Sport : Unmöglich, zu verlieren

Wladimir Klitschko dominiert den Kampf gegen seinen früheren Bezwinger Lamon Brewster

Michael Rosentritt[Köln]

Als erstes war sein breites Grinsen im Raum. Beschwingt nahm Wladimir Klitschko Platz und plauderte drauflos. Im Hintergrund wummerten die Bässe der „Klitschko-Party“, die der übertragende Fernsehsender RTL arrangiert und dafür zahlreiche Prominente zusammengeholt hatte. Klitschko trug in den frühen Morgenstunden des Sonntags eine Art Hausanzug eines Edel-Designers, eine Garderobe, die man in besseren Wohngegenden dieser Welt nach Feierabend auf der Couch trägt. Genauso gut hätte der 31-Jährige auch in Badehose erscheinen können, die er so lieb gewonnen hatte im Trainingslager beim Stanglwirt in Going. Nach jedem Sparring war der Koloss aus Kiew in den Badesee am Wilden Kaiser gesprungen. Und mehr als ein besserer Sparringskampf fand auch in Köln nicht statt.

Sein Gegner Lamon Brewster, so die Erkenntnis nach sechs geboxten Runden in der mit 20 000 Zuschauern ausverkauften Kölnarena, hätte daheim in Los Angeles auf der Couch bleiben können. Sein Tun war in etwa so aussichtslos wie es wohl der Versuch Kurt Becks ist, Bundeskanzler zu werden. „Ich konnte heute nicht verlieren. Ich kann Ihnen das Gefühl nicht besser beschreiben, aber es war so“, sagte Klitschko. Seine Motivation sei groß gewesen nach der Schmach vor über drei Jahren, die ihm Brewster zugefügt hatte. „Das hat mir damals sehr wehgetan, ich war auf dem Boden meines Sports, niemand wollte mit mir mehr etwas zu tun haben. Jetzt habe ich alles getan, was ich zu tun hatte“, sagte Klitschko.

Am Ende der Pause zur siebenten Runde stakste der 34-jährige Brewster hinüber in die Ringecke des Weltmeisters und bedeutete ihm, dass er nicht mehr weiterzukämpfen gedenke. Vorangegangen war ein Disput des Amerikaners mit seinem Trainer Buddy McGrit. „Ich sagte zu Lamon, dass er schon ziemlich viele Schläge eingesteckt hat und dass er, wenn er noch mal an einem anderen Tag Boxen möchte, vielleicht aufhören sollte.“ Es war eine nüchterne Analyse.

Dieser Lamon Brewster war nicht mehr der, der er vor drei Jahren noch war. Mit seinem barocken Bart, den er sich am Kampftag schor, fiel der letzte Funken Schrecken ab vom Herausforderer. In seinen güldenen Boxer-Shorts und mit eingeöltem Oberkörper sah er aus wie eine polierte Trophäe, die sich der Titelverteidiger im Ring nur abzuholen brauchte. Klitschko wirkte konzentrierter, er boxte intelligent, seine Distanz war gut, seine Schläge hatten Dampf und sehr gutes Timing. Der Ukrainer ließ seine Rechte schön weit oben vor seiner rechten Gesichtshälfte, eine Vorsichtsmaßnahme gegen den gefürchteten linken Haken des Amerikaners, der ihm im April 2004 bei Klitschkos merkwürdigem Kollaps- Kampf zum Verhängnis geworden war.

Dieses Mal stand ein mutiger, gut trainierter Klitschko im Ring, der nicht nach einer Runde japste. Er war fokussiert auf seinen Job. Er demonstrierte seine Stärken, die vorbereitungslos geschlagene Rechte und den tadellosen Jab. Am Sonntag trug er einen Gips an der linken Führhand, die Verletzung soll er sich schon früh im Kampf zugezogen haben. „Dieser Jab ist einfach brutal“, flüsterte hinterher Lennox Lewis, der als letzter Schwergewichtler die WM-Titel aller Splitter-Weltverbände auf sich vereinigt hatte. „Ich glaube, dass Wladimir alle anderen Schwergewichtler, die derzeit oben stehen, schlagen wird“, sagte der frühere Meister aller Klassen.

„Ich komme jetzt als Boxer in die beste Phase, aber ich bin noch nicht da, wo ich hin will“, sagte Klitschko. Nachdem er zweimal in Folge in Deutschland seinen Titel des Verbandes IBF verteidigt hat, wird er im Herbst in den USA in den Ring steigen. Demnächst duellieren sich die beiden Weltmeister der Konkurrenzverbände WBA (Ruslan Tschagajew) und WBO (Sultan Ibragimow). Wladimir Klitschko findet „diese Eliminierung“ gut, dann gäbe es einen Boxer, der zwei Titel hielte. „Mein Ziel ist es, dass die Schwergewichtsszene gereinigt wird. Aber leider müssen sich die anderen auch stellen“, sagte der Ukrainer.

Plötzlich erzählte Klitschko eine hübsche Geschichte. Ein halbes Jahr nach der Niederlage gegen Brewster habe er durch Zufall in einem Restaurant in Los Angeles dessen Clan getroffen. Brewsters Manager Sam Simon sei zu ihm an den Tisch gekommen und habe ihm eine ganz besondere Visitenkarte überreicht, eine Klappkarte. Auf dem Deckblatt ist ein Foto von Brewster, dem neuen Boxweltmeister, und im Inneren ist eines von am Boden liegenden Klitschko zu sehen. Simon bat Klitschko damals im Restaurant, diese Visitenkarte zu unterschreiben. Klitschko tat das nicht, er kassierte die Karte ein und behielt sie seitdem in seiner Brieftasche. Und nun zog er das gute Stück aus der Hosentasche und tat, was vom ihm verlangt wurde. Er unterschrieb es mit einem ganz, ganz breiten Grinsen.

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