• Unser Blog zum Bundesliga-Wochenende: Der ganz persönliche Abstiegskampf des Thomas Schaaf
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Unser Blog zum Bundesliga-Wochenende : Der ganz persönliche Abstiegskampf des Thomas Schaaf

Außerdem: Rettet sich die TSG Hoffenheim doch wieder? Ist Christian Heidel der Richtige für Schalke 04? Und warum Felix Zwayer im Clinch mit Roger Schmidt richtig gehandelt hat.

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Woll'n wir tauschen? Ach nee, lass mal. Thomas Schaaf und Armin Veh haben gerade Probleme im Abstiegskampf.
Woll'n wir tauschen? Ach nee, lass mal. Thomas Schaaf und Armin Veh haben gerade Probleme im Abstiegskampf.Foto: Imago

16.30 Uhr - In Frankfurt wachsen die Zweifel an Armin Veh. Vor ein paar Wochen, nach dem Auswärtsspiel von Hertha BSC in Bremen. In der Straßenbahn zum Hauptbahnhof unterhalten sich zwei Werder-Fans über ihren alten Helden Thomas Schaaf. Also, das mit Frankfurt, das hätte er ja noch verstehen können, sagt der eine. Aber Hannover 96, und dann auch noch zur Winterpause? Warum tut der sich das dann?

Ja, das fragt sich Thomas Schaaf inzwischen vielleicht auch schon.

Es ist noch nicht lange her, da galt Schaaf als eine der heißesten Nummern auf dem deutschen Trainermarkt. Er stand für erfolgreichen Offensivfußball. Und jetzt? Ist er auf Hannover-Format geschrumpft, vom einstigen Meistertrainer zum Nothelfer im Abstiegskampf mutiert. Der Abstiegskampf in dieser Saison könnte für Schaaf sogar noch eine ganz persönliche Note bekommen. Sollten Hannover, Frankfurt und Bremen auf den letzten drei Plätzen landen, hätte es alle Vereine erwischt, für die er jemals als Trainer gearbeitet hat. Völlig ausgeschlossen ist das nach den jüngsten Ergebnissen und Eindrücken aus der Fußball-Bundesliga nicht.

Vielleicht blickt Schaaf im Moment ein bisschen neidisch auf seinen vorherigen Klub Eintracht Frankfurt, den er im Sommer aus freien Stücken verlassen hat. Die Frankfurter stehen aktuell noch auf dem rettenden 15. Platz, zwei Punkte vor Werder Bremen auf dem Relegationsrang und acht vor Hannover 96. Vielleicht blicken die Frankfurter im Moment aber auch ein bisschen neidisch auf Thomas Schaaf, der bei der Eintracht kein besonders gutes Standing hatte. Dafür hatte die Eintracht mit Schaaf ein bemerkenswert gutes Standing in der Tabelle. Auf Platz neun war die Mannschaft am Ende der vergangenen Saison eingelaufen, gerade mal drei Punkte hinter dem Europapokalrang. Inzwischen stellt sich die Situation für den Klub nicht mehr ganz so komfortabel dar. Die in Frankfurt beiheimatete „FAZ“ hat bei der Eintracht sogar „das große Zittern“ ausgemacht.

Statt mit Schaaf müssen sich die Frankfurter jetzt mit Armin Veh herumschlagen, der im Verein anfangs noch ein ziemlich gutes Standing hatte. Davon ist nicht viel geblieben. Aus „Armin Veh“ hatte am Freitag beim ernüchternden 0:0 gegen den Hamburger SV ein Fan „Armin Geh“ gemacht. Wie schon beim FC Augsburg und beim VfB Stuttgart hat sich Vehs Idee, zu einem Verein zurückzukehren, für den er schon einmal gearbeitet hat, als nicht besonders erquicklich herausgestellt. Beim ersten Mal führte der Trainer die Eintracht aus der Zweiten Liga in den Europapokal, jetzt droht den Frankfurtern der fünfte Abstieg seit 1996. „Die Leistungen in den vergangenen Wochen waren unter dem Strich nicht bundesligareif“, schreibt der „Kicker“. „Es mangelt hinten und vorne an Tempo, speziell im Mittelfeld klaffen häufig gefährlich große Löcher, eine klare Spielidee ist nicht zu erkennen.“

15.45 Uhr - DFB ermittelt gegen Hannovers Almeida. Hugo Almeida, dem Stürmer von Hannover 96, droht eine nachträgliche Sperre. Nach seinem Ellbogenschlag gegen den Augsburger Dominik Kohr hat der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes ein Ermittlungsverfahren gegen den Portugiesen wegen des Verdachts eines „krass sportwidrigen Verhaltens“ eingeleitet. Das würde natürlich perfekt in die Situation bei den Hannoveranern passen, bei denen akutell alles schief zu laufen scheint. Die Mannschaft raucht ungebremst Richtung Zweiter Liga.

