• Unser Blog zum Bundesliga-Wochenende: Zwei Spiele Sperre für den Wolfsburger Julian Draxler
Update

Unser Blog zum Bundesliga-Wochenende : Zwei Spiele Sperre für den Wolfsburger Julian Draxler

Außerdem in unserem Block: Woher kommt der Hass? Wer hat Schalke 04 bloß so ruiniert? Und wie gut ist Hertha BSC wirklich?

von
Julian Draxler (l.) muss zwei Spiele zuschauen und 10.000 Euro Strafe zahlen.
Julian Draxler (l.) muss zwei Spiele zuschauen und 10.000 Euro Strafe zahlen.Foto: AFP

Kenntnis hilft. Der Deutsche Fußball-Bund hat gerade mitgeteilt, dass Julian Draxler wegen unsportlichen Verhaltens für zwei Meisterschaftsspiele gesperrt wurde und 10.000 Euro Strafe bezahlen muss. „Der Spieler beziehungsweise der Verein haben dem Urteil zugestimmt, das Urteil ist damit rechtskräftig“, schreibt der DFB auf seiner Internetseite.

Offensichtlich hat Schiedsrichter Schiedsrichter am Samstag mit seinem Platzverweis also doch keinen Fehler gemacht; sonst wäre Draxler ja mit der (im Übrigen schwer zu verstehenden) Mindeststrafe von einem Spiel davon gekommen. Das ist insofern verwunderlich, als Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking die Rote Karte für Draxler als „für mich indiskutabel“ bezeichnet hat. Seine Argumentation klang sogar plausibel: dass Draxler nämlich den Mainzer Jara gar nicht gesehen habe als er mit seinem Fuß durch den Mainzer Luftraum flog, dass demnach kein Vorsatz vorgelegen habe, der für eine Rote Karte zwingend gewesen wäre.

Diese Ansicht mag dem allgemeinen Rechtsempfinden entsprechen, aber nicht der Rechtssprechung und den Fußballregeln - und die sind nun mal entscheidend. Vor allem für den Schiedsrichter.
Aus gegebenem Anlass ein Zitat aus dem Buch „ICH PFEIFE“ des Literaturkritikers Christoph Schröder (das ich, aber das nur nebenbei, für das beste Fußballbuch des Jahres 2015 halte). Schröder, der auch für den Tagesspiegel schreibt, ist seit 20 Jahren als Schiedsrichter im Amateurfußball tätig ist und hat seine Erfahrungen aufgeschreiben. Unter anderem folgende: „Eines der größten Probleme mit den Fußballregeln ist, dass die meisten, die darüber sprechen, sie gar nicht kennen.“ Das gilt nicht nur für uns Journalisten - schlimm genug -, sondern auch für Leute, die Tag für Tag beruflich damit zu tun haben: für Spieler, Manager und Trainer.

Einen besonders krassen Fall habe ich 2011 im Relegationsspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem VfL Bochum erlebt. Der Vierte Offizielle hatte zwei Minuten Nachspielzeit angezeigt. Nach zwei Minuten vierzehn Sekunden gab es noch einen Einwurf für die Gladbacher, in dessen Folge das 1:0 fiel. Bochums Trainer Friedhelm Funkel zeterte anschließend, dass der Treffer irregulär gewesen sei, weil die Nachspielzeit bereits abgelaufen war. Laut Regelwerk aber handelt es sich bei der angezeigten Nachspielzeit um eine Mindestnachspielzeit, alles andere liegt im Ermessen des Schiedsrichters. Der Treffer war also mitnichten irregulär.

Man kann sich nur wundern, dass Leute, die selbst keine Ahnung haben, meinen, sie wüssten alles besser als die Schiedsrichter.

In diesem Zusammenhang und zum Abschluss für heute noch meine Lieblingsszene des vergangenen Wochenendes: der Platzverweis gegen den Duisburger Meißner im Spiel gegen Freiburg für eine rüde Grätsche im Mittelfeld. Was macht Meißner nach dem Foul? Steht auf und zeigt erst einmal auf den Ball. Manche Fußballer sind sich auch für nichts zu blöde.

