UNSERE Experten : Fischer fliegt, Rudi rutscht, Jens springt

Am Vorabend einer Weltmeisterschaft denkt der sentimental veranlagte Fußballfan (also ich) gerne noch einmal zurück an all die Turniere, die er bereits bei klarem Bewusstsein erlebt hat.

1982 feierte ich mein WM-Debüt. Zum ersten Mal durfte ich länger aufbleiben. Mit müden Augen und offenem Mund sah ich, wie Klaus Fischer im Halbfinale gegen Frankreich die Schwerkraft besiegte. Während des Finales beobachtete ich dann staunend, wie Bundeskanzler Helmut Schmidt sich mit dem vollkommen entfesselten italienischen Präsidenten freute, anstatt protokollgemäß eine Trauermiene aufzusetzen.

1986 brach auch bei uns daheim ein infernalischer Jubel los, als Rudi Völler die deutsche Elf im Finale gegen Argentinien mit ihrem Superstar Diego Maradona zurück ins Spiel brachte und auf Knien in Richtung Eckfahne rutschte. Damals ahnte ich noch nicht, dass Franz Beckenbauer am Abend vor dem Finale Lachkrämpfe bekommen hatte, als er sich noch einmal vor Augen führte, mit welcher Graupentruppe er da eigentlich ins Finale eingezogen war.

Brehmes Elfmeter und den WM-Titel 1990 feierte ich im Rahmen einer Jugendfreizeit in einer Kneipe auf Korsika. Noch während die deutschen Spieler die Medaillen um den Hals gehängt bekamen, wurden wir allerdings aus dem Lokal geschmissen. Unser Wirt hatte begriffen, dass wir ab der 32. Minute auf Selbstversorgung umgestiegen waren und unsere Getränke fortan kostengünstig aus einem nahegelegenen Supermarkt bezogen hatten.

2006 schließlich: ein einziger Rausch. 150 000 fröhliche Schweden auf der Heerstraße, Tausende Mexikaner mit riesigen Sombreros in Leipzig, der fassungslose Argentinier Cambiasso nach Lehmanns Sprung in die richtige Ecke. Und während des Endspiels saß ich auf der Pressetribüne neben einem Italiener, der 120 Minuten lang die Ereignisse auf dem Spielfeld in sein Mobiltelefon brüllte - ohne einmal Luft zu holen. Ich nahm an, der eifrige Reporter kommentiere die Partie für einen Radiosender in der Heimat. Als ich ihn nach dem Spiel darauf ansprach, erklärte er entrüstet, er habe natürlich, natürlich! mit seiner Familie telefoniert.

Wenn nun die WM in Südafrika beginnt, sind es meine Söhne, die das erste Mal länger aufbleiben dürfen. Und es wenn es gut läuft, findet sich wieder jemand, der die Schwerkraft besiegt.

Hier kommentieren Marcel Reif, Arnd Zeigler, Philipp Köster, Michael Oenning und Fredi Bobic im Wechsel die WM. Alle Kolumnen unter www.tagesspiegel.de/wm2010.

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