Sport : Universiade: Peking im Spagat

Markus Gärtner

"Konzentriere dich auf die Lehre des Konfuzius und nicht auf die Politik", lautet ein alter akademischer Rat an Chinas Studenten. Die Universitäten des Landes sind Campus-Lehrstätten, abgeschirmt durch hohe Mauern, wie die Verbotene Stadt in Peking. Wenn Studenten doch einmal in großer Zahl ihre festungsähnlichen Lehrstätten verlassen, ist oft die hohe Politik im Spiel. So war es bei der Demokratiebewegung 1989, die blutig auf dem Platz des Himmlischen Friedens niedergeschlagen wurde. So war es nach der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad durch Flugzeuge der Nato im Frühjahr 1999, als der Propaganda-Apparat tausende von Studenten ins Pekinger Botschaftsviertel karrte, damit sie die Botschaft der USA belagern. Auch während der 21. Universiade in Peking lässt sich die Politik nicht ausblenden, obwohl Peking das globale Sportfestival der über 6000 Studenten aus 169 Ländern im Geiste des Sports und nicht der Politik abhalten will, wie Pekings Bürgermeister Liu Qi sagte.

Als Taiwans Team zum Auftakt der Universiade im Pekinger Arbeiter-Stadion einmarschierte, sprangen sorgsam ausgewählte Studenten von Pekinger Hochschulen auf und sangen ein einstudiertes Willkommenslied. Die Athleten von der Inselrepublik, die Chinas Propaganda als abtrünnige Provinz bezeichnet, waren vorbereitet und warfen bunte Frisbee-Scheiben in die Menge. Chinas Führung, die vor der Olympia-Entscheidung am 13. Juli zugunsten Pekings warnte, die Politik außen vor zu lassen, sandte zum Auftakt der Universiade eine weitere politische Botschaft aus. Die taiwanesische Popsängerin Chang Huei-mei - in China mit Auftrittsverbot belegt, seitdem sie zur Amtseinführung von Taiwans Präsident Chen Shui-bian im Mai 2000 sang - wurde anlässlich der Universiade rehabilitiert. Die Popdiva von der Insel begeisterte 50 000 Besucher im Stadium, kurz bevor Staatspräsident Jiang Zemin seinen Sitz einnahm und die Spiele der Studenten eröffnete. Ein unübersehbarer Olivenzweig in Richtung Taiwan.

Die politischen Untertöne und der ständige Verweis auf Olympia 2008 sind wohl kaum zu vermeiden. Erst vor knapp sechs Wochen erhielt Peking den Zuschlag für die Sommerspiele in sieben Jahren. Die Universiade ist das erste internationale Sportereignis von hohem Rang in China. Gestern traf IOC-Präsident Jacques Rogge in Peking ein. Zwei Tage wolle er bleiben und sich einen Eindruck von Ablauf und Organisation der Universiade verschaffen. Rogge stellte klar, das IOC werde sich nicht zum Richter über die Menschenrechte in China aufschwingen. "Das IOC tritt natürlich für bestmögliche Verhältnisse der Menschen in allen Ländern ein. Aber es ist nicht seine Aufgabe, sie zu überprüfen und zu bewerten. Diese Rolle kommt anderen Organisationen zu", sagte Rogge.

So sehr im Rampenlicht will Peking diesmal nichts anbrennen lassen. Über 4000 Polizisten patrouillieren rund um die Uhr durch die Straßen. Wie ein eiserner Besen haben sie auf der Schattenseite der glanzvoll präsentierten Olympia-Stadt gefegt. Vor Beginn der Studenten-Spiele wurden 10 000 verdächtige Personen festgenommen. Und Pekings 13 Millionen Einwohner wurden sanft ermahnt, sich den Gästen gegenüber freundlich zu benehmen.

"Grün, High Tech und an den Menschen orientiert" soll die Universiade sein, propagiert Tu Mingde, ein Mitglied des Organisationskomitees. Den Erfolg der Veranstaltung misst man in China fast ausschließlich am Medaillenspiegel. Der wird eingesetzt, um die Volksseele zu streicheln und nationalistische Gefühle zu schüren. Sie wirken in dieser wirtschaftlich angespannten und mit extremer sozialer Ungleichheit befrachteten Zeit der Reformen stabilisierend. "China baut seine Medaillenernte sprunghaft auf 21 Goldmedaillen aus, dreimal so viel wie der stärkste Rivale Japan", berichtete gestern stolz die "China Daily" zur Halbzeit der Spiele.

Der gigantische organisatorische und finanzielle Aufwand - umgerechnet 250 Millionen Mark wurden in den Bau von Straßen und Sportstätten gesteckt - soll alle Pannen im Keim ersticken. Fußball-Reporter mussten jedoch feststellen, dass sie bei zeitgleicher Austragung mehrerer Begegnungen nicht die Zwischenresultate aus den anderen Stadien erfahren konnten. Doch das haben die Veranstalter umgehend behoben. Mit 40 000 freiwilligen Helfern kein Problem. 60 Millionen Mark wird Peking jetzt einnehmen. Ernst wird es 2008. Die Investitionen in Straßen, Umwelt und Sportstätten werden Chinas Bruttoinlandsprodukt jährlich um 0,3 Prozent wachsen lassen, hat die Investment-Bank Goldman Sachs ausgerechnet.

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