UNSERE Experten : Die Afrikaner erwarte ich weniger stark

Es wird ein wenig viel geunkt. Dass diese WM eher mittelmäßig wird. Wegen der afrikanischen Strukturen und weil ihr die großen Stars verletzungsbedingt weggebrochen seien. Was die afrikanischen Strukturen angeht, nun ja, bislang weisen die Zeichen auf ein stimmungsvolles Fest, allen Kassandra-Rufen zum Trotz. Und die fehlenden Stars? Essien zum Beispiel, Ferdinand, Ballack? Ach, die werden ersetzt werden, die werden Nachfolger finden. Weil solche Situationen immer auch die Möglichkeit der Erneuerung bieten. Ich erinnere mich, als Pierre Littbarski plötzlich nicht mehr da war. Das war beim 1. FC Köln, und da glaubte man in Köln, dass nun der Fußball sein Ende gefunden habe. Aber dann begann Thomas Häßler zu glänzen. Nun ist Köln nicht die Welt und der FC ist es auch knapp nicht . . ., aber was im Kleinen gilt, gilt auch für Nationalmannschaften. Und dann ist eben die Trauer des Ballack die Freude des Khedira und des Schweinsteiger.

Gewiss, Didier Drogba – wenn er denn wirklich ausfallen sollte – oder Essien sind Spieler, die mit dem immensen Druck der Erwartungen in Afrika besser umgehen könnten als junge und noch unbekannte Kräfte. Aber auch dort sind Kompensationen möglich. Allerdings, grundsätzlich erwarte ich die afrikanischen Teams als weniger stark. Gegenüber den Qualifikationsspielen müssten sie sich zumindest erheblich steigern.

Vorteil Europa mithin. Mit Spanien vorneweg, mit Deutschland von Ballack befreit, und, aber ja doch, mit England. Die träumen seit 1966 zwar immer von mehr – und sind dabei den Holländern gleich – aber diesmal hat der Traum eine Grundlage. Die heißt Fabio Capello, ist der Trainer und der hat ein Programm, von dem man weiß, dass es extrem erfolgreich ist, sehr rigoros durchgezogen. Englands Qualifikation war schon mal beeindruckend, man sollte England auf dem Plan haben.

Und die Südamerikaner? Natürlich ist Brasilien zu nennen, ist immer zu nennen. Und die Argentinier sind eigentlich auch zu nennen. Die haben eine Mannschaft von hoher individueller Qualität, die könnten zum Favoritenkreis gezählt werden. Sie schleppen allerdings Ballast mit: den Trainer Diego Maradona, den man doch wohl vornehm ausgedrückt als egozentrisch bezeichnen kann. Aber es hat ja auch schon Teams gegeben, die nicht das machten, was ihr Trainer will.

Das Material und der Stoff für eine gelungene Weltmeisterschaft sind vorhanden. Ich bin überzeugt, es wird eine gute WM. Und an den Hornissenschwarm auf den Tribünen werden wir uns auch noch gewöhnen.

Michael Oenning ist Kotrainer des Hamburger SV und kommentiert im Wechsel mit Marcel Reif, Arnd Zeigler, Philipp Köster und Fredi Bobic die WM. Alle Kolumnen unter www.tagesspiegel.de/wm2010.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben