• Unser Blog zum Bundesliga-Wochenende: Darf Horst Heldt eigentlich André Breitenreiter noch entlassen?

Unser Blog zum Bundesliga-Wochenende : Darf Horst Heldt eigentlich André Breitenreiter noch entlassen?

Außerdem: Hertha BSC ist der Gewinner des Spieltags. Borussia Mönchengladbach sucht die Stabilität. Auch die Bayern sind bezwingbar. Der VfL Wolfsburg stürzt ab.

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Vor dem Trainer. Horst Heldt hat André Breitenreiter immer verteidigt. Dank dafür gab es nicht.
Vor dem Trainer. Horst Heldt hat André Breitenreiter immer verteidigt. Dank dafür gab es nicht.Foto: dpa

16.50 Uhr - Regäsel und Ben-Hatira kehren ins Olympiastadion zurück. Hertha BSC empfängt am Mittwochabend im Olympiastadion Eintracht Frankfurt. Das riecht nach: „Wir erwarten 40.000 Zuschauer.“ Die Hertha-Euphorie in der Stadt gibt sich ja weiterhin nur bei Pokal-Halbfinals gegen Borussia Dortmund und bei Spielen gegen Bayern München zu erkennen. Klar, Abendspiel unter der Woche, das ist unangenehm für Fans aus dem Hertha-Kernland Berliner Speckgürtel. Dazu ist Frankfurt Viertletzter und hat in dieser Saison schon sechs Mal 0:0 gespielt - das verheißt nicht gerade großes Fußballspektakel.

Der größte Reiz des Spiels könnte darin liegen, dass Änis Ben-Hatira und Yanni Regäsel nach ziemlich genau vier Wochen in ihre alte Heimat zurückkehren. Regäsels Wechsel zur Eintracht habe ich Anfang Februar zum Anlass genommen, mir mal ein paar grundsätzlichere Gedanken zum Ertrag der Nachwuchsarbeit bei Hertha BSC zu machen. Es hat zu den in der heutigen Zeit üblichen Beschimpfungen („geht an den Realitäten vorbei und ist ... Blödsinn!“ / „Leider entspricht das gehaltlose und stereotyp seit Jahren wiederholte Geschreibsel genau dem gleichen kompetenzlosen Inhalt anderer Beiträge des Autors zum Thema Hertha BSC“) geführt. Fühle mich komplett missverstanden und könnte jetzt noch mal richtig in die Tiefe gehen. Nach achtstündiger Blogarbeit habe ich dazu aber keine Lust mehr. Wird bestimmt mal nachgeholt.

Regäsel hat bei den Frankfurtern dreimal hintereinander in der Startelf gestanden. Am Sonntag, beim 0:0 gegen Schalke, saß er erstmals nur auf der Bank, in der 71. Minute wurde er eingewechselt. Ben-Hatira bringt es bisher auf zwei (von vier möglichen) Einsätzen, bei denen die Eintracht jeweils verloren hat. In der Startelf stand er noch nicht, bei den beiden jüngsten torlosen Unentschieden wurde er nicht einmal eingewechselt. Es ist also gut möglich, dass am Mittwoch gegen Hertha keiner der beiden Ex-Herthaner spielen wird.

15.40 Uhr - Schon morgen geht's weiter. Der Rückblick auf den vergangenen Spieltag der Fußball-Bundesliga ist heute auch schon eine Vorschau auf den kommenden Spieltag. Bereits morgen geht es mit den ersten beiden Begegnungen des 24. Spieltags weiter. Der 1. FC Köln muss zur Schauspieltruppe FC Ingolstadt. Unser Kolumnist Frank Lüdecke hat den Aufsteiger gegen die Vorwürfe fortwährender Unsportlichkeit verteidigt. Die Gegenposition in dieser Debatte nimmt Arnd Zeigler ein, der in seiner Sendung am späten Sonntagabend durch geschicke Bildauswahl die Methoden der Ingolstädter entlarvt hat: bei jeder Berührung erst einmal laut losbrüllen, bei jedem Luftkampf an den Kopf fassen und liegen bleiben. Dazu beginnt die Zeitschinderei in Ingolstadt bereits ab Minute 15.