Der Aufschwung der TSG Hoffenheim bringt vor allem drei Traditionsvereine in Not: neben Hannover 96 auch Werder Bremen und Eintracht Frankfurt, bei denen die Tendenz in den vergangenen Wochen deutlich nach unten zeigt.

Die Hannoveraner verlieren mehr und mehr den Anschluss an den Rest der Liga, selbst Hoffenheim auf Platz 17 ist inzwischen schon vier Punkte davongezogen. Das 0:1 gegen die eigentlich europapokaleuphorisierten und europapokalmüden Augsburger am Sonntag war die achte Niederlage hintereinander. Allein der neue Trainer Thomas Schaaf hat davon fünf (in fünf Spielen) zu verantworten. Der Effekt des Trainerwechsels ist also nicht gleich nur; er ist eher minus tausend. Seit drei Spielen sind die 96er jetzt schon ohne Tor, in den vergangenen sieben Spielen haben sie exakt einmal getroffen. 14 Punkte hat die Mannschaft von Trainer Thomas Schaaf nach nunmehr 22 Spieltagen beisammen. Selbst eine Mannschaft, die zur Winterpause auf 14 Punkte kommt, gilt bereits als hochgradig gefährdet. Gehen wir mal wohlwollende davon aus, dass 34 Punkte zum Klassenerhalt reichen sollten - selbst dann müsste Hannover fortan mindestens jedes zweite Spiel gewinnen.

Wie soll das gehen, bei einer Mannschaft die der „Kicker“ als „hoffnungslos überfordert“ ansieht. Das Fachblatt hat bei den 96ern „die Symptome eines Absteigers“ ausgemacht: „fehlende Abstimmung, Verunsicherung, greifbare Ratlosigkeit auf dem Platz“. Für den „Kicker“ (und vermutlich nicht nur für den) ist Hannover aktuell „ein hoffnungsloser Fall“.

TSG Hoffenheim & Co.: Man wird sie nicht mehr los

15.00 Uhr - Hoffenheim greift an. Erinnern wir uns mal kurz an die Situation vor knapp zwei Wochen. Die TSG Hoffenheim war punktgleich mit dem Tabellenletzten der Fußball-Bundesliga, sie hatte gerade ihren Trainer Huub Stevens, einen erfahrenen Abstiegskämpfer, verloren, stattdessen einen 28 Jahre alten Bubi aus der A-Jugend hochgezogen, der nie zuvor eigenverantwortlich eine Profimannschaft trainiert hatte. Da haben alle Fußballnostalgiker schon frohlockt, dass das forsche Projekt von 1899 im Mai endlich wieder nach unten aus der Bundesliga verschwinden würde.

Heißmacher an der Seitenline. Julian Nagelsmann ist nach zwei Spielen noch ungeschlagen mit der TSG.
Heißmacher an der Seitenline. Julian Nagelsmann ist nach zwei Spielen noch ungeschlagen mit der TSG.Foto: dpa

Inzwischen hat sich die Freude ein wenig gelegt. Julian Nagelsmann heißt der Mann, der die Nostalgiker aufheulen lässt. Der neue Trainer der Hoffenheimer ist nach zwei Spielen immer noch unbesiegt, hat gegen Bremen (1:1) und Mainz (3:2) vier Punkte geholt - und schon nach zwei Begegnungen genau so viele Siege geschafft wie sein Vorgänger Huub Stevens in seiner gesamten Amtszeit im Kraichgau. „Das Spiel war ein Spektakel, wie man es seit Monaten nicht mehr von dieser Elf gesehen hat“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ über den Heimsieg gegen die Mainzer. „Das Resultat war wichtig, der beeindruckende Auftritt aber wohl noch wichtiger. Plötzlich ist Hoffnung, wo vorher Frust war.“ Nach dem 22. Spieltag sind die Hoffenheimer plötzlich nicht mal mehr einen Sieg vom Relegationsplatz entfernt.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ glaubt zwar: „Es ist maßlos übertrieben, zu behaupten, den Beginn der Hoffenheimer Aufholjagd vom Tabellenende der Bundesliga schon miterlebt zu haben.“ Aber genauso wird es kommen. 2013 wiederholt sich gerade. Auch damals hat sich die TSG noch gerettet, nachdem sie selbst vor dem letzten Spieltag noch unrettbar verloren war.