Moderne Kommunikation. Es ist ja schön, wenn ein Bundesligist seine Anhänger dank moderner Kommunikationsmittel quasi in Echtzeit auf dem Laufenden hält. Da weiß Borussia Dortmund anscheinend selbst noch nicht, dass die Profimannschaft das geplante Testspiel gegen den MSV Duisburg am Freitag abgesagt hat, schon sind die Fans via Twitter bereits informiert. Dummerweise haben es die Dortmunder leider versäumt, davon auch den MSV in Kenntnis zu setzen. Das zumindest behaupten die Duisburger. Auf ihrem Twitter-Kanal. Auch über die Gründe für die Absage wurden sie demnach nicht informiert. War bestimmt nur ein Versehen des BVB. Oder ist es unter der Würde der Dortmunder, mit einem Zweitligisten zu reden?

Eine Ergänzung. Wer einen Blick auf den Twitter-Account der Tagesspiegel-Sportredaktion wirft, wird feststellen, dass das Thema Derby und Fans die Gemüter erhitzt. Überrascht jetzt nicht unbedingt. Auch in dieser Frage wird viel in Schwarz-Weiß-Mustern gedacht. Der vorherige Wortbeitrag war daher als Versuch gedacht, eine Diskussion in Gang zu bringen, die über Vorwürfe wie „Völliger Mumpitz, den Sie das schreiben“ hinausgeht.

Okay, ich habe keine Ahnung, verkläre die Vergangenheit - und habe ein Rainer-Wendt-Poster überm Bett hängen (Nein, habe ich nicht, hat auch niemand behauptet. Also: Achtung, das war Ironie.)

Die Erfahrung ist: Diese Diskussion ist schwer. Deshalb habe ich auch auf den Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ verwiesen, in der andere Fans („zu viel Aggressivität in der Luft“) zu Wort kommen. Deshalb habe ich auf die Reaktion der Polizei nach dem Revierderby verwiesen: So machen Derbys Spaß. Da kann man dann zwischen den Zeilen lesen: Wenn die Ultras nicht da sind, gibt es auch keine Probleme. Also, liebe aufgeklärten Menschen, wäre es nicht besser für uns alle, wenn die Ultras überhaupt nicht mehr kommen?

Ich liebe Derbys, ich liebe es noch viel mehr, wenn mein Verein sein Derby gewinnt. Aber ich liebe die Begleitumstände nicht. Ja, es ist sicherer, vielleicht auch weil heute eine Tausendschaft an Polizisten im Einsatz ist. Das gefällt mir nicht. Es hat auch den Anhängern von Hannover 96 nicht gefallen, nicht individuell nach Braunschweig reisen zu dürfen. Was ich gut verstehen kann. Die Frage, warum es dazu gekommen ist, ist in etwa so leicht zu beantworten wie die nach der Henne und nach dem Ei. Nur dass in diesem Fall noch Ideologie mit reinspielt - und es noch ein bisschen schwieriger macht.

Zwischen Blau und Gelb. Derbys (hier ein Bild aus dem Jahr 2013) gehen nicht mehr ohne massive Polizeipräsenz.
Zwischen Blau und Gelb. Derbys (hier ein Bild aus dem Jahr 2013) gehen nicht mehr ohne massive Polizeipräsenz.Foto: picture alliance / dpa

Wenn aus Rivalität Hass wird. Am Samstag ist in der „Süddeutschen Zeitung“ ein bemerkenswerter Text zum Revierderby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 erschienen. Es ging darum um einen Fanklub-Vorsitzenden, der in einem Offenen Brief die Möglichkeit zur Debatte gestellt hatte, die Feindschaft der beiden Lager zu beenden. Die Reaktion: jede Menge erboster Anrufe, wütende E-Mails, der heute in solchen Fällen übliche Hass.