Das zweite Spiel am Dienstag ist das Niedersachsen-Derby zwischen den kriselnden Wolfsburgern (siehe ganz unten) und den wiedererstarkten Hannoveranern, die nach acht Niederlagen jetzt schon einmal hintereinander gewonnen haben und ihre Serie natürlich ausbauen wollen. Kein Tag ohne Hiobsbotschaft beim VfL Wolfsburg: Neben den Altverletzen und Naldo ist auch der Einsatz von Vieirinha wegen einer Sprunggelenksverletzung fraglich.

Interessant wird es nicht nur für die Fans der vier schon morgen spielenden Klubs, sondern auch für alle anderen. Es gibt verlässliche Anzeichen dafür, dass die Deutsche Fußball-Liga bereits morgen die nächsten Spieltage in der Ersten und Zweiten Liga terminieren wird. Drängt aber noch nicht. Ist ja erst in elf Tagen. Der „Kicker“ vermeldet, dass die Verzögerung daran liegt, dass die Polizei nicht zu Potte kommt.

Leverkusens Kampl hat sich das Wadenbein gebrochen, Rudy für drei Spiele gesperrt

Schlechte Nachricht für Bayer Leverkusen: Kevin Kampl hat sich vor einer Woche im Spiel gegen Borussia Dortmund das Wadenbein gebrochen. Das hat eine weitere Untersuchung ergeben. Zunächst war bei Kampl nur ein Muskelfaserriss in der linken Wade sowie ein Knochenödem festgestellt werden. +++ Verzichten muss auch die TSG Hoffenheim, und zwar auf Sebastian Rudy. Der Nationalspieler ist nach seiner Roten Karte im Spiel gegen Borussia Dortmund für drei Spiele gesperrt worden.. 

14.30 Uhr - Wie geht es weiter beim FC Schalke 04? Als im vorigen Herbst die ersten Gerüchte aufkamen, dass der FC Schalke 04 sich um den Mainzer Christian Heidel als neuen Manager bemüht, hat der Amtsinhaber Horst Heldt sich beim Aufsichtsrat des Klubs ausbedungen, dass er bis zum Ende der Saison bei Wahrung seiner vollen Kompetenz im Amt bleiben darf. Theoretisch plant Heldt also sogar noch die kommende Spielzeit, für die er dann gar nicht mehr verantwortlich sein wird. Da stellt sich natürlich auch die Frage: Darf Horst Heldt eigentlich auch noch Trainer André Breitenreiter entlassen, wenn es ihm zwingend notwendig erscheint?

Bisher ist es ihm nicht notwendig erschienen. Vor einigen Wochen hat sich Heldt sogar schützend vor den Trainer geworfen, als Meldungen die Runde machten, dass Breitenreiters Ruf vereinsintern schon längst nicht mehr der beste ist. Heldt hat das wortreich dementiert („völliger Wahnsinn und auch Schwachsinn“), obwohl Insider sagen, dass alles, was da über Schalkes Trainer behauptet wurde, der Wahrheit schon ziemlich nahe gekommen sei. Aber manchmal muss man in verantwortlicher Position eben auch die Wahrheit ein bisschen verbiegen, damit einem der ganze Laden nicht auseinander fliegt.