Eine Überraschung wäre das nicht, sondern eher die Bestätigung einer Regel: Man wird diese Retortenklubs einfach nicht mehr los, wenn sie es einmal in die Bundesliga geschafft haben. Bayer Leverkusen, der VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim - keiner dieser Vereine ist jemals abgestiegen. Am Ende verfügen sie qua Finanzkraft eben doch über mehr Substanz als die Paderborns, Braunschweigs oder Mainzes der Liga. Der FC Ingolstadt wird auch in der Liga bleiben (Darmstadt 98 hingegen vielleicht nicht) - auch wenn der FCI streng genommen kein Konzernklub ist. Aber was nicht ist, kann dank Audi ja noch werden.

Und in der neuen Saison kommt dann auch noch Rasenballsport Leipzig hinzu, ein ganz besonderes Exemplar. Ein allein zu Marketingzwecken gegründeter „Fußballverein“. Okay, haben die Nostalgiker vor ein paar Wochen noch gesagt, tauschen wir eben Hoffenheim gegen Leipzig, immerhin Dorf gegen Metropole. Aber nicht mal diese Rechnung geht noch auf. Stattdessen könnte es mal wieder ein paar Traditionsklubs erwischen. Vielleicht Hannover 96, Werder Bremen und Eintracht Frankfurt. Das macht die beste Liga der Welt noch ein Stück attraktiver.

13.50 Uhr - Nach Matip geht auch Höger. Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, dass, seitdem Heldts Abgang bei Schalke feststeht, immer mehr Spieler den Klub verlassen? Joel Matip geht ablösefrei zum FC Liverpool, und einen Tag nach der Einigung mit Christian Heidel hat jetzt auch Marco Höger seinen Abschied erklärt. Er wird im Sommer zum 1. FC Köln wechseln, obwohl sein Vertrag beim S04 noch eine Saison gelaufen wäre.

13.30 Uhr - Wenn Manager von Verein zu Verein hüpfen. Max Eberl, der Manager von Borussia Mönchengladbach, hat am Wochenende in einem Interview mit dem Tagesspiegel (hier der Link zum digitalen Kiosk Blendle) gesagt: „Langfristige Planung halte ich mittlerweile für schwierig, selbst für einen Manager. Du entlässt den ersten Trainer, das ist noch okay, bei der zweiten Entlassung wirst du schon in Frage gestellt, beim dritten Trainer bist du raus.“ Wenn Manager also die negativen Begleiterscheinungen der Branche ertragen müssen, kann man es ihnen natürlich nicht verwehren - und öfter mal den Verein zu wechseln, wenn es ihnen gerade mal passt (und nicht nur dann, wenn sie gerade entlassen worden sind).

Der Blick geht nach oben. Christian Heidel hat bei den Schalkern ganz andere Möglichkeiten als in Mainz.
Der Blick geht nach oben. Christian Heidel hat bei den Schalkern ganz andere Möglichkeiten als in Mainz.Foto: dpa

Trotzdem ist es nach meiner fußballerischen Sozialisation immer noch ungewohnt, einen Manager, der jahre- oder gar jahrzehntelang füf Verein A gearbeitet hat, plötzlich bei Verein B zu sehen. Das war bei Klaus Allofs so, der von Werder Bremen aus freien Stücken zum VfL Wolfsburg gewechselt ist. Und das ist auch jetzt bei Christian Heidel so. Heidel ist nicht nur so etwas wie Mr. Mainz 05, ohne ihn würde es den Klub in seiner jetzigen Form nicht geben. 24 Jahre ist er bei den Mainzern im Amt, so lange wie kein anderer Manager der Fußball-Bundesliga. Als Heidel angefangen hat, musste er sein Geld noch als Geschäftsführer eines Autohauses verdienen, und Mainz 05 war ein Zweitligist, für den sich keine Sau interessiert hat.