Derbys sind eine feine Sache, aber sie machen vielen Leuten keinen Spaß mehr. In der SZ wird ein Schalker zitiert, der auf den Stadionbesuch verzichtet hat, weil „zu viel Aggression in der Luft“ sei. Das ist nicht nur im Ruhrgebiet so, sondern auch wenn der HSV auf Werder Bremen trifft, Hannover 96 auf Eintracht Braunschweig oder der 1. FC Köln auf Borussia Mönchengladbach. Die Derbys haben in den vergangenen Jahren eine zunehmende Militarisierung in Wort und Tat erfahren. Und ich stelle einfach mal die These in den Raum, dass das etwas mit der Leitkultur in den Fankurven zu tun hat, mit dem Weltbild der Ultras, das nur zwei Lager kennt: Wir oder die. Schwarz oder weiß. Gut oder böse.

Wer noch in freudiger Erwartung zu einem Derby geht, der kann sich vermutlich auch vorstellen, seinen Jahresurlaub im Gefängnis Stammheim zu verbringen. Alles das, was man in der Regel an einem demokratischen Gemeinwesen schätzt, zum Beispiel, sich jederzeit überall hinbewegen zu dürfen, sich so zu kleiden, wie es einem gefällt, all das gilt an Derbytagen nicht mehr. Stattdessen: Martialische Polizeikräfte auf der einen Seite, aufgeputschte Halbstarke auf der anderen. Dass die Fans gegen die Restriktionen auf die Barrikaden gehen, dass sie inzwischen selbst einen Boykott für erträglicher halten, ist durchaus zu verstehen. Aber man kann auch mal die Frage stellen, wie man es Politik und Polizei ein bisschen schwerer macht, solche Maßnahmen noch stringent zu begründen.

Derby hieß früher, den Arbeitskollegen foppen, wenn seine Mannschaft mal wieder verloren hatte und sich anschließend bis zum Rückspiel gegenseitig aufziehen. Aus Rivalität aber ist immer öfter Hass geworden, da unterscheidet sich der Fußball leider nicht vom Rest der Gesellschaft. Ich bin mit einer anderen Fußballkultur groß geworden, und ehrlich gesagt tue ich mich mit den Ritualen der Ultras schwer, mit ihrem Korpsgeist, mit ihrer hierarchischen Organisation: Einer sagt, wo es langgeht, und die Lemminge folgen. Früher hatte - zumindest in der Theorie - jeder Fan in der Kurve eine Stimme, die er erheben konnte, wenn ihm danach war. Dass es heute, in Zeiten des monotonen Dauergesangs, auf den Rängen kreativer zugeht, kann man übrigens nicht unbedingt behaupten.

Welchen Manager könnte ich denn noch ansprechen? Clemens Tönnies (l.) sucht einen Nachfolger für Horst Heldt.
Welchen Manager könnte ich denn noch ansprechen? Clemens Tönnies (l.) sucht einen Nachfolger für Horst Heldt.Foto: Imago

Der große Meister auf Schalke. In der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ beschäftigt sich das Dossier ausführlich mit Clemens Tönnies und den Bedingungen in seinen Fleischfabriken. Darin steht unter anderem der schöne Satz: „Der Fußballverein Schalke 04 wurde von Tönnies in ein Maskottchen der russischen Staatsfirma Gazprom verwandelt.“

Um den dreiseitigen Artikel „Der König der Schweine“ in einem Satz zusammenzufassen: Clemens Tönnies weiß von all den Schweinereien, die in seinen Betrieben passieren sollen, nichts.

Das ist anders als beim FC Schalke 04, wo Tönnies die Richtlinien der Vereinspolitik bestimmt - anders als es sein Titel „Aufsichtsratsvorsitzender“ vermuten lässt. Da es bei den Schalkern kein Präsidium gibt, ist Tönnies de facto Präsident, der als solcher massiv in die Vereinspolitik eingreift. Ob immer zum Besten für Schalke 04, diese Frage darf man angesichts des Umgangs mit Horst Heldt durchaus stellen.