Schön ist daher, wie Breitenreiter Heldt zum Dank - ob gewollt oder nicht - immer wieder auflaufen lässt. Nach dem blamablen Aus in der Europa League gegen Schachtjor Donezk in der vergangenen Woche und den höhnischen Kommentaren der Schalker Fans gegen die eigene Mannschaft hat Breitenreiter in aller Öffentlichkeit gefragt: „Das hat mit Erwartungshaltung zu tun, hier träumt man von der Meisterschaft und der Champions League, das ist völlig unrealistisch.“ Und wer hatte solche surrealen Erwartung geschürt? Horst Heldt vielleicht, der ein paar Tage vorher von seinem Traum gesprochen hatte: „Ich möchte mit dem Verein auf einem Champions-League-Platz abschließen. Das ist mein Ziel.“

Breitenreiter ist keinen Deut besser als Di Matteo

Breitenreiter meint vielleicht, er brauchte Heldt nicht mehr, diese vermeintlich lahme Ente, die bald eh nicht mehr da ist. Zumal Breitenreiter im vergangenen Sommer ja auch der erklärte Wunschtrainer des Schalker Big Bosses Clemens Tönnies war. Wenn er sich da mal nicht täuscht. Bei Schalke kann alles so schnell gehen, dass Heldt zum Abschluss seiner Amtszeit vielleicht tatsächlich noch einmal den Trainer wechseln muss. Oder darf.
So dicke fällt die Bilanz des Übertrainers A.B. nämlich nicht aus. Seit nunmehr fünf Pflichtspielen wartet die Mannschaft jetzt schon auf einen Sieg. Beim 0:0 in Frankfurt am Sonntagabend hat der „Kicker“ das Team „verunsichert und überfordert“ erlebt. Nicht gerade die beste Empfehlung für einen Trainer. In der Tabelle ist Schalke mit 35 Punkten Siebter. Vor einem Jahr unter Roberto Di Matteo war Schalke Fünfter mit 35 Punkten. Die Tordifferenz aktuell: 31:29. Die Tordifferenz vor einem Jahr: 32:27. Der Fortschritt unter Breitenreiter lässt sich also ziemlich genau beziffern. Er liegt bei minus drei Toren und minus zwei Plätzen. Ist also ein guter Grund, auf dicke Hose zu machen.

Endlich wieder jubeln. Der erste Rückrundensieg hat die Perspektiven Herthas deutlich verbessert.
Endlich wieder jubeln. Der erste Rückrundensieg hat die Perspektiven Herthas deutlich verbessert.Foto: dpa

13.30 Uhr - Ruhiges Wochenende für die Schiedsrichter. Nach der ganzen Aufregung um Leverkusens Trainer Roger Schmidt vor einer Woche scheinen die Schiedsrichter ein recht entspanntes Wochenende verbracht zu haben. Nur in Köln - korrigieren Sie mich, wenn ich etwa übersehen habe - gab es leichten Unmut, weil der FC sich beim 0:1 gegen Hertha BSC um einen Handelfmeter betrogen fühlte. „Ich will ja nichts über den Schiedsrichter sagen. Aber wir haben das Gefühl, in der größten Handballarena Deutschlands zu spielen“, sagte Kölns Sportdirektor Jörg Schmadtke.

Der Übeltäter Per Skjelbred gestand später sein Vergehen und sagte sinngemäß, er hätte sich nicht beschweren können, wenn der Schiedsrichter Elfmeter gegeben hätte. Nur mal so als gedankliches Experiment: Angenommen der Schiedsrichter hätte tatsächlich gepfiffen, wie hätten Herthas Beteiligte diese Entscheidung dann wohl kommentiert?

Hertha BSC ist der Gewinner des Wochenendes

12.20 Uhr - Hertha fängt sich. Diese Woche mal kein (oder kaum ein) Wort zum Abstiegskampf (Hannover wieder da. Lage in Bremen immer bedrohlicher. Hoffenheims Höhenflug schon wieder zu Ende?). Ist nächsten Montag eh alles wieder überholt. Vielleicht sogar schon am Mittwochabend. Widmen wir uns also dem Sieger des Wochenendes. Und der heißt: Hertha BSC. Erst vor einer Woche hatte Trainer Pal Dardai die Partie gegen den VfL Wolfsburg als Schlüsselspiel bezeichnet. Das war offensichtlich Quatsch. Das wahre Schlüsselspiel war die Begegnung in Köln. Hertha hat mit dem verdienten 1:0-Sieg den latenten Abwärtstrend gestoppt. Alles, was vorher noch Auslegungssache war, stellt sich plötzlich als ausschließlich positiv dar.

