• Unser Blog zum Bundesliga-Wochenende: Die Gewinner des ersten Spieltags: Thomas Tuchel und Borussia Dortmund

Unser Blog zum Bundesliga-Wochenende : Die Gewinner des ersten Spieltags: Thomas Tuchel und Borussia Dortmund

Außerdem in unserem Bundesliga-Blog: Schafft der FC Bayern den historischen Rekord? Kann Darmstadt 98 das Establishment ärgern? Balazs Dzsudzsak tritt gegen Hertha BSC nach

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Seid ihr verrückt, uns so zu loben? Thomas Tuchel erlebte mit Borussia Dortmund einen perfekten Bundesligaeinstand.
Seid ihr verrückt, uns so zu loben? Thomas Tuchel erlebte mit Borussia Dortmund einen perfekten Bundesligaeinstand.Foto: dpa

16:00 Uhr: Nie wird einem bewusster, dass wir Sportjournalisten gaaaaaanz gelegentlich zum Überschwang neigen, als rund um den ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga. Vielleicht hat das was mit journalistischen Entzugserscheinungen nach der langen Sommerpause zu tun, dass wir aus jedem Einzelereignis schon einen großen Trend herauslesen wollen - denn mehr als Einzelereignisse hat die Bundesliga nach dem ersten Spieltag nun mal noch nicht zu bieten. Aber die Verlierer des ersten Spieltags werden aller Voraussicht nach nicht bis zum Ende der Saison Verlierer bleiben (den HSV vielleicht mal augenommen).

Nehmen wir mal exemplarisch den 4:0-Sieg der Dortmunder gegen Borussia Mönchengladbach. Ja, das war vermutlich der beeindruckendste Auftritt aller 18 Bundesligisten am ersten Spieltag, ja, Borussia Mönchengladbach hat zuletzt nicht mehr zur Laufkundschaft gehört, aber es ist schon bemerkenswert, dass die kritischste Stimme zur allgemeinen Lobhudelei nicht in den Medien zu vernehmen war, sondern von Dortmunds Trainer Thomas Tuchel: "Wir könnten hier nicht so gewinnen, wenn Jürgen vorher nur Mist gemacht hätte." Jürgen ist natürlich Jürgen Klopp, der in Dortmund eigentlich immer noch ein Nationalheiliger ist, der aber am Samstag im Vergleich zu seinem Nachfolger Tuchel auf Zwergenformat geschrumpft zu sein schien.

"In Dortmund ist die Leichtigkeit zurück und damit die Hoffnung auf Großtaten", hat "Zeit online" geschrieben. "Und eine lange Debatte ist eröffnet, was Tuchel anders macht, als sein Vorgänger, was er besser macht." Die "FAZ" dichtete: "Die Juwele funkeln wieder." Und die "Süddeutsche" hat bei den Dortmundern "die neue Lust am Spiel" und "eine neue Reife" entdeckt. Alle Spieler wirkten "derzeit so agil, wie man sie nicht einmal in besten Zeiten unter Jürgen Klopp erlebt hat". Das Taktikportal spielverlagerung.de hat sich im Vergleich dazu wenigstens an einer nüchternen Einordnung versucht: "Natürlich waren der ruhige Spielaufbau und auch die durchdachten Angriffsstrukturen eine eindeutige Verbesserung im Vergleich zur Vorsaison. Allerdings blieb Gladbach im Spiel gegen den Ball ungewohnt weich und unkonkret."

Zur Erinnerung: Selbst in der vergangenen, der schrecklich verkorksten Saison hat der BVB sein Heimspiel gegen die Gladbacher gewonnen - obwohl bei denen damals noch Max Kruse und Christoph Kramer spielten und die Verteidiger Martin Stranzl und Alvaro Dominguez (diesmal verletzt) in der Startelf standen. 22:1 lautete das Torschussverhältnis zugunsten der Dortmunder. Allein deren schludriger Chancenverwertung hatten es die Gladbacher zu verdanken, dass sie nicht schon damals vier, sondern nur ein Tor kassierten.

15:15 Uhr: Ein kleiner Exkurs in die Welt der Medien. Hätte mal zwei Fragen, an die ARD: Wieso übertragt ihr heute Abend eigentlich ein sportlich belangloses Testspiel zwischen Dynamo Dresden und Bayern München? Und bitte nicht mit der zu erwartenden Mega-Zuschauerquote antworten. Ist journalistische Relevanz eigentlich nicht mehr entscheidend ? (Wage mal die Behauptung, dass sich das Spiel bei uns in der morgigen Printausgabe - Sie wissen schon, dieses Ding aus Papier - in der Rubrik "Zahlen" wiederfinden wird.) Und die zweite Frage: Wieso moderiert eigentlich ein Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (in diesem Fall Sportschau-Moderator Alexander Bommes) die Gala eines privatwirtschaftlich organisierten Unternehmens (Sportbild, Springer-Verlag)? Kommt man als ARD-Mitarbeiter ohne mutmaßlich bezahlte Nebenjobs nicht mehr über die Runden?

