Unions neuer Verteidiger : Denis Prychynenko: Über die Krim nach Köpenick

Denis Prychynenkos verließ seine Geburtsstadt Potsdam mit 16 Jahren in Richtung Schottland. Über Umwege ist er nun beim 1. FC Union gelandet.

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Schottische Technik. Prychynenko wurde auf der Insel ausgebildet.
Schottische Technik. Prychynenko wurde auf der Insel ausgebildet.Foto: imago/Matthias Koch

Was seinen Urlaub anging, hatte Denis Prychynenko genaue Vorstellungen: ausschlafen, mit Vater Sergei über Fußball plaudern, sich von Mama Elena bekochen lassen. „Ich wollte die Sommerferien so richtig genießen“, sagt er. Daraus wurde nichts. Zu Hause auf dem Sofa erfuhr er vom Lizenzentzug seines Arbeitgebers ZSKA Sofia. „Plötzlich musste ich mich um einen neuen Verein kümmern“, sagt er. In die dritte bulgarische Liga, in der ZSKA demnächst spielen wird, wollte er auf keinen Fall. Sein Vater, früher selbst Fußballer, vermittelte den Kontakt zum 1. FC Union, wo der Sohn nach einer erfolgreichen Probephase kürzlich einen Vertrag bis 2017 unterschrieb.

Nun heißt es rennen statt relaxen. Im Trainingslager in Bad Kleinkirchheim kämpft er mit Benjamin Kessel, Michael Parensen, Toni Leistner und Roberto Puncec um einen der zwei Plätze in der Innenverteidigung. „Er hat sich sehr gut verkauft“, sagt Trainer Norbert Düwel, der sich schon im Trainingslager in Neuruppin beeindruckt von Prychynenkos Zweikampfführung und körperlichen Robustheit zeigte. Mit knapp 1,90 Meter Körpergröße und 85 Kilogramm verfügt der 23-Jährige über Idealmaße für einen Innenverteidiger.

Mit 16 verließ Prychynenko Potsdam in Richtung Schottland

Nun also wieder Deutschland. Prychynenko ist froh, zurück zu sein. Seinen Namen kennen hier nur Insider. Zu früh hat Prychynenko, der gebürtige Potsdamer, Deutschland verlassen, nach Stationen bei Energie Cottbus und Tennis Borussia. Er war 16 Jahre alt, als der schottische Klub Heart of Midlothian um ihn warb. „Das war aufregend, ein Abenteuer“, sagt Prychynenko. Er durchlief die Jugendmannschaften, wurde an die Raith Rovers ausgeliehen und bekam später Einsätze in der ersten Mannschaft der Hearts.

Prychynenko spricht fünf Sprachen und plant sein zweites Studium

In Schottland fühlte er sich wohl, neben dem Fußball studierte er an der Fernuni in Edinburgh Business und Marketing. Kürzlich gelang ihm der Abschluss. Ein weiteres Studium im Bereich Jura soll folgen. „Viele Leute denken, Fußballer sind alle blöd, aber das stimmt nicht“, sagt Prychynenko, der fünf Sprachen spricht. Für das Leben nach dem Sport will er gerüstet sein, zu prägend waren seine Erfahrungen im Fußballgeschäft. Etwa das Ende bei Heart of Midlothian. Der Klub bekam finanzielle Probleme, Prychynenko wurde gekündigt.

Weiter ging es für ihn in Sewastopol, erste ukrainische Liga. Prychynenko spielte regelmäßig, oft von Beginn an. Auch auf der Krim fühlte er sich wohl. Sein Onkel, der Zwillingsbruder seines Bruders, lebte dort. Dann kam der Krieg. Die Krim wurde russisch, Sewastopol fand sich plötzlich unter neuem Namen in der dritten russischen Liga wieder.

Die letzten Wochen auf der Krim wird er nie vergessen, vor allem nicht den Tag nach dem Beitritt zu Russland. Prychynenko wollte zum Training fahren, wie immer schlug er eine Stunde vor Beginn der Einheit am Vereinsgelände auf. Als er ankam, standen die meisten Spieler schon auf dem Platz. Die Uhren waren über Nacht der Moskauer Zeit angepasst worden, den ausländischen Spielern hatte niemand Bescheid gegeben. „Es war skurril, überall hingen auf einmal russische Flaggen, die Menschen trugen Putin-Shirts und jubelten“, sagt Prychynenko. „Als wäre man in einer anderen Stadt aufgewacht.“ Seinen Verwandten gehe es heute aber besser, die Löhne seien gestiegen, erzählt er. Bleiben wollte er nicht. Der Verein schuldet ihm noch Geld. Das Gleiche gilt auch für ZSKA Sofia, vier Monatsgehälter stehen noch aus. Allein in dieser Hinsicht dürfte der 1. FC Union eine Verbesserung für Denis Prychynenko darstellen.

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