UNSERE Experten : Schuld ist man erst einmal selbst

Okay, okay: An die Vuvuzelas mussten wir uns gewöhnen, und den lustig amokfliegenden Ball Jabulani werden wir bis zum Ende der WM auch nicht los. Beide Themen sind medial durch. Also muss der nächste Aufreger her. Journalisten rund um den Erdball haben sich rasch auf die Schiedsrichter geeinigt. Eine Zunft, die scheinbar alleinschuldig ist, wenn ein Spiel vergeigt wird. Ich bin in dieser Hinsicht etwas geteilt. Wir haben einerseits wirklich bizarre Performances der ehemals schwarzen und jetzt meist gelben Männer mitanschauen dürfen/müssen. Der lustige, bunte Verwarnungskartenspaß für die ganze Familie, ungeahndete Abseitstore, grotesk herumgockelnde Gesten-Monster, übersehene Brutalo-Fouls wie das an Brasiliens Elano.

So weit, so schlecht. Was mich jedoch beinahe genauso gestört hat wie die scheinbar inflationär auftretenden „Tomaten-Schiris“ („Bild“