Zumal die Konkurrenz mental offensichtlich nicht damit klar gekommen ist, dass Hertha am Freitagabend vorgelegt hat. Den Vorsprung auf den Vierten (jetzt Borussia Mönchengladbach) haben die Berliner von einem Punkt auf nunmehr drei ausgebaut. Leverkusen hat in Mainz verloren, Schalke ist bei den taumelnden Frankfurtern nicht über ein 0:0 hinausgekommen. Und dank der Heimniederlage der Wolfsburger gegen Bayern München beträgt der Abstand Herthas zum mutmaßlich ersten Nicht-Europapokalplatz jetzt bereits acht Punkte.
In Köln blieben die Berliner bereits zum zehnten Mal in dieser Saison ohne Gegentor. Das hat Hertha nach 23 Spieltagen erst einmal geschafft. In der Saison 1998/99. Na, klingelt’s? 1998/99 war die einzige Spielzeit, in der sich Hertha bisher für die Champions League qualifizieren konnte.

Die mittel- und langfristige Perspektive ist also vielversprechend, die kurzfristige sogar glänzend. Hertha spielt in Teil zwei und drei der englischen Woche jetzt zu Hause gegen Eintracht Frankfurt und dann beim Hamburger SV. Die Frankfurter hatten zwei Tage weniger Pause als die Berliner; der HSV ist so etwas wie der zertifizierte Lieblingsgegner Herthas. Zuletzt gab es fünf Zu-null-Sieg gegen den HSV.

Herthas erster Verfolger Borussia Mönchengladbach hat es in dieser Woche nicht ganz so leicht. Am Mittwoch bekommt es die Mannschaft von Andre Schubert mit dem VfB Stuttgart zu tun, der seit 2005 nicht mehr in Mönchengladbach verloren hat; am Wochenende müssen die Gladbacher dann zum VfL Wolfsburg, wo sie von den jüngsten zehn Partien neun verloren haben. Dem Gesetz der Serie nach könnte Herthas Vorsprung auf den ersten Verfolger am Wochenende schon ganz andere Dimensionen angenommen haben.

Die Zweifel an der Defensive von Borussia Mönchengladbach bleiben

Zumal die Gladbacher in der Rückrunde alles andere als einen gefestigten Eindruck hinterlassen. In Augsburg kassierten sie wieder einmal zwei Gegentore, was die Zweifel an der defensiven Verfasstheit der Mannschaft natürlich nicht verstummen lässt. „Spiegel online“ kommt daher zu dem Urteil, dass Borussias Abwehr „nicht eines Champions-League-Teilnehmers würdig ist, sondern eher der eines Abstiegskandidaten gleicht“. Völlig von der Hand zu weisen ist das nicht. Sogar die beiden Tabellenletzten Hoffenheim und Hannover haben weniger Gegentore kassiert als die Gladbacher.

Ein wenig stutzig gemacht hat mich, dass die Borussen den Augsburgern in der Schlussphase körperlich unterlegen schienen. Hätte es nicht eher umgekehrt sein müssen, wenn die eine Mannschaft drei Tage vorher ein vermutlich geistig und körperlich zehrendes Europapokalspiel gehabt hat? Seit Ende Oktober warten die Gladbacher jetzt schon auf einen Auswärtssieg. Der letzte war das 4:1 bei Hertha BSC. Und wenn man sich das Spiel noch einmal vor Augen führt, wie dominant die Gladbacher da waren, wie sie Hertha nach Belieben beherrscht haben, dann muss man sich schon sehr wundern, wie sich die Kräfteverhältnisse seitdem verschoben haben. Die Berliner machen derzeit den in jeder Hinsicht gefestigteren Eindruck.

