UNSERE Experten : Lasst uns genau hinschauen

Wenn diese WM nicht noch eine überraschende Verlängerung erfährt, dann ist das meine letzte Kolumne zu diesem Großereignis. Die Kollegen Oenning und Reif sehe ich sicher demnächst in einem Stadion im Norden Deutschlands wieder, meinen Freund Philipp Köster in Berlin, und Fredi Bobic höchstwahrscheinlich am zweiten Pfosten.

Bei dieser WM sind eine Menge positiver und einige negative Dinge passiert. Unschön waren die bleiernen ersten Tage. Aber das wurde ja Gott sei Dank besser: Spätestens ab den letzten Gruppenspielen war vieles toll anzusehen. Es ging gerecht zu: Die richtigen Mannschaften mussten heimreisen, die richtigen Mannschaften wurden belohnt. Es lohnt sich aber, schon jetzt darüber nachzudenken, was von dieser WM hängen bleiben wird. Wir alle tendieren ja dazu, Events wie dieses im Nachhinein zu verklären. Je länger ein Turnier zurückliegt, umso verschwommener wird unsere Erinnerung daran.

Ich habe im Selbstversuch erst kürzlich festgestellt, dass ich viele fußballhistorische Highlights in meinem Hirn völlig schief abgespeichert hatte. Kürzlich habe ich mir das WM-Finale von 1974 noch einmal in kompletter Länge angesehen. Was haben wir von diesem Klassiker dunkel in Erinnerung? Holland war besser, Deutschland hatte viel Dusel und am Ende half eine Schwalbe von Bernd Hölzenbein zum Titelgewinn. Ich sag’ euch was: Ich konnte es selbst kaum glauben, aber der Elfmeter für das Foul an Hölzenbein war glasklar berechtigt. Zudem hat Deutschland noch ein nicht anerkanntes, aber reguläres Tor durch Gerd Müller erzielt und hatte noch diverse riesige Konterchancen. Vor diesem Hintergrund war der Sieg plötzlich richtig verdient, nach 36 Jahren. Ähnlich verhält es sich mit dem Finale von 1990. In der Erinnerung ein hauchdünnes, umkämpftes 1:0 gegen Argentinien, zustande gekommen durch einen sehr fragwürdigen Elfmeter. Nun – das Foul an Rudi Völler kurz vor Schluss bleibt auch nach 20 Jahren eher grotesk. Aber der gesamte Spielverlauf ähnelte frappierend unserem Viertelfinalspiel vergangenen Samstag gegen Argentinien: Deutschland war drückend überlegen und hätte ganz ohne den Völlerfaller schon längst glatt führen müssen, ehe Brehme zur Tat schritt. Hoppla, habe ich eben geschrieben, unser Viertelfinale sei dieses Jahr das Ergebnis drückender Überlegenheit? Ja, war es auch. Aber ich erinnere mich, dass ich das Spiel bis zur 60. Minute nur so lala fand. Die letzte halbe Stunde machte es dann zum Wunderspiel. Mit Recht.

Liebe Freunde! Schauen wir genau hin, was in den letzten Tagen dieser WM noch passiert. Und tragen wir all das, was uns in den vergangenen vier Wochen bewegt und begeistert hat, im Herzen. Für immer.

Arnd Zeigler ist Moderator. Hier kommentiert er im Wechsel mit Marcel Reif, Philipp Köster, Michael Oenning und Fredi Bobic die WM.

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