Dass Heidel eine Mainzer Identifikationsfigur ist - darauf hat Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies leider keine Rücksicht nehmen könne. So wie es ihn ja auch nicht gestört hat, als er - vor Heidel - den Gladbacher Eberl angebaggert hat.

Heidel wird noch bis zum Ende der Saison weiter für Mainz 05 arbeiten, anschließend soll Rouven Schröder, der aktuell Direktor Profifußball beim Ligakonkurrenten Werder Bremen ist, dessen bisherigen Posten übernehmen. Das haben die Mainzer heute bei einer Pressekonferenz bekanntgegeben. Bei dieser Gelegenheit hat der Mainzer Präsident Harald Strutz im Übrigen auch erwähnt, dass die Schalker schon seit Mai/Juni des vergangenen Jahres an Heidel gebaggert hätten. Das ist insofern interessant, als Heidels Schalker Vorgänger Horst Heldt erst Ende Juni, bei der Jahreshauptversammlung des S04, von Clemens Tönnies eine letzte Chance zur Bewährung eingeräumt worden war. Damals hat Held gesagt: „Was ich dazu beitragen kann, werde ich tun. Und zwar mit allem, was ich habe. Beim letzten Heimspiel habe ich ein Plakat gesehen, das ich so beantworten möchte: Ich werde alles tun, dass es besser wird. Ein Meter 69 Arbeit. Ein Meter 69 Leidenschaft. Ein Meter 69 Einsatz. Zusammengefasst: Ein Meter 69 Schalke 04!“ Tönnies erwiderte darauf: „An diesen Worten wirst du dich messen lassen müssen, Horst!“

Dummerweise scheint Tönnies am Ergebnis dieser Messung nie interessiert gewesen zu sein.

13.00 Uhr - Ist Christian Heidel der Richtige für Schalke 04? Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem bekannt wurde, dass der FC Schalke 04 an einer Verpflichtung des Mainzer Managers Christian Heidel interessiert ist. Meine Reaktion: Das macht der nie! Wieso soll er die Ruhe und Verlässlichkeit in Mainz gegen Schalker Daueraufgeregtheit tauschen? Heidel selbst dürfte ja selbst kaum vom Interesse der Schalker erfahren haben, da stand es auch schon in der Zeitung. Am Samstag, bei Schalkes entscheidender Aufsichtsratssitzung, war es ähnlich. Da wurde das Votum der Räte für Heidel bereits über die einschlägigen Internetkanäle verkündet, als die Türen im Tagungshotel noch verschlossen waren.

Vielleicht hat Heidel genau das gewollt: ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für sein Tun. Dass er in den vergangenen Jahren herausragende Arbeit geleistet hat, steht außer Frage. Er hat Jürgen Klopp und Thomas Tuchel zu Bundesligatrainern gemacht, er hat immer wieder ein gutes Auge für Talente bewiesen - er ist aber mit Mainz eben auch an natürliche Grenzen gestoßen.

Bei Schalke gibt es diese Grenze nicht - zumindest theoretisch nicht. Ein Verein mit diesen Möglichkeiten in allen Bereichen, dazu ein seriöser Manager, der einen Plan verfolgt. Das müsste doch die perfekte Kombination sein. Zumindest theoretisch.

Doch nicht immer lässt sich das, was andernorts perfekt funktioniert einfach kopieren. Ein bisschen scheint das ja die Vereinspolitik der Schalker unter Clemens Tönnies, dem allmächtigen Chef des Revierklubs, zu sein. Wir holen uns Leute, die in anderen Klubs erfolgreich gearbeitet haben. Felix Magath holt sogar mit dem VfL Wolfsburg die Meisterschaft - müssen wir holen. Horst Heldt ist mit dem VfB Stuttgart Meister geworden - her mit ihm! Roberto di Matteo hat mit dem FC Chelsea die Champions League gewonnen - guter Mann! Zum großen Wurf hat es mit den vermeintlich großen Namen allerdings noch nicht gereicht, weswegen die „WAZ“ in ihrem Kommentar zu Tönnies neuster Personalentscheidung schreibt: „So langsam muss sich Tönnies die Frage stellen, warum es unter ihm allenfalls zur Vizemeisterschaft reicht und nicht zum großen Wurf. Heidel ist jetzt mehr als eine weitere Manager-Personalie in der Ära Tönnies: Scheitert sein Wunschkandidat erneut, ist auch Tönnies gescheitert.“