Ich hab da mal 'ne Idee. Sind Pep Guardiola und die Bayern wirklich unverwundbar.
Ich hab da mal 'ne Idee. Sind Pep Guardiola und die Bayern wirklich unverwundbar.Foto: dpa

11.00 Uhr - Auch die Bayern sind verwundbar. Als hauptamtlicher Hertha-Reporter ist es immer wieder mal eine willkommene Abwechslung, auch mal andere Bundesliga-Mannschaften live zu sehen. Im Stadion nimmt man die Dinge doch ganz anders wahr als in den zehnminütigen Zusammenschnitten der Sportschau oder in den Schnipseln der Sky-Konferenz. Es kann jedenfalls nicht schaden, sich mal ein eigenes Bild zu machen, zum Beispiel vom Genius des Pep Guardiola, dieser immer produktiven Ideenmaschine.

Am Samstag in Wolfsburg konnte man zu Beginn des Spiels den Eindruck gewinnen, dass es die Intention der Bayern sei, den Gegner gar nicht erst an den Ball kommen zu lassen. Wenn man in den ersten Minuten die Aufstellung der Münchner schematisch hätte darstellen müssen, wäre das auf eine 3-2-4-1-Formation hinausgelaufen. Kimmich, Alonso, Alaba in der Dreierkette hinten, davor Lahm und Bernat im defensiven Mittelfeld. In Wirklichkeit liefen die Bayern in einem 4-1-4-1 auf, mit Lahm und Bernat als Außenverteidigern und Alonso als defensivem Mittelfeldmann. Bei Ballbesitz (zu Beginn des Spiels also eigentlich immer) ließ sich der Spanier zwischen die beiden Innenverteidiger fallen, während die beiden Außenverteidiger, anders als es sonst in der Liga State of the Art ist, nicht etwa die Linie auf-, sondern ins Mittelfeld einrückten. „Dadurch wurden die lose mannorientierten Wolfsburger Außenspieler eng nach innen geschoben, so dass die äußere bayerische Zirkulation unbehelligt vonstattengehen und die Hausherren zurückdrücken konnte“, schreiben die Taktikexperten von Spielverlagerung. „Der VfL bekam kaum Zugriff, wenn die Münchener das Leder um ihre Formation herum laufen ließen. In den Anfangsminuten konnte Wolfsburg – zumal noch etwas unsauber – die generelle Passivität lokal nicht entscheidend verlassen, um organisiert Druck zu machen.“

Die Startphase der Bayern war durchaus beeindruckend; es deutete einiges darauf hin, dass die Angelegenheit für den VfL ähnlich ausgehen würde wie im Hinspiel (1:5) oder im DFB-Pokal (1:3). „Wie die Fußball spielen, das ist nicht normal“, sagte Wolfsburgs Mittelfeldspieler Luiz Gustavo.

Trotz der anfänglichen Dominanz der Bayern und ihrer personellen Probleme konnten die Wolfsburger das Spiel erstaunlich lange offen gestalten; hinterher waren sich die Beteiligten sogar einig darin, dass die Wolfsburger die besseren Chancen besessen hatten. Solange die Bayern das Mittelfeld unter Kontrolle haben, besteht keine Gefahr, wenn ihnen diese Kontrolle allerdings entgleitet, bekommen sie Probleme, den riesigen Raum hinter der Mittellinie zu beherrschen. Bei schnellen Umschaltmomenten konnten die Wolfsburger die Bayern und ihre improvisierte Verteidigung mit den beiden Mittelfeldspielern Kimmich und Alaba durchaus in Schwierigkeiten bringen. Ihr Problem war, dass sie in den entscheidenden Momenten an den entscheidenden Positionen keine Spieler hatten, die ein Spiel entscheiden können. Da stand dann der frühere Linksverteidiger Marcel Schäfer sieben Meter frei vor Manuel Neuer und schoss den Ball überhastet am Tor vorbei. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sich Bas Dost in derseben Position befunden hätte. Womit wir wieder bei den Konstruktionsfehlern im Wolfsburger Kader wären.

