• Unions Trainer im Interview: Uwe Neuhaus: "Ich hätte gar nicht in den oberen Fußball gehen dürfen"

Unions Trainer im Interview : Uwe Neuhaus: "Ich hätte gar nicht in den oberen Fußball gehen dürfen"

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel erzählt Unions Trainer Uwe Neuhaus über seine Karriere als Aufsteiger, was er am Fußball nicht mag und was nicht an sich selber.

Katrin Schulze,Friedhard Teuffel
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Uwe Neuhaus, 49, wurde als Kotrainer mit Borussia Dortmund 2002 Deutscher Meister. Seit 2007 trainiert er den 1. FC Union, der...Foto: ddp

Herr Neuhaus, Sie stehen mit dem 1. FC Union vor dem Aufstieg in die Zweite Bundesliga. Das hätte man sich fast ausrechnen können, wenn man Ihren Lebenslauf liest.



Ach ja?

Sie sind während Ihrer ganzen Karriere aufgestiegen und kamen als Spieler erst sehr spät in die Bundesliga.

Das stimmt, als ich mit Wattenscheid in die erste Liga aufgestiegen bin, war ich 30. Davor ist aber schon einiges passiert, dafür müsste ich allerdings weit zurückgehen.

Nur zu.

Ich bin Sohn einer Arbeiterfamilie und habe erstmal Elektriker auf der Henrichshütte in Hattingen gelernt.

Wie sah das aus?

Eine Ausbildung im Anlagenbereich mit allen Stationen: Schlosserei, Schweisserei, Schmiede, Dreherei. Danach habe ich zweieinhalb Monate im Walzwerk gearbeitet. Mit dicken Kabeln auf der Schulter im Dreck. Dann war ich vier Jahre bei der Bundeswehr und habe Hubschrauber repariert. Als ich ein Angebot von einem Oberligaverein bekam, musste ich mich zwischen Bundeswehr und Fußball entscheiden. Später habe ich eine Probezeit in der Justizvollzugsanstalt gemacht. Aber da muss man für geboren sein, um zu verarbeiten, was man da täglich mitbekommt. Deshalb habe ich das auch wieder hingeschmissen.

Hat es einen Vorteil, im Fußball erst spät oben angekommen zu sein?

Wenn ich früher in die Bundesliga gekommen wäre, dann wäre es mir vielleicht so ergangen wie dem ein oder anderen Profi in jungen Jahren: sehr viel Geld, dickes Auto, leicht abgehoben. Mit meinen 30 Jahren ist es mir jedenfalls nicht passiert. Ein anderer Vorteil ist: Ich habe in fast allen Klassen selbst gespielt. Ich weiß also, wie es unten aussieht, wie es oben aussieht, wie es in der Mitte aussieht. Wir haben ja hier bei Union auch eine U 23 in der Verbandsliga. Da kann ich mich gut reinversetzen.

Ist es die beste Voraussetzung für eine Karriere im Fußball, sich von unten durchgekämpft zu haben?

Man weiß, auf welche Dinge man sich verlassen muss. Das sind Fleiß und vernünftige, saubere, harte Arbeit. Ich bin nun mal davon überzeugt, dass Fleiß irgendwann belohnt wird, in welcher Größenordnung auch immer. Als ich bei Rot-Weiß Essen gespielt habe, habe ich nebenher gearbeitet und mich nachmittags gefragt: Wie willst du abends das Training überstehen? Aber so haben es viele andere auch gemacht und es hat mir sicher auch gut getan.

Haben Sie von Anfang an gemerkt, dass auch Union eine Tradition als Arbeiterklub hat, hervorgegangen aus den Schlosserjungs aus Oberschöneweide?

Das mit den Schlosserjungs habe ich erst jetzt durch das Auswärtsspiel in Paderborn mitbekommen, als einige Fans eine Mottofahrt gemacht haben in Blaumännern. Vor meinem Arbeitsbeginn hier habe ich aber viel über Union gelesen. Ich war mir sicher, dass der Verein vergleichbar ist mit Rot-Weiß Essen. Das ist auch ein Arbeiterverein.