Komischerweise gelangen die Dinge, die eigentlich im Geheimen stattfinden sollten, bei Schalke immer an die Öffentlichkeit. So auch im Fall Heldt respektive Heidel, den Tönnies jetzt als neuen Sportvorstand auserkoren hat. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang noch an die Posse, als Oliver Kahn öffentlichkeitswirksam vor Tönnies’ Unternehmenszentrale in Rheda-Wiedenbrück vorfuhr, weil er dem großen Meister erklären sollte, was er denn als Manager des FC Schalke 04 alles so machen würde. Dass die Verbindung nicht zustande kam, könnte auch damit zusammenhängen, dass Kahn etwas erstaunt war, dass die Medien recht gut über ein Gespräch informiert zu sein schienen, das man in der Regel in aller Vertraulichkeit führt.

In besagtem Artikel aus der „Zeit“ heißt es über Tönnies: „Er hat beim FC Schalke die Maßstäbe für Größe verloren.“ Tönnies ist der Prototyp des modernen Vereinsfunktionärs: ein Macher, der als Unternehmer übermäßig erfolgreich ist, dessen Ego durch den Erfolg im Geschäftsleben aber eben nur unzureichend gestreichelt wird. Wo aber bekommt man mehr Aufmerksamkeit als im Fußball?

Plötzlich darf man sich auf Augenhöhe mit den Leuten bewegen, die man als Kind vielleicht mal vergöttert hat. Eine Beobachtung ist mir in diesem Zusammenhang in Erinnerung geblieben. Es war bei der Feier der Schalker nach dem Pokalsieg 2011 in einem Club am Ufer der Spree. Irgendwann am Abend, es war noch nicht ganz so spät, traten Günter Netzer und seine Frau ins Freie, kurz darauf kam auch der aufgekratzte Tönnies hinzu, der bei solchen Veranstaltungen besonders gern das Vereinslied auf der Bühne schmettert. Jovial legte er Netzer seinen Arm um die Schulter, als wären sie schon seit Schulzeiten befreundet. Und man konnte regelrecht sehen, wie Netzer versuchte, sich möglichst geschickt wieder aus dieser Umarmung herauszuwinden.

Ähnliche Fälle wie Tönnies finden sich in der Bundesliga inzwischen zuhauf. Martin Kind (Hannover) zum Beispiel, Werner Gegenbauer (Hertha BSC), Michael Kühne (Hamburger SV) und früher auch Rolf Königs (Borussia Mönchengladbach), der inzwischen allerdings kaum noch in der Öffentlichkeit auftritt. Man kann nicht behaupten, dass sich Königs’ neue Zurückhaltung nachteilig auf das Fortkommen des Vereins ausgewirkt hätte.

Schalke 04: Nur ein Sieg aus den letzten acht Spielen

Schalke ist keine Konkurrenz mehr. Durch den Sieg in Hannover hat sich Hertha BSC am Freitagabend auf den vierten Tabellenplatz vorgeschoben. Das zieht in den Medien in der Regel die Formulierung „zumindest für eine Nacht“ nach sich. Zwei Tage später wissen wir, dass aus „zumindest für eine Nacht“ dank der Länderspielpause ein „zumindest für zwei Wochen“ geworden ist. Und die Aussichten auf mehr sind zumindest nicht schlecht. Am nächsten Spieltag empfängt Hertha BSC den aktuellen Vorletzten Hoffenheim im Olympiastadion, während zum Beispiel die unmittelbar hinter Hertha platzierten (und punktgleichen) Schalker es mit dem FC Unbesiegbar aus München zu tun bekommen werden.

An den Schalkern ist Hertha am Wochenende vorbeigezogen, was angesichts der jüngeren Vergangenheit keine allzu große Überraschung mehr war. Die Schalker haben von den vergangenen sechs Pflichtspielen in Liga, Pokal und Europa League kein einziges gewonnen. Aus den vergangenen acht Begegnungen sprang nur ein einziger Sieg heraus, dummerweise (für Hertha) gegen Hertha.