Der Wahnsinn geht weiter: Augsburg bekommt bis zu 30 Millionen Euro für Baba

14:30 Uhr: Max Eberl, der Manager von Borussia Mönchengladbach, war heute schon fleißig. Er hat den Vertrag mit Linksverteidiger Oscar Wendt um zwei Jahre bis 2018 verlängert, und so wie es aussieht, wissen die Gladbacher auch schon, wer Wendt irgendwann einmal beerben soll. Voraussichtlich am morgigen Dienstag wird der Wechsel von Herthas Nico Schulz, 22, offiziell verkündet werden. Angeblich erhalten die Berliner drei Millionen Euro für den Spieler, den sie selbst ausgebildet haben. Die Anhänger des Klubs sehen seinen Abschied deshalb mit einem weinenden Auge; die Ablöse aber ist wenigstens eine angemessene Entschädigung – erst recht wenn man bedenkt, dass Schulz nur noch bis zum Ende der Saison bei Hertha unter Vertrag steht.

Sie haben eine neue Nachricht. Abdul Rahman Baba schaut mal, wer ihm alles zu seinem Wechsel zum FC Chelsea gratuliert hat.
Sie haben eine neue Nachricht. Abdul Rahman Baba schaut mal, wer ihm alles zu seinem Wechsel zum FC Chelsea gratuliert hat.Foto: dpa

Andererseits sind talentierte Linksfüßer nicht nur in Deutschland, sondern auch im internationalen Fußball rar und entsprechend teuer. Das sieht man daran, dass der FC Chelsea offensichtlich bis zu 30 Millionen Euro für Abdul Rahman Baba an den FC Augsburg überweisen wird. Solche Summen lösen in Deutschland inzwischen nicht mehr nur ungeteilte Freude aus; sie gelten als Menetekel für die Zukunft: Hilfe, die Engländer kaufen uns die Liga leer!
In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ von diesem Montag hat Stephan Schippers, der Finanzgeschäftsführer von Borussia Mönchengladbach, dazu gesagt: „Das wird die Fußballszene verändern, auch in Deutschland. Dem gilt es entgegenzuwirken.“ So oder so ähnlich haben sich in den vergangenen Wochen die meisten Vereinsvertreter geäußert, und man kann all diese Wortmeldungen auf einen einfachen Kern reduzieren: „Wir wollen auch mehr Geld vom Fernsehen!“ Welche Auswirkungen das haben wird, kann sich jeder Fan leicht ausmalen.

Ich sehe die Bedrohung durch die englische Liga nicht ganz so groß, wie sie gemacht werden. Und wenn ein 21-Jähriger, der gerade mal 51 Bundesligaspiele bestritten hat, 30 Millionen Euro einbringt und damit innerhalb eines Jahres eine 1000-prozentige Rendite - was soll daran schlimm sein? Ist für Augsburg doch besser, als wenn Baba im nächsten Jahr für elf Millionen Euro zum FC Schalke gegangen wäre, denn gegangen wäre er über kurz oder lang ganz sicher.

Die vergangenen Wochen haben eher gezeigt, dass die wundersame Geldvermehrung in England vor allem Deutschlands Zweitligisten betrifft. Die verlieren ihre besten Kräfte (siehe Rouwen Hennings beim KSC oder Sebastian Polter vom 1. FC Union), weil die in England, selbst in der Zweiten Liga, ein Vielfaches von dem verdienen können, wozu ein deutscher Zweitligist zu zahlen in der Lage ist.

13:00 Uhr. Wo wir schon mal bei Hertha sind, gleich mal ein Blick zurück auf den Saisonauftakt der Berliner. Das 1:0 beim FC Augsburg war Herthas erster Auswärtssieg am ersten Spieltag seit 2008. Es war allerdings auch Herthas erstes Auswärtsspiel am ersten Spieltag seit 2008.