Dann soll er halt abbrechen. Roger Schmidt (Mitte) wirkt ein bisschen erstaunt, dass Felix Zwayer seine Drohung wahr macht.
Dann soll er halt abbrechen. Roger Schmidt (Mitte) wirkt ein bisschen erstaunt, dass Felix Zwayer seine Drohung wahr macht.Foto: REUTERS

11.40 Uhr - Wie alles begann. Noch mal kurz zurück zum Ursprung des ganzen Ärgers am Sonntag in Leverkusen. Die Leverkusener haben sich vor allem darüber aufgeregt, dass die Dortmunder vor ihrem Tor zum entscheidenden 1:0 einen Freistoß zu weit vorne ausgeführt haben respektive, dass Schiedsrichter Zwayer den Freistoß zu weit vorne (laut Sky 5,80 Meter) hat ausführen lassen.

Man kann sich leicht ausmalen, dass die Situation von den Beteiligten beider Mannschaften hinterher unterschiedlich ausgelegt wurde. Während die Leverkusener einen Regelverstoß gesehen haben wollten, war Dortmunds Kapitän Mats Hummels der Meinung, dass alles regelkonform abgelaufen sei. Für mich etwas überraschend hat Zwayer diese Sicht hinterher gestützt: „Ein Dortmunder Spieler hat schnell reagiert. Damit hat er den Konter, der durch ein Foulspiel unterbunden wurde, schnell fortgesetzt. Ich finde, dass eine Ausführung mit einer Abweichung von drei, vier, fünf Metern absolut in Ordnung ist. Das liegt im Ermessen des Schiedsrichters.“

Diese Auslegung des Regelwerks widerspricht ein wenig meiner eigenen Wahrnehmung, der nämlich, dass es die Schiedsrichter in dieser Sache allzu genau nehmen und jeden kleinen Raumgewinn gefühlt sofort abpfeifen und den Freistoß am Ort des Vergehens wiederholen lassen. Zwayers Nachsicht hat Dortmunds Trainer Thomas Tuchel als Ausdruck seines schlechten Gewissens gedeutet - weil er den Dortmundern, die trotz Kießlings Foul in Ballbesitze geblieben waren, einen Vorteil abgepfiffen hatte.

Unser Leser „ford_perfect“ hat den Unmut bei Bayer daher so kommentiert: „Leverkusen regt sich auf, weil der Verein aus einem unfairen Verhalten der eigenen Spieler keinen Vorteil ziehen konnte. Peinlicher geht es wohl kaum.“ Außerdem erkennt er in Kießlings Verhalten zur Unterbindung des Dortmunder Konters System: „Schmidts Mannschaft fällt immer wieder durch destruktives Verhalten auf. Durch offene und versteckte Fouls sowie Provokationen versucht man den Spielfluss des Gegners zu unterbrechen. Perfektioniert hat man insbesondere das Mittel des taktischen Fouls, um schnelle Konter des gegnerischen Teams zu unterbinden. Gerade Kießling tut sich hier hervor, indem er beispielsweise Gegenspieler durch Klammern etc. zu Boden bringt. Es war sicherlich kein Zufall dass das Geschehen genau nach so einem Foul eskalierte. Wie sagt man so schön? ,Wie der Herr so das Gescherr’.“ Interessante These, muss man mal beobachten. Würde aber ganz gut passen zu diesem ohnehin wilden Fußball, den die Leverkusener unter Schmidt spielen.

Um noch mal auf die Vorteilsauslegung zu sprechen zu kommen: Da kann sich der große Fußball gerne mal was vom kleinen Hockey abgucken. Die haben vor ein paar Jahren die sogenannte Selfpass-Regel eingeführt. Ein Freischlag muss nicht erst zu einem Mitspieler gespielt werden. Der Ausführende kann gleich mit dem Ball los laufen. Dadurch wird das Spiel schneller, was ja auch dem Fußball nicht schaden würde. Zudem ist es nicht mehr zwingend, dass der Ball still liegt. Beim Fußball steht genau das in der Regel. Und Zwayer hat am Sonntag explizit darauf hingewiesen, dass der Ball bei der Dortmunder Ausführung des Freistoßes geruht habe. Mal angenommen: Der BVB hätte den Freistoß an genau der Stelle ausgeführt, an der Kießling das Foul begangen hatte, der Ball aber hätte sich noch um einen halben Zentimeter bewegt - Zwayer hätte die Dortmunder sofort zurückgepfiffen.

