UNSERE Experten : Das Spiel wird von hinten geplant

Weltmeisterschaften stellen im Prinzip aus, was im Moment im Weltfußball en vogue ist. Taktisch war diesmal wenig Neues zu sehen. Denn neu ist die taktische Ausrichtung und Spielweise der deutschen Mannschaft ja nur für die Deutschen. Neu leider auch, dass sie angsterfüllt in ein Halbfinalspiel gehen, und das auch noch grundlos. Ein paar Grundprinzipien waren aber dennoch zu erkennen. Viel Wert legen die Spitzenmannschaften auf die Organisation des Spiels, auf seine Strukturierung. Wer etwas werden will im Fußball, baut sein Spiel auf und plant es von hinten nach vorne, Spitzenmannschaften überlassen nichts mehr dem Zufall. Wobei sich offensichtlich mehr und mehr das 4-3-2-1-System durchsetzt, ein echter Sturm, mit einem Mittelstürmer und zwei Außenstürmern. Dass diese Außenstürmer nicht mehr stoisch an den Außenlinien warten wie einst, sagen wir Libuda oder Löhr, und dabei möglichst nie die Mittellinie nach hinten überschreiten, versteht sich von selbst.

Ich hatte vor dem Turnier gemutmaßt, dass die europäischen Mannschaften ein Übergewicht haben werden gegenüber den afrikanischen. Und so ist es auch gekommen. Dass zwei europäische Teams im Finale stehen, ist kein Zufall, die Entwicklung in Afrika stockt leider immer noch.

Es war spielerisch sicherlich keine herausragende WM. Was sicher auch daran liegt, dass einige Spieler nach ihrer langen Saison mit Mehrfachbelastungen etwas überspielt waren. Von den Superstars konnte kaum einer überzeugen, Rooney, Ronaldo, Ribéry, Kaká, Messi, sie alle blieben weit unter ihren Fähigkeiten. Was zur Folge hatte, dass die Hierarchien in ihren Mannschaften zusammenbrachen. So etwas ist nur auszugleichen, wenn Spieler zur Verfügung stehen, die bereit sind und die Fähigkeit haben, ohne Allmachtsansprüche die Ausfälle zu kompensieren. Das ist, geradezu vorbildlich, der deutschen Mannschaft gelungen. Michael Ballacks Ausfall brachte Bastian Schweinsteiger auf den Plan, die deutsche Mannschaftsstruktur kam mit einer sehr, sehr flachen Hierarchie aus.

Das wird spannend zu beobachten sein, wie und ob Ballack in dieses System zu integrieren ist. Gerade weil man jetzt schon gesehen hat und weiß, wie es nach seinem Karriereende weitergehen kann. Ich glaube, die wesentliche Person in dieser Frage ist Ballack selbst. Kommt er zurück mit dem alten Machtanspruch des Capitano, dürfte es arg knirschen, wie die neuen Diskussionen zeigen. Erhebt Ballack den Anspruch nicht, glaube ich, ist er durchaus zu integrieren. Dann könnte ihm bei der Europameisterschaft in zwei Jahren ein großer Abgang gelingen. Nach dieser WM freue ich mich schon jetzt darauf.

Michael Oenning ist seit dieser Saison Kotrainer beim Hamburger SV. Hier kommentiert er im Wechsel mit Marcel Reif, Arnd Zeigler, Philipp Köster und Fredi Bobic die WM.

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