Trotzdem: Die Begegnung, die Hertha zudem das erste Bundesligator und den ersten Bundesligasieg in Augsburg bescherte, war gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Angesichts des Auftritts der Berliner beim FCA stellt die "Süddeutsche Zeitung" mit einiger Verzückung fest: "Hertha spielt Fußball". Ähnlich lautet der Tenor bei hertha-blog.de: Die Berliner hätten "eine Halbzeit lang eine derart überzeugende Leistung gezeigt, dass man sich als Sky-schauender Hertha-Fan zwischenzeitlich fragen musste, ob man sich nicht im Optionskanal geirrt hatte. Es schien so, als hätte Pal Dardai sein Team an seinen eigenen Ruhepuls angeschlossen. Während Augsburg sich aufregte, lamentierte, schrie, verzweifelte oder abwinkte – spielte Hertha Fußball."

Wo soll das noch hinführen? Vielleicht sogar an die Tabellenspitze. Hertha muss nur das Heimspiel gegen Bremen gewinnen, dann ist die Mannschaft Erster. Zumindest so lange, bis am Samstag oder Sonntag auch die Konkurrenten ihr zweites Saisonspiel bestreiten dürfen.

Hertha BSC: Dzsuzsak kommt nicht - und tritt nach

12:20 Uhr. Michael Preetz, der Manager von Hertha BSC, hat heute Geburtstag. 48 wird er, und vielleicht findet Preetz trotz weiterhin anstehender Umbauarbeiten an Herthas Kader ja auch ein bisschen Zeit zu feiern. Das hätte den Vorteil, dass er sich nicht mit den Vorwürfen von Balazs Dzsudzsak beschäftigen muss.

Tut mir leid,. Junge. Balazs Dzsudzsak und Pal Dardai werden erst einmal nicht mehr zusammenarbeiten.
Tut mir leid,. Junge. Balazs Dzsudzsak und Pal Dardai werden erst einmal nicht mehr zusammenarbeiten.Foto: p-a/dpa

Zur Freude aller Fernseh- und Radioreporter wechselt der Lieblingsspieler von Herthas Trainer Pal Dardai jetzt doch nicht nach Berlin. Der ungarische Nationalspieler hat stattdessen einen Dreijahresvertrag beim türkischen Erstligisten Bursaspor unterschrieben - obwohl er eigentlich viel lieber zu Hertha und seinem früheren Nationaltrainer Dardai wollte.

Der Wunsch war nach seiner eigenen Aussage sogar so groß, dass er sich bei seinem aktuellen Verein für vier Monate auf die Tribüne gesetzt und auf sein Gehalt verzichtet hätte, um dann Ende des Jahres ablösefrei nach Berlin zu wechseln. So jedenfalls hat es Dzszdzsak dem ungarischen Radiosender Class FM erzählt. "Aber mein Gefühl war, dass in Berlin nur Pal Dardai mich wirklich wollte. Der Klub hat nur Versprechungen gemacht, wollte mir keine Garantie für einen Vertrag im Winter geben. Während der Verhandlungen haben sie nie etwas Konkretes gesagt."

Darmstadt 98: Das Stadion ist retro, der Fußball auch

11:55 Uhr. Manchmal hat man ja das Gefühl, dass der moderne Fußball ohne Leitbilder nicht mehr auskommt. Dass jeder Verein, der etwas auf sich hält, eine Agentur engagiert, die ihm einen markigen Slogan verpasst. Das Schöne an Darmstadt 98 ist, dass bei den Lilien auch ohne diesen Kokolores alles in sich stimmig zu sein scheint. So retro wie das Stadion ist irgendwie auch der Fußball, findet zumindest "Zeit online": "Der SV hat auch mal gleich gezeigt, wie er sich das vorstellt mit dem Abstiegskampf: mit Trash Talk, Trikot ziehen im Rücken des Schiris, auch mal ein paar deftigeren Worte von außen, Retrofußball eben. Aber solange so gut gelaunte Fußballnachmittage rauskommen wie diesmal, sei Fortsetzung unbedingt erwünscht." Wohin das alles führen wird? "Nach diesem ersten Spieltag fallen einem mindestens zwei Vereine ein, die am Ende hinter den Lilien stehen könnten."

Der "Kicker" sieht das etwas anders: "Bei aller berechtigten Euphorie muss man konstatieren: Darmstadt holte zwei Punkte zu wenig. Gegen einen verhältnismäßig schwachen Gegner sollte man dazu in der Lage sein, einen Dreier einzufahren, wenn man daheim spielt und zweimal führt."
In diesem Zusammenhang sei an den SC Paderborn erinnert, der sich noch vor einem Jahr als krassester Außenseiter der Bundesliga-Geschichte gesehen hat (wie jetzt Darmstadt). Er wurde anfangs unterschätzt, lebte von der Euphorie des Aufstiegs und schien bis tief in die Rückrunde hinein nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Am Ende oder besser über die lange Strecke ist dann doch die Qualität entscheidend.

