Unsere Experten : Am Anfang stehen die Nerven

Wann kommen die Stars ins Rollen? Der künftige HSV-Kotrainer Michael Oenning sieht noch nicht schwarz für das WM-Niveau.

Michael Oenning.
Michael Oenning.Foto: TSP

Möglicherweise ist es so, dass die Erwartungen an alle Mannschaften einfach zu hoch geworden sind. Wunderdinge werden erwartet, und die gleich von Anfang an. Und nun haben alle Mannschaften ihre ersten Spiele absolviert, und die Enttäuschung ist weitgehend groß. Was haben die Leute geglaubt? Dass all die Schwierigkeiten, die diese WM von vornherein mit sich brachte, komplett ausgeblendet werden können? Und damit meine ich nicht alleine den Krach. Dass Brasilianer sich schwertun, wenn sie bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in kurzen Hosen rumlaufen müssen, ist keine so neue Erkenntnis. Dass auch die anderen Teams sich erst einmal zurechtfinden müssen, ihre Position suchen und dabei zunächst erst einmal sicher stehen wollen, das ist auch nicht erstaunlich, sondern Grund für die vielen Unentschieden. Man sollte nicht so überschlau sein und nun schon gleich von einem schlechten Niveau dieser WM sprechen. Ich bin sicher, die zweiten Spiele, wenn sich die Risikobereitschaft erhöhen muss, werden besser sein.

Darüber hinaus glaube ich nicht – auch das ein beliebtes Argument –, dass zu viele Mannschaften an der Endrunde teilnehmen und dabei zu viele sind, die den hohen Standard nicht erreichen. Gewiss, Griechenland ist keine Zier des Fußballs, aber selbst Neuseeländer und sogar die Nordkoreaner konnten erst einmal mithalten. Und dass – auch dies eine gerne gebrauchte Einlassung – eine Europameisterschaft qualitativ besser besetzt ist als eine Weltmeisterschaft, ist eine Banalität und grenzt den Reiz vermeintlicher Underdogs aus.

Was allerdings zu beobachten ist: Die großen, überragenden Spieler, sie haben sich noch nicht in ihrer überragenden Funktion eingefunden. Lionel Messi hat ordentlich gespielt, aber Franck Ribéry nicht, nicht Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney hat schon bessere Spiele gezeigt, Wesley Sneijder auch und Samuel Eto’o erst recht. Das wird abzuwarten sein, ob die vermeintlichen Leistungsträger ihr Können erreichen werden oder ob die harte, lange Saison auf Spitzenniveau in ihren Klubs ihren Tribut zollt. Schade wäre es, aber noch weigere ich mich, allzu schwarz zu sehen.

Weil in der deutschen Mannschaft ja auch einige stehen, die eine harte, lange Saison auf Spitzenniveau in ihren Klubs hinter sich haben, die dennoch ihre Form haben halten und steigern können. Wie meinen? In der deutschen Mannschaft gibt es keinen herausragenden Star, keinen Messi, Rooney, Eto’o? Stimmt. Stimmt noch. Und das genau ist der Star. Obwohl, wenn ich mir Mesut Özil so anschaue …

Michael Oenning wird zur neuen Saison Kotrainer beim Hamburger SV und kommentiert im Wechsel mit Marcel Reif, Arnd Zeigler, Philipp Köster und Fredi Bobic die WM.

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