11.05 Uhr - Das sagen die Regeln. Wer selbst ein bisschen recherchieren will, hier sind die Regeln. Anklicken lohnt sich, vor allem wegen des Titelbildes.

Rudi Völler in Weißbierwaldi-Form

10.15 Uhr - Das sagen die anderen: Für Roger Schmidt werden die Ereignisse vom Sonntag vermutlich noch ein Nachspiel haben. Alles andere als eine mehr oder weniger lange Sperre wäre nach den Erfahrungen, die man mit der DFB-Sporgerichtsbarkeit gemacht hat, eine große Überraschung - und das obwohl Schmidt sich später entschuldigt hat. Na ja, zumindest ein bisschen. „Ich habe da natürlich eine Vorbildfunktion und der bin ich heute auch nicht gerecht geworden. Ich bin zu stur gewesen“, sagte der Trainer der Leverkusener, um gleich darauf ein Faible für Verschwörungstheorien erkennen zu lassen. „Dass der Schiedsrichter bei freier Sicht diesen Elfmeter nicht pfeift, vielleicht auch, weil ich vorher zu emotional war. Ich hoffe nicht, dass es so war, aber mir fällt keine andere Erklärung dazu ein.“

Schiedsrichter sind auch nur Menschen, und das Synonym „Unparteiischer“ ist schon aus erkenntnistheoretischer Sicht ziemlicher Nonsens. Niemand ist unparteisch, niemand kann objektiv sein. Trotzdem glaube ich nicht, dass ein Schiedsrichter (der sich ja nicht nur vom „Kicker“, sondern auch von seinem Vorgesetzten bewerten lassen muss) im Spiel seinen Revanchegelüsten freien Lauf lässt. Zwayer hat später zugegeben, dass er bei der Bewertung von Sokratis’ Handspiel falsch gelegen hat (was den Leverkusenern auch nicht hilft). Im Übrigen (auch wenn es längst ein Allgemeinplatz ist): Zwayer hatte keine zwei oder drei Zeitlupen aus verschiedenen Perspektiven zur Verfügung.

Auch Rudi Völler, „in Weißbierwaldi-Form“ (Zeit online), hat die Verschwörungstheorie später befeuert. Dass er eine eigene Sicht auf die Dinge hat, belegt auch die Aussage: „Ich erwarte, dass er es unserem Trainer erklärt. Ob es in den Regeln steht oder nicht.“

Unseren Leser „Friedrich-Berlin“ schreibt dazu: „Rudi Völler hat sich als Sportdirektor von Bayer Leverkusen inzwischen seine hohen Sympathiewerte, die er als Spieler und Trainer zu Recht gesammelt hat, enorm eingebüßt. Eine ganze Überheblichkeit, Dünnhäutigkeit und schlechte Manieren schimmern bei ihm durch.“

Die Blogger von Collinas Erben, Schiedsrichterversteher wie ich, kommentieren die Angelegenheit so: „Dass sich ein Trainer weigert, einer Anweisung des Unparteiischen zu folgen, und so einen Spielabbruch riskiert, schien bislang unvorstellbar. Ein solches Verhalten ist selbst dann nicht ansatzweise zu rechtfertigen, wenn man der Ansicht ist, dass der Referee zwecks Deeskalation seine Entscheidung hätte erklären sollen – wozu es vor allem deshalb nicht kam, weil Schmidt sich diese Erläuterung selbst verbaut hatte. Zwayers konsequentes Vorgehen war aber auch mit Blick auf den Amateurfußball richtig, denn alles andere hätte eine äußerst ungute Signalwirkung gehabt.“

Die Gegenposition bezeit Oliver Fritsch von „Zeit online“: „Zwayer hätte ein bisschen warten können, bis Schmitt geht, ihm eine kurze Frist setzen, den vierten Offiziellen einbinden können. Oder gleich mit Schmidt reden statt ihn aus fünfzig Metern Entfernung mit Blicken vom Feld schicken zu wollen. Richter erklären ihre Urteile dem Angeklagten ja auch. (...) Zwayer begab sich aber auf das emotionale Niveau eines Fußballtrainers und zu einem Schwanzvergleich herab.“