Mit der Kraft der Mannschaft. Darmstadt 98 versucht seine natürlichen Schwächen zu überspielen.
Mit der Kraft der Mannschaft. Darmstadt 98 versucht seine natürlichen Schwächen zu überspielen.Foto: dpa

11:00 Uhr. Genug gejammert. Wenden wir uns den Neuerungen, den positiven Dingen der Saison zu: dem SV Darmstadt 98, der größten Attraktion der Bundesliga. Man muss kein Nostalgiker sein, um sich über die Rückkehr des Klubs in die Bundesliga zu freuen. Man muss nur ein Freund des Sports sein. Nirgendwo wird der Geist des (Mannschafts-)Sports derzeit ehrlicher gelebt als in Darmstadt, wo nicht große Namen zählen, sondern allein das Team. Wo eine gemeinsame Idee stärker ist als die Macht des Kommerzes. In Zeiten, da die Bayern sowieso immer Meister werden, geben die Darmstädter uns ein bisschen von dem Gefühl zurück, dass im Sport alles möglich ist. Oder möglich sein sollte.

Den schönsten Satz des Wochenendes hat Rüdiger Fritsch gesprochen, der Präsident des Aufsteigers. Es ging um die Gästekabine im Stadion am Böllenfalltor, die dank ihrer kargen Ausstattung in der Sommerpause zu einer Art Medienstar aufgestiegen ist. "Die Bänke sind zum Sitzen da", hat Fritsch also gesagt, "die Haken, um etwas daran aufzuhängen, und die Duschen zum Duschen. Also alles ganz normal hier." Offensichtlich nicht. Offensichtlich muss man das einem ganz normalen Fußballprofi im Jahr 2015 erst einmal genau erklären.

Die Darmstädter sehen sich selbst als krassesten Außenseiter in der Geschichte der Bundesliga. Der Auftakt, ein 2:2 gegen Hannover 96, hat diese Ansicht zumindest nicht gänzlich ad absurdum geführt. Natürlich kann man sagen: Ein Unentschieden im ersten Spiel, das ist doch okay. Andererseits: Wenn man schon zu Hause gegen Hannover nicht gewinnt - gegen wen denn dann? Vermutlich wird es den Darmstädtern ergehen wie zuletzt Eintracht Braunschweig, Greuther Fürth oder dem SC Paderborn, die auch alle nach einer Saison zurückmussten in die Zweite Liga. Aber bis es so weit ist, lässt Darmstadt zumindest ein Stück weit die Illusion aufleben, dass Leidenschaft wichtiger ist als die Höhe des Gehalts.

Michael Frontzeck, der Trainer von Hannover 96, hat über die Infrastruktur am Böllenfalltor übrigens gesagt: "Ich bin begeistert von dem Stadion. Es ist ja viel geschrieben worden, aber ich kann allen sagen, es ist alles in Ordnung. Nur ganz so einfach wird es hier nicht."

Und schon wieder jubeln die Bayern.
Und schon wieder jubeln die Bayern.Foto: dpa

10:00 Uhr. Wenn man die Rekordlisten der Fußball-Bundesliga durchstöbert, wird man gelegentlich auf den Namen FC Bayern München stoßen. Gefühlt stammen die aktuellen Bestmarken alle aus den vergangenen drei Jahren, als die Bayern in der Liga eine Dominanz ausübten wie nie zuvor seit ihrem Aufstieg vor exakt 50 Jahren.

Diese Entwicklung lässt darauf schließen, dass die Münchner in dieser Saison noch einen weiteren nur scheinbar historischen Rekord knacken können. Sollten sie erneut Meister werden, wären sie der erste Klub, der vier Mal hintereinander den Titel geholt hat. Nur die Bayern selbst (insgesamt drei Mal) und Borussia Mönchengladbach (1975 bis 77) haben bisher eine Serie von drei Meisterschaften hingelegt.

Der allgemeine Tenor - so mein Eindruck - lautet: Wer soll das schon verhindern? Andererseits: Es ist vermutlich kein Zufall, dass zumindest in der Bundesliga noch kein Klub vier Titel hintereinander gewonnen hat. Auch wenn man das nach der Dauerdominanz der Bayern in der jüngeren Vergangenheit nicht glauben mag: Auch die beste, tollste, größte Mannschaft aller Zeiten hat gewissermaßen ein natürliches Verfallsdatum. Es war schon in der Rückrunde der vergangenen Saison mehrfach vom hohen biologischen Alter der Bayern die Rede. Mit den Verpflichtungen von Arturo Vidal (für den in Ehren ergrauten Bastian Schweinsteiger) und Douglas Costa (als Backup für Franck Ribéry und/oder Arjen Robben) haben die Bayern.