Erinnert sich überhaupt noch jemand an die Lobenshymnen über Schalke zu Saisonbeginn, an die Kränze, die dem neuen Trainer André Breitenreiter für seine erfrischende Art geflochten wurden? Vorbei. (Ich habe diesen Hype um Breitenreiter sowieso nie so ganz verstanden, aber das ist meine ganz private Privatmeinung.)

Schalke ist eben Schalke. Die Krise ist hausgemacht, und wenn man nach den oder dem Verantwortlichen sucht, landet man nicht bei Horst Heldt, dem designierten Ex-Sportdirektor des Klubs. Das Problem des Vereins ist eine Stufe weiter oben zu verorten.

Ein kurzer Rückblick: Bei der Mitgliederversammlung im Juni stand Heldt nach einer mäßigen Saison mit dem mäßig erfolgreichen Trainer Roberto di Matteo massiv in der Kritik. Trotzdem wurde ihm vom Aufsichtsratschef Clemens Tönnies noch einmal die Möglichkeit eingeräumt, es besser zu machen. Heldt verpflichtete Breitenreiter als neuen Trainer; er holte mit unter anderem Johannes Geis und Franco di Santo zwei viel versprechende Neue, er tat mit dem Verkauf von Julian Draxler auch noch etwas fürs traditionell leere Vereinskonto. Da die Mannschaft Erfolg hatte, hätte man also auf die Idee kommen können: Heldt hat verstanden, er hat die letzte Chance genutzt. Von wegen!

„Schalke unser“, die Zeitung der Schalker Fan-Initiative, schreibt über die aktuellen Entwicklungen: „Clemens Tönnies war es, der noch auf der Mitgliederversammlung dem Sport-Vorstand Horst Heldt eine letzte Chance einräumte, die er aber ganz offensichtlich gar nicht bekam, denn quasi zeitgleich klapperte er bereits diverse potenzielle Sport-Vorstände ab. Der Gladbacher Max Eberl wurde angefragt, der technische Direktor des FC Bayern München Michael Reschke und eben auch Christian Heidel aus Mainz. Alle Anfragen gelangten dabei an die Presse und damit an die breite Öffentlichkeit.“

Hertha BSC ist fast so gut wie 2008

Das meinen die anderen. Salomon Kalou hat sich mit seiner Leistung am Freitagabend in Hannover eine gewisse Narrenfreiheit verdient. Trotzdem hat er nicht auf die ganz große Pauke gehauen, sondern bei der Frage nach Herthas Perspektive den doppelten Potenzialis verwendet: „Diese Saison können wir vielleicht den Europapokal erreichen.“ Können und vielleicht. Doppelt gemoppelt hält besser.

Wie wird das Thema in anderen Medien beurteilt? Hertha BSC kann „wieder dezent nach oben schauen“, findet die „Berliner Zeitung“. Was die Frage provoziert: Wo landet der Blick, wenn man von Platz vier dezent nach oben schaut? Auf Platz drei?

Der „Kicker“ schreibt „Es wächst was in Berlin“ und verweist darauf, dass 20 Punkte nach zwölf Spieltagen die beste Bilanz seit der Saison 2008/09 sind. Damals hatte Hertha zu diesem Zeitpunkt sogar schon 21 und landete am Ende auf Platz vier (der allerdings anders als heute nur zur Teilnahme an der Europa League berechtigte).