Hat Ihnen das den Einstieg erleichtert?

Ich habe mich von Anfang an mit den Menschen hier gut verstanden, weil die ein Gespür dafür haben, wie einer seine Arbeit angeht. Und weil die Menschen in Berlin nicht viel anders sind als die im Ruhrgebiet. Als die Sanierungsarbeiten hier am Stadion anfingen, habe ich auch mal ein Schweißgerät in die Hand genommen und eine Schweißnaht gesetzt. Die sah zwar nicht so toll aus, aber ich habe glaube ich ein Stück Verbundenheit gezeigt.

Haben Sie in Ihrer Trainerlaufbahn unter den Spielern Seelenverwandte getroffen?

Oh ja, ich glaube, das war sogar die Mehrheit. Ich war auch kein begnadeter Fußballer und musste mir alles erarbeiten. Die begnadeten Fußballer sind nicht in der Zahl vorhanden wie die Durchschnittskicker, die vom Fleiß leben.

Je höher es geht, desto mehr Hochbegabte haben Sie in der Mannschaft, also wird es für Sie als Trainer auch immer schwerer?

Der Höhepunkt meiner Trainerkarriere war ja bisher Borussia Dortmund. Da kamen mit Michael Skibbe und mir zwei No-Name-Trainer und gaben auf einmal den Ton an für Spieler, die schon alles erreicht hatten. Wir hatten einen Kader von 32 oder 33 Leuten. Zu jedem Spieltag konnten wir 18 für unser Aufgebot benennen. Dann hatten wir aber nochmal die gleiche Anzahl, die mit so ner Krawatte rumlief und uns nicht gerade freundlich gesonnen war. Je höher man kommt, desto mehr geht es um Menschenführung, darum, die Gruppe auf einem gemeinsamen Weg zu halten. Da muss man viel Empathie besitzen, um sich in die Lage der Spieler reinzuversetzen und sie vielleicht für zwei, drei Wochen oder Monate bei der Stange zu halten.

Wussten Sie von Anfang an, was funktioniert oder haben Sie viel ausprobiert?

Otto Rehhagel sprach immer von seinem reichen Fundus. Ich glaube, der ist durch nichts zu ersetzen. Da hat man zwei, drei Lösungsvarianten für jedes Problem parat. Einige Dinge waren damals mit Sicherheit falsch und ich mache auch heute einiges falsch.

Zum Beispiel?

Vielleicht einen vom Training zu suspendieren für eine Kleinigkeit oder bei einem anderen ein Auge zuzudrücken. Unser großes Thema damals war Andy Möller. Wenn Michael Skibbe nach einer Niederlage Spieler kritisiert hat, dann nie Andy Möller. Nach dem Motto: Ist ein wichtiger Spieler, muss ich vorsichtig sein. Ich habe ihm dann gesagt: Micha, meinst Du nicht, es ist für die anderen auch ein Zeichen, wenn Du einem einen reindrückst und den anderen volley nimmst, aber Möller immer außen vorlässt? Sollten wir nicht auch seine Fehler ansprechen?

Wie ist das ausgegangen?

Ich glaube, er hat ihn dann auch mal kritisiert.

Mit der Generation Michael Skibbe hat sich auch die Wahrnehmung des Trainers gewandelt. Es kam eine Generation, die sehr viel über Taktik gesprochen hat und nicht wie Rehhagel Weisheiten präsentiert hat. Haben Sie das damals auch so erlebt?

Ja, aber nicht in Bezug auf Skibbe. Ich glaube, dass der Wandel einherging mit der neuen Vermarktung des Produkts Fußball. Da kam die erste „ran“-Sendung mit Beckmann und ich habe gedacht: Was passiert mit uns, was machen die? Die Berichterstattung hat eine erschreckende Rasanz angenommen. Wenn ich heute DSF gucke, mache ich mir schon Gedanken für die nächste Saison, wie ich selber damit umgehe. Da wird alles auf einen Thron gehoben im Erfolgsfall und wenn Du keinen Erfolg hast, kannst Du gar nicht so tief fallen, wie sie dich runterstürzen.