Neben körperlichen Ermüdungserscheinungen gibt es nach Jahren dauerhaften Erfolgs auch so etwas wie mentale Ermüdung. Auf den ersten Blick sind solche - je nach Objektive - Sorgen oder Hoffnungen unbegründet. Die Bayern sind mit einem 5:0 in die neue Saison gestartet, aber man sollte aus einem Spiel, zumal gegen den Hamburger SV, noch keine allgemeingültigen Schlüsse ziehen. Der Kollege Oliver Fritsch hat den Erfolg der Münchner bei "Zeit online" sogar als "5:0-Sieg, der Sorgen macht" bezeichnet. "Als Mannschaft spielen sie mit dem Ball weit unter ihrer Norm", schreibt er. Und weiter: "Die Bayern greifen vorwiegend ohne Tempo an. Kaum einmal gelingt eine Kombination über zehn oder fünfzehn Stationen. Wenn doch, endet sie ohne nennenswerten Raumgewinn."

Auch wenn der Kollege sich von Bayern-Fans für solche Urteile die üblichen Beschimpfungen eingefangen hat, völlig abwegig sind seine Beobachtungen nicht. Im ersten Jahr mit Pep Guardiola haben die Münchner weit spektakulärer gespielt als sie es jetzt taten. Ich erinnere nur an das 3:1 bei Hertha BSC im März 2014, mit dem sie die früheste Meisterschaft der Geschichte perfekt machten. Sie hatten am Ende 82 Prozent Ballbesitz, und nach 20 Minuten sah es so aus, als würden die Berliner bis zum Schluss kein einziges Mal an den Ball kommen. Von dieser Unwiderstehlichkeit scheinen die Bayern inzwischen weit entfernt zu sein. Aber auch da gilt natürlich: Vorsicht mit endgültigen Urteilen nach gerade mal einem Spiel!

9:15 Uhr. Was die anderen langweilt, freut die Bayern: Sorry, wir sind nicht für die Spannung zuständig, das müsst ihr schon selbst hinbekommen. Niemand verkörpert diese bayrische Unerbittlichkeit besser als Matthias Sammer, der Sportdirektor. Manchmal könnte man zu dem Eindruck gelangen, Sammer sei nur zu diesem Zweck bei den Münchnern angestellt. Deshalb hat er aus dem erwartbaren und entsprechend ungefährdeten 5:0-Sieg gegen den Hamburger SV schnell etwas ganz Großes gemacht. „Es war uns wichtig, gleich zum Auftakt zu zeigen, dass wir nichts zulassen“, hat Sammer gesagt. Und diese Unerbittlichkeit dann auch mit der Unverfrorenheit der Konkurrenz begründet. Ein paar Wortmeldungen hätten ihm nicht gefallen, sagte Bayerns Sportdirektor. Wobei nicht ganz klar war, was er meinte. Empfand er es als Majestätsbeleidigung, dass nur 16 der 18 Trainer die Bayern als Deutscher Meister getippt hatten? Fand er es unziemlich, dass ein paar Spieler oder Trainer geäußert hatten, die Konkurrenten sollten es wenigstens mal probieren, gegen die Bayern zu gewinnen?

9:00 Uhr. Ein kompletter Bundesligaspieltag liegt jetzt schon wieder hinter uns, und langsam macht sich erster Überdruss breit. Es gibt ein paar Themen, von denen man eigentlich schon jetzt nichts mehr hören, sehen oder lesen will. Als da wären in dieser Reihenfolge: Sind die Bayern in dieser Saison jetzt wirklich mal unschlagbar? Oder (selbes Thema, nur aus der anderen Perspektive): Wer wird denn nun in dieser Saison Bayern-Jäger Nummer 1, um am Ende mit deutlichem Abstand Zweiter zu werden? (Immerhin: Diese Frage dürfte seit Samstagabend, seit Dortmunds 4:0 gegen Borussia Mönchengladbach, ja abschließend beantwortet sein.) Außerdem schon jetzt nur noch mäßig interessant: Verlässt Kevin De Bruyne in dieser oder in der nächsten Woche den VfL Wolfsburg? Bleibt Mario Götze nun doch bei den Bayern oder nicht?

Man könnte fast den Eindruck haben, die alte Saison wäre noch gar nicht zu Ende, sondern würde jetzt einfach immer weiter gehen. Dazu trägt nicht zuletzt der Hamburger SV bei. Eigentlich lautete der erste Vorsatz für diesen Blog in dieser Saison: Sich nicht mehr lustig machen über den HSV. Wobei …

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