Es geht um die Autorität des Schiedsrichters

9.20 Uhr - Endlich wieder eine Schiedsrichterdiskussion. Das Kuriosum des Wochenendes hat sich am Sonntag in der Leverkusener Bayarena abgespielt. Ziemlich genau um fünf, also mitten in der heißen Schlussphase des Bundesliga-Spitzenspiels zwischen Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund, passierte auf dem Rasen - nichts. Keine Spieler zu sehen, kein Schiedsrichter, kein Ball. Felix Zwayer hatte kurz zuvor mit einer energischen Geste Richtung Spielertunnel gewiesen und die Partie unterbrochen.

Es gab nach dem Spiel, das die Dortmunder übrigens 1:0 gewonnen haben, erregte Diskussion, in denen vor allem Leverkusens Erregungsbeauftragter Rudi Völler wieder einmal eine Weltklasse-Leistung hinlegte. Sein Interview mit dem Sky-Reporter Sebastian Hellmann ist schon jetzt Legende („Ah! Ist das so?“), auch vor anderen Kameras gab er pointierte Äußerungen von sich („Beschissen hat der uns!“).

Von Kindergarten war später auffallend oft die Rede, und es wird vermutlich genügend Menschen jenseits von Rudi Völler geben, die sich nun wieder herrlich über das Gehabe der Schiedsrichter im Allgemeinen und das von Felix Zwayer im Besonderen echauffieren werden. Warum macht er so einen Aufwasch? Warum geht er nicht einfach zu Roger Schmidt und erklärt ihm kurz und bündig: „Herr Schmidt, Sie machen hier schon das ganze Spiel über Theater, jetzt reicht’s. Ab auf die Tribüne!“?

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Gegenfrage: Warum folgt Roger Schmidt nicht einfach der klaren (non-verbalen) Anweisung und verlässt den Innenraum, damit das Spiel fortgesetzt werden kann? „Wir sind doch nicht im Diskutierklub“, kommentiert der „Kicker“ die Angelegenheit. Den Anweisungen des Schiedsrichters sind nun einmal Folge zu leisten, auch wenn man sie nicht versteht - ja sogar wenn sie falsch sind (was der Platzverweis gegen Schmidt nicht war). Anders funktioniert es einfach nicht.

Schmidt aber blieb einfach stehen, er ignorierte auch die Aufforderung des Leverkusener Kapitäns Stefan Kießling, den Zwayer als Mittelsmann vorgeschickt hatte. Bayers Trainer verlangte eine persönliche Aufklärung des Schiedsrichters. Die Fernsehbilder zeigen sogar, wie er versucht, Zwayer herbeizuwinken und dann mit dem Finger auf den Boden weist. So springt ein Herrchen mit seinem Schoßhund um: „Bei Fuß!“

Zwayer, dem hinterher bescheinigt wurde, dass sein Spielabbruch den Regeln entsprochen habe, hat später etwas von respektvollem Umgang gesagt. Ich will jetzt hier gar nicht die große Keule rausholen und von dem schlechten Vorbild eines angesehenen Bundesligatrainers für all seine Kollegen bis hinunter in die Kreisliga reden (was, wie Schiedsrichter aus der Kreisliga behaupten, durchaus ein Problem ist). Was ich viel entscheidender finde in diesem Zusammenhang, ist die Autorität des Schiedsrichters, die von Schmidt auf das das Heftigste untergraben wurde. Mag sein, dass Zwayer kleinlich und pedantisch rübergekommen ist und dass es auf den ersten Blick kein großes Ding gewesen wäre, wenn er die paar Meter an die Seitenlinie gegangen wäre. Aber welches Bild hätte das nach außen vermittelt? Vor allem nach Schmidts Bei-Fuß-Geste? Da lässt ein Trainer den Schiedsrichter antanzen!

Von Schmidts Lippen ist bei der kurzen Konversation mit seinem Kapitän Kießling der Satz abzulesen: „Dann soll er halt abbrechen.“ Wenigstens diesen Wunsch hat ihm Felix Zwayer erfüllt.

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