In der „Berliner Morgenpost“ heißt es: „Hertha spielt nunmehr nicht nur einen ansehnlichen, ballorientierten Fußball, sondern auch einen erfolgreichen – zumindest dann, wenn Teams mit dergleichen Kragenweite die Gegner sind.“ Auch die Morgenpost bemüht die Statistik: „Seit der Einführung der Dreipunkteregel 1995/96 stand Hertha zuvor bereits vier Mal mit 20 Zählern oder mehr nach zwölf Spieltagen da. Und stets landete der Hauptstadtklub am Ende der Saison unter den ersten Sechs in der Tabelle. Das würde in dieser Spielzeit die Qualifikation für die Europa League bedeuten.“

Wie gut ist Hertha denn jetzt? Der User Havelzander hat bei Tagesspiegel online unter unserem Vorbericht auf das Spiel von Hertha BSC bei Hannover 96 den Kommentar hinterlassen: „Gewinnt Hertha, ist das Team weiterhin voll auf Europakurs. Was macht denn dann die Tsp-Redaktion?“ Die Antwort finden sie hier.

Kein Wort von Europa, obwohl Hertha doch in der Tabelle einen Satz vom Europa-League-Platz sechs auf den Champions-League-Qualifikationsplatz vier gemacht hat. Wird man uns jetzt mangelnde Euphorie vorwerfen? Falls ja: Wir haben für unsere nüchterne Haltung einen gewichtigen Fürsprecher auf unserer Seite: Herthas Manager Michael Preetz. „Wir sind noch keine Spitzenmannschaft“, hat Preetz vor und nach dem Spiel in Hannover gesagt, obwohl die Mannschaft dort eine - zugegeben - sehr reife Leistung abgeliefert hat. Ähnlich sieht es Trainer Pal Dardai: „Letzte Woche lese ich von Krise, jetzt von Europa - das ist Quatsch.“

Wo soll das noch hinführen? Hertha BSC hat sich in der Tabelle auf Platz vier verbessert?
Wo soll das noch hinführen? Hertha BSC hat sich in der Tabelle auf Platz vier verbessert?Foto: dpa

Man muss immer unterscheiden zwischen dem, was im Fußball nach außen kommuniziert wird, und dem, was intern gesprochen wird. Bei Hertha deutet jedoch nichts darauf hin, dass es in dieser Hinsicht eine auffällige Diskrepanz gibt. Und das ist in der aktuellen Situation genau richtig. Die Mannschaft befindet sich noch im Wachstum, da braucht sie keinen unnötigen Druck von außen.

Was die Berliner in dieser Saison leisten und vor allem spielen, ist außergewöhnlich gut. Erst recht, wenn man bedenkt, wo die Mannschaft herkommt. Es ist beeindruckend, wie Hertha das Duell gegen Hannover - angeblich eine Mannschaft auf Augenhöhe - fast durchgängig beherrscht hat. Es ist beeindruckend, zu welchen spielerischen Fortschritten die Mannschaft bisher in der Lage war, wie sie plötzlich Fußball spielt, während ihr erstes Bestreben in der vergangenen Saison noch die Verhinderung von Fußball war. Und über Salomon Kalou müssen wir gar nicht erst reden.

Warum also soll diese Entwicklung nicht in den Europapokal führen? Hat Eintracht Frankfurt das als Aufsteiger nicht auch geschafft? Oder Borussia Mönchengladbach als Fast-Absteiger (wie Hertha in der vorigen Saison)? Kann der Erfolg nicht auch seine eigene Dynamik entwickeln so wie der Misserfolg? Hertha scheint ja in der Tat gerade die Welle erwischt zu haben.

Andererseits kann auch die eigene Geschichte als mahnendes Beispiel dienen. Vor zwei Jahren, nach dem Aufstieg, hat Hertha die Hinrunde nach einem 2:1-Auswärtssieg beim Meister Borussia Dortmund auf dem sechsten Tabellenplatz beendet. Der überraschend guten Vorrunde folgte dann eine ebenso überraschend blamable Rückrunde (nur drei Siege, zweitschlechteste Mannschaft) und Platz elf in der Endabrechnung. Schon dieses Beispiel zeigt, dass ein bisschen Nüchternheit nicht verkehrt ist. Und wenn es am Ende nur aus Selbstschutz ist.

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben