Sport : Unsere 11 Freunde

Ein Holländer fliegt durch den Strafraum, Deutsche und Türken beherrschen das Mittelfeld, Spanier und Russen stürmen schnell nach vorn: Diese Mannschaft ist die beste des Turniers

Stefan Hermanns
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TOR

Edwin van der Sar: Die tragische Figur der Holländer. Verwendete sich wie kein Zweiter für den ersten Titelgewinn seit 20 Jahren – weil er wie kein Zweiter unter Holland gelitten hat: vor allem darunter, dass die traditionelle spielerische Überlegenheit der holländischen Fußballer immer in den ungünstigsten Momenten in Selbstüberschätzung umschlägt. Diesmal im Viertelfinale gegen Russland, in dem van der Sar als einziger Holländer seine normale Form abrief. Hielt, was zu halten war, und wurde in der Verlängerung von einer Flanke Arschawins überwunden, die allen physikalischen Gesetzen Hohn sprach. Die tragische Figur eben.

ABWEHR

Philipp Lahm: Gilt jetzt wieder als künftiger Weltstar – völlig zu Recht, wie er im Halbfinale bewies: Verschuldete kurz vor dem Abpfiff den Ausgleich der Türken und erzielte in der Schlussminute den Siegtreffer. So etwas schaffen nur Spieler, die im entscheidenden Moment nicht an sich zweifeln, sondern durch Rückschläge stärker werden. Im Finale allerdings sah Lahm beim 1:0 durch Fernando Torres erneut ganz schlecht aus.

Giorgio Chiellini: Schaffte, was wenige Stürmer geschafft haben. Sprengte die komplette Innenverteidigung des Weltmeisters: indem er Kapitän Fabio Cannavaro mit einem Tritt im Training aus dem Team beförderte und den hemmungslos überschätzten Marco Materazzi mit Leistung aus der Mannschaft verdrängte. Ohne Chiellini (und mit Materazzi) kassierten die Italiener in einem Spiel drei Gegentore; mit Chiellini (und ohne Materazzi) in drei Spielen ein Gegentor.

Carles Puyol: Mit seiner lustigen Frisur hätte Puyol auch bei der WM 1978 für Mexiko spielen können. Sonst ist er aber durchaus auf der Höhe der Zeit. Allein mit seinen Szenen könnte Joachim Löw ein komplettes Lehrvideo über modernes Zweikampfverhalten bestücken: Foult selten, steht immer richtig und gewinnt selbst mit 1,78 Metern Körpergröße die meisten Kopfballduelle.

Juri Schirkow: Ein Ereignis. Schirkow hat den vielleicht besten linken Fuß im europäischen Fußball. Wird offiziell als Außenverteidiger geführt. Aber das ist nur Teil einer groß angelegten Verschleierungstaktik. Verteidigen ist für Schirkow nicht mehr als eine bezahlte Nebentätigkeit. Seine Stärken liegen eindeutig in der Offensive, womit er perfekt das Anforderungsprofil für moderne Außenverteidiger erfüllt.

MITTELFELD

Hamit Altintop: Zum Superstar der EM, wie von seinem Trainer Fatih Terim prognostiziert, schaffte es Altintop nicht. Hatte aber entscheidenden Anteil daran, dass es die Türken nach der Auftaktniederlage gegen Portugal noch bis ins Halbfinale schafften (und dort ihrem Gegner deutlich überlegen waren). Mit Altintops Steigerung setzte auch der Aufschwung seiner Mannschaft ein. Er hatte im Halbfinale mehr gute Offensivaktionen als alle eingesetzten zwölf deutschen Feldspieler zusammen.

Marcos Senna: Brasilianer von Geburt, im Mittelfeld der Spanier war Senna trotzdem nur eine dienende Rolle zugedacht – die jedoch interpretierte er auf höchst imponierende Weise. Eine der Entdeckungen des Turniers. Ballsicher, aufmerksam, mit dem Gespür für die Gefahr, die ein exzellenter defensiver Mittelfeldspieler benötigt – und mit dem Blick für die Möglichkeiten nach vorne. Das wertvolle 1:0 im Halbfinale gegen Russland nahm seinen Anfang bei Senna, der den Angriff mit einem unscheinbaren, aber effizienten Pass eröffnete.

Wesley Sneijder: Besaß nach der Vorrunde beste Chancen, der Superstar der EM zu werden – so wie seine Holländer beste Chancen besaßen, die Supermannschaft der EM zu werden. Sneijders Nominierung in die EM-Elf ist auch Ausdruck des Dankes für zwei wunderbare Vorrundenspiele der Holländer – und für eines der schönsten Tore dieses Turniers, das 2:0 gegen Italien. Sneijder vollendete diesen perfekten Konter, weil er perfekt mitgedacht hatte. Oder war es Intuition? Auch in diesem Fall steht Sneijder zu Recht in dieser Elf.

Lukas Podolski: Der Trend im Fußball geht dahin, die Außenpositionen im Mittelfeld mit gelernten Stürmern zu besetzen. Insofern ist Podolski bei dieser EM endlich in der Moderne angekommen. Er spielte mit Lust an seiner neuen Aufgabe und erfüllte, zumindest offensiv, seinen Auftrag. Mit drei Toren und zwei Vorlagen war er der beste Offensivspieler der deutschen Mannschaft. Und was seine Defizite in der Defensive betrifft – sagen wir es so: Er hat sich bemüht.

STURM

David Villa: Hat das, was ein Stürmer braucht: einen gesunden Egoismus. Villa beschnitt seinen Partner Fernando Torres entscheidend in seinen Fähigkeiten, um seine eigenen Fähigkeiten zur Geltung zu bringen – natürlich nur zum Besten seiner Mannschaft. Vier Tore schoss Villa, alle in der Vorrunde. Seinen Klub Valencia wird der neue EM-Torschützenkönig wohl für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag verlassen. So schnell geht das.

Andrej Arschawin: Noch ein Russe. Und noch ein Ereignis. Der kleine Arschawin war bis zum Halbfinale gegen Spanien auf dem besten Weg, Superstar der EM zu werden, obwohl er die ersten beiden Turnierspiele wegen einer Sperre verpasst hat. Seine Rückkehr ins Team machte aus einer guten russischen Mannschaft zumindest für den Moment eine außergewöhnliche russische Mannschaft. Und das ist es, was einen Superstar auszeichnet: dass er sein Team besser macht.

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