Was bedeutet das für Sie?

Dass ich Interviews so kurz wie möglich halte (lacht). Nein, ich werde mich anpassen müssen. So wie ich vom Wesen her bin, hätte ich gar nicht in den oberen Fußball gehen dürfen. Ich versuche eigentlich, so wenig wie möglich von mir preiszugeben. Das ist mein Charakter. Ich sehe mich nicht gerne in der Zeitung, ich habe mich früher auch nicht gerne spielen sehen. Da habe ich immer gedacht: Wie läufst Du eigentlich da rum? Das sah so unrund, so staksig, so hölzern aus.

Also hätten Sie gerne in den 50er Jahren gespielt, als es noch nicht so viel Fußball im Fernsehen gab.

Vor allem, weil die auch noch nicht so viel gelaufen sind.

Werden Sie in Berlin erkannt?

Dazu vorweg: Nehmen Sie mal den Matthias Sammer. Der hat in seiner Karriere kaum Spielbeobachtungen gemacht. Ich weiß auch warum. Ich war einmal mit ihm in Osnabrück. Der hat keine Ruhe. Dann gab es noch die Geschichte mit seinen Kindern, die kurz vor der Entführung standen. Danach hat er Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die ich nie für mich treffen möchte. Ich möchte den Preis nicht bezahlen, so in der Öffentlichkeit zu stehen. Wenn ich jetzt über den Potsdamer Platz gehe, merke ich schon, wie der ein oder andere guckt, aber es ist erträglich. Im Moment macht es sowieso Spaß. Aber es gibt auch die andere Seite mit Pöbeleien. In Essen waren die Fans hinterher bei mir zu Hause und haben ein Auto beschmiert. Meine Kinder haben eine ganz schmerzvolle Zeit mitgemacht und sind auch in der Schule beschimpft worden.

Haben Sie sich hier ein Rückzugsgebiet geschaffen oder wohnen Sie mittendrin?

Ich wohne mittlerweile in Zehlendorf, ein schönes Stückchen entfernt, aber nur eine halbe Stunde Fahrt.

Wie viel Berlin leben Sie?

Ich habe mir schon einiges angeschaut, Wintergarten, Blue Man Group, Theater, war in vielen Restaurants, es gibt ja auch die Esskultur. Ich habe mich in der Anfangszeit oft ins Auto gesetzt und bin einfach mal durch die Stadtteile gefahren. Ob ich mich mit so einer großen Stadt identifizieren kann, weiß ich nicht. Für den Fußballer bedeutet Identifikation, dass er sein Vereinswappen auf dem Trikot küsst. Da muss ich aufpassen, dass ich kein Herpes bekomme. Das ist für mich in den meisten Fällen Heuchelei.

Welche Rolle spielt denn Union in der Stadt?

Leider noch eine zu geringe. Union ist irgendwo Kult. Die Leute hier haben alles gegeben, sie haben das Überleben des Vereins ermöglicht. Wegen ihnen können wir das alles jetzt genießen. Ich hoffe, dass wir immer mehr Neugierige anziehen durch unseren sportlichen Erfolg. Es muss ein kontinuierlicher Prozess sein, um vielleicht einmal in fünf oder zehn Jahren Konkurrenz zu Hertha aufzubauen.

Wäre es eine Option für Union, in ein anderes Stadion zu ziehen, um neue Zuschauerschichten zu erschließen?

Das darf nie passieren. Weil man dann das Fundament zerstört. Wenn man hier weggeht, muss man ein ganz neues Produkt schaffen. Es gibt Klubs wie Leverkusen und Wolfsburg mit einem großen Konzern als Unterstützer. Die werden von vielen als Plastikverein wahrgenommen. Oder Hoffenheim. Die gibt es zwar seit 1899, aber es steckt nicht so viel dahinter.

Sie sind ja ein richtiger Traditionalist. Wo sind die Grenzen des Erträglichen?

Für mich gab es eine entscheidende Szene: Als ich Frank Mill im Fernsehen gesehen habe, wie er nach dem Spiel am Zaun bei den Fans zum Abklatschen vorbeigelaufen ist und der Kommentator sagte: Hier sehen Sie Frank Mill bei seiner besten Aktion heute. Da geht für mich der Respekt verloren.

Wie viel Glamour verträgt der Fußball?

Ich fürchte, wir haben das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht.

Was kann noch kommen?

Wenn ich das wüsste, würde ich vielleicht heute schon aussteigen. Wir haben inzwischen einen gläsernen Palast. Jedes Gespräch, das ich vertraulich führe, ist in diesem Moment schon nicht mehr vertraulich. Ich versuche dennoch ehrlich zu den Spielern zu sein. Ich sage manchmal zu einem: Ich kann Dir nicht genau sagen, warum ich Dich nicht aufstelle, vielleicht ein Bauchgefühl, vielleicht liege ich auch falsch, aber ich habe mich für einen anderen entschieden. Ich hätte ihm auch sagen können: Du hast im Training aus drei Metern neben das Tor geschossen.

Wie bilden Sie sich weiter?

(holt ein Buch aus seiner Tasche „Der Erfolgsnavigator. Ohne Stress und Burnout private und berufliche Ziele verwirklichen“). Sie sehen, ich habe auf diese Frage nur gewartet. Im Ernst: Ich muss immer wieder neue Wege finden. Wir haben hier seit Monaten die gleiche Situation: Wir haben nicht mehr verloren. Wenn man da jede Woche das gleiche erzählt, geht es bei den Spielern hier rein oder da wieder raus.

Was tun Sie dagegen?

Im Training ist jede Form irgendeine Art Wettkampf. Manchmal spielen wir um fünf Euro, weil wir schon den ein oder anderen Schotten dabeihaben. Oder die Schlechtesten beim Schusstraining mit ruhendem Ball aus 18 Metern tragen eine Woche lang eines von unseren beiden Leibchen, die nach zwei Boulevardjournalisten benannt sind. Oder sie haben eine Woche Materialdienst. Oder fegen den Kabinentrakt. Und die Verlierermannschaft aus unserem Abschlussspiel muss uns auf dem gesamten Weg zum Bus begleiten und die La Ola machen.

In der Ansprache an die Mannschaft ist der Wortschatz sicher auch irgendwann aufgebraucht?

Man kann sich Etappenziele setzen. Wir haben noch acht Spiele. Vielleicht setzen wir uns die nächsten beiden Spiele als Ziel und wollen in denen sechs Punkte kriegen. Dann haben wir 70 Punkte, vielleicht sind die anderen dann rechnerisch gar nicht mehr in der Lage uns einzuholen. Oder konkret: Nur das Spiel gegen Stuttgarter Kickers. Scheinbar eine ganz klare Sache: Erster gegen Letzten. Das ist die schwierigste Aufgabe überhaupt. Es werden doch schon die Fragen gestellt, wo findet die Meisterfeier statt, hier in der Alten Försterei oder sonstwo. Aber es ist die Kunst, alles auszublenden und sich nur auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren.

Gibt es andere Trainer, von denen Sie etwas übernehmen?

Rein vom Trainingsablauf probiere ich vielleicht sogar zu wenig taktische Dinge aus. Vielleicht, weil es im Moment einfach gut läuft. Da bin ich nicht ganz zufrieden mit mir. Bei öffentlichen Auftritten bin ich auch noch nicht ganz zufrieden mit mir. Ich schaue mir schon im Internet viel an, wie andere Trainer in unterschiedlichen Situationen reagieren. Da versuche ich schon, das ein oder andere mit aufzunehmen oder zu vermeiden.

Beispielsweise?

So richtig mochte ich die ironische Art von Hans Meyer nie. Manchmal habe ich herzlich gelacht, da waren schon ein paar Knaller dabei. Aber wenn ich in dem Schlamassel wie Gladbach stecke, dann wirkt das nicht gut auf mich. Für mich käme auch nie in Frage, den Lautsprecher zu machen wie Neururer oder Daum zu Beginn ihrer Karriere. Nein, sowas bitte nicht mit mir.

Das Gespräch führten Katrin Schulze und Friedhard Teuffel.

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