben füllten als zu DDR-Zeiten, da der freiwillige Arbeitseinsatz nach sowjetischem Vorbild so ziemlich alles war, nur nicht freiwillig. Es mag an der Feierlaune gelegen haben, dass dem Stadionsprecher die rot-weißen Hormone zwei-, dreimal durchgingen. Den Hertha-Fans rief er hämisch zu: „Wir haben immerhin ein Zuhause, und ihr?“ Den eigenen Anhang forderte er auf, „die Herthaner zurück nach Charlottenburg zu schicken“, um danach richtig Party zu machen. „Das war schon komisch“, fand Herthas Verteidiger Marc Stein nach dem 5:3-Sieg seiner Mannschaft. Kapitän Arne Friedrich, sonst ein Meister der Kunst des beredten Nichtsagens, formulierte ungewohnt scharf: „Das war respektlos.“

Herthas Manager Michael Preetz lächelte vielsagend und schritt schweigend vom Platz. Von Preetz ist bekannt, dass das Verhältnis zu seinem Köpenicker Amtskollegen Christian Beeck perfekt funktioniert und dass er das Berliner Derby gern zur ständigen Einrichtung in der Vorbereitung machen würde. Kurze Anreise, spielstarker Gegner, echte Wettkampfatmosphäre – „das war perfekt“, sagte Herthas Trainer Lucien Favre. Und die aus dem Lautsprecher? Alors, da schob Monsieur le entraîneur die Gnade seiner frankophonen Herkunft vor: „War da was? Tut mir leid, ich habe nichts verstanden.“

Union ist eben anders, auch im Charme des Understatements. Welcher Klub hätte schon der Versuchung widerstanden, sich laut und breit mit den beiden Ehrengästen zu schmücken, die da kurz vor Spielbeginn ihre Plätze mitten unterm Volk einnahmen. Doch als der Stadionsprecher in der Halbzeitpause „einen ganz besonderen Gast aus der Politik“ ankündigte, war damit nicht Außenminister Frank-Walter Steinmeier gemeint und schon gar nicht der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Sondern deren sozialdemokratische Parteifreundin Gabriele Schöttler, die Bezirksbürgermeisterin von Treptow-Köpenick.

Nur auf dem Rasen zeitigte alle Respektlosigkeit des Zweitligaaufsteigers nicht den gewünschten Erfolg. Hertha war die deutlich überlegene Mannschaft, vor allem in der zweiten Halbzeit, als der Ball im Kurzpassspiel zuweilen so kunstvoll zirkulierte wie in der vergangenen Bundesligasaison. „Das war wirklich gut“, sagte der sonst so mäklige Favre, der nicht mal die drei Gegentore monieren mochte. So etwas passiert in der Vorbereitungsphase, da die Physis im Mittelpunkt aller Arbeit steht, was sich auch in Konzentrationsdefiziten niederschlägt. Nirgendwo fallen sie so auf wie in der Verteidigung.

Auch beim fröhlichen Stürmen auf der anderen Seite des Platzes leisteten sich die Herthaner manchen überflüssigen Fehlschuss, aber wer fünf Tore erzielt, nimmt jeder Kritik die Grundlage. Alle vier aufgebotenen Stürmer trafen in der Wuhlheide, der aus Bielefeld zurückgekehrte Artur Wichniarek sogar zweimal, worüber Favre sich besonders freute. Natürlich hatte er registriert, dass beim frühen Elfmeter gegen seine Order Kapitän Friedrich dem standesgemäßen Schützen Cicero den Ball wegnahm und Wichniarek zur Ausführung schickte. „Das war eine gute Entscheidung von Arne“, sagte Favre, und dass dem neuen Sturmführer das frisch gewonnene Selbstvertrauen deutlich anzumerken gewesen sei. „Man weiß ja, wie so etwas ist, wenn man neu in einem Verein ist“, argumentierte Friedrich, „da tut einem jedes Tor gut.“ Und wenn Artur Wichniarek nun nicht verwandelt, sondern den Ball auf das neue Stadiondach gejagt hätte? „Dann hätte einer ganz gewaltigen Ärger bekommen.“ Friedrich ließ offen, ob er damit sich selbst oder Wichniarek meinte.

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