Trotzdem konnte man aus Wolfsburg den Eindruck mitnehmen, dass die Bayern nicht unverwundbar sind. Mal sehen, was am Samstag passiert, wenn sich nicht Marcel Schäfer am Torschuss probieren darf, sondern Marco Reus, Pierre-Emerick Aubameyang oder Henrich Mchitarjan.

Wolfsburg und die mangelhafte Kaderplanung

10.00 Uhr - Und es wird nicht leichter für den VfL. Am Samstag gegen den FC Bayern fehlten den Wolfsburgern zehn verletzte und erkrankte Spieler, von denen fünf durchaus den Anspruch auf einen Stammplatz besitzen. Im Spiel gegen die Bayern ist dann ein weiterer hinzugekommen - und zwar nicht der unwichtigste. Abwehrchef Naldo hat sich eine Schultereckgelenksprengung zugezogen, muss operiert werden und wird in dieser Saison wohl nicht mehr für den VfL zum Einsatz kommen. Und was sagt Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking zu dieser Entwicklung? „Es macht richtig Spaß im Moment.“ Dem „Kicker“ hat er auch erläutert, wieso: „Das sind Herausforderungen, die einfach Spaß machen. Man kommt raus aus dem monotonen Denken, muss sich den Gegebenheiten anpassen, auch mal querdenken. Und trotzdem versuchen, eine positive Grundstimmung zu erzeugen.“

Die Herausforderung könnte ja kaum größer sein. Nach Naldos Ausfall haben die Wolfsburger, die wieder in den Europapokal wollen und immerhin realistische Chancen auf den Einzug ins Viertelfinale der Champions League besitzen, noch exakt zwei Innenverteidiger zur Verfügung. Einen dritten, den Ersatzmann für den Fall, dass einer der beiden (Dante und Robin Knoche) mal mit einem Schnupfen oder einer Gelbsperre (soll ja vorkommen) ausfällt, hat der VfL in der Wintertransferperiode für einen zweistelligen Millionenbetrag nach England verkauft: Timm Klose spielt jetzt für Norwich City. Das erinnert mich gerade an eine Aussage von Max Eberl, dem Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, aus einem Interview, das vor zehn Tagen im Tagesspiegel erschienen ist: „Ich glaube nicht, dass ein Manager aus der Bundesliga naiv einen Spieler verkauft, um mal ganz schnell viel Geld zu machen, und keinen entsprechenden Ersatz in petto hat.“

Tatsache ist, dass die Wolfsburger nicht nur in der Innenverteidigung ein großes Problem haben, sondern auch im Sturm, wo Bas Dost seit geraumer Zeit verletzt ausfällt - und für diesen Fall ebenfalls kein annähernd verlässlicher Ersatz bereit steht. Außer Nicklas Bendtner, aber der ist wieder ein anderer Fall.

Die Herausforderungen - andere sagen auch: die Probleme - sind beim VfL also zum Teil selbst verschuldet. Das erkennt man auch, wenn man sich mal die Kader der Konkurrenten im Kampf um die Europapokalplätze anschaut und da vor allem einen Blick auf die Rubrik Innenverteidiger wirft. Wolfsburg hat, wie gesagt, drei. Bei den Bayern sind es fünf, bei Borussia Dortmund vier, bei Hertha BSC vier, bei Borussia Mönchengladbach neun, bei Mainz, Leverkusen und Schalke jeweils vier.

Rolle rückwärts? Der VfL Wolfsburg (hier Julian Draxler) kann den eigenen Ansprüchen gerade nicht gerecht werden.
Rolle rückwärts? Der VfL Wolfsburg (hier Julian Draxler) kann den eigenen Ansprüchen gerade nicht gerecht werden.Foto: dpa

9.00 Uhr - Nur noch halb so gut wie Bayern. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie schnell sich im Fußball die Dinge ändern können, und damit meine ich jetzt nicht Hannover 96, wo es vor einer Woche nur noch um die Frage geht, welche Spieler in der Zweiten Liga für den Wiederaufstieg zur Verfügung stehen werden. Ich meine den VfL Wolfsburg, der im Sommer - nach den Bayern, versteht sich - noch die heißeste Nummer im deutschen Fußball war, Vizemeister und Pokalsieger. Wenn jemand den Bayern in den nächsten 500 Jahren doch noch einmal gefährlich werden könnte, dann, so die vorherrschende Meinung, der VfL aus der internationalen Metropole Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben mit seinem Weltkonzern im Rücken.

Dem Klub (und dem Konzern) sind dann allerdings ein paar Dinge dazwischen gekommen, die sich als nicht gerade leistungsfördernd herausgestellt haben. Kevin De Bruyne und Ivan Perisic haben ihre Gehälter beim VfL offenbar als nicht ausreichende Entschädigung für die Nachteile des Standorts Wolfsburgs erachtet - und verbringen ihr süßes Leben jetzt in Manchester respektive Mailand, Hauptsache Italien also. Der Geldgeber Volkswagen hat mal eben die USA beschissen, was in den USA erfahrungsgemäß nicht besonders gut ankommt. Und auch wenn Manager Klaus Allofs im Herbst wieder und wieder behauptet hat, dass die Abgasaffäre von VW keine Auswirkungen auf den VfL haben werde: Natürlich hat die Abgasaffäre von VW Auswirkungen auf den VfL gehabt. Die zuvor übliche Großspurigkeit der Fußballtochter käme in Zeiten, in denen für die Arbeitnehmer von VW ein bisschen mehr auf dem Spiel steht als die Teilnahme im Europapokal, nun mal nicht besonders gut an.

Meine These: Hätte es die Abgasaffäre nicht gegeben, hätte sich Allofs im Winter ganz sicher nicht gescheut, 30 Millionen Euro für den anerkanntermaßen hoch veranlagten Schweizer Stürmer Breel Embolo vom FC Basel auszugeben. Das Geld dafür wäre dank der Transfereinnahmen aus dem Sommer sicher vorhanden, eine solche Investition angesichts der Großwetterlage am Standort Wolfsburg moralisch allerdings nur schwer zu vermitteln gewesen. So müssen die Wolfsburger jetzt mit den offenkundigen Problemen in ihrem nicht besonders geschickt zusammengestellten Kader leben.

Am Samstag war in Wolfsburg das traurige Ende eines vermeintlichen Bayern-Jägers zu beobachten. Trotz bemerkenswerter Gegenwehr der Wolfsburger entschieden die Münchner auch das dritte Aufeinandertreffen mit dem hartnäckigsten Verfolger des Vorjahres wieder für sich. Die Zwischenbilanz fällt für den VfL Ernüchternd bis erschreckend aus: Der Vizemeister ist jetzt nur noch halb so gut wie der Meister. Die Bayern kommen nach 23 Spieltagen auf 62 Punkte, die Wolfsburger auf exakt die Hälfte (31). Vor einem Jahr betrug der Abstand gerade mal zehn.

Im aufziehenden Frühjahr 2016 ist der VfL in der Bundesliga nur noch Mittelmaß. Einen einzigen Punkt trennt ihn noch vom Aufsteiger FC Ingolstadt, und hinter Hertha BSC auf Platz drei hinken die Wolfsburger bereits acht Punkte hinterher. Noch will der Klub sein Saisonziel - die Qualifikation für die Champions League - nicht aufgeben. Klaus Allofs hat vorgerechnet, dass die Mannschaft aus den letzten elf Spielen sieben Siege braucht. Das ist total realistisch. Von den vergangenen elf Spielen hat der VfL nämlich genau zwei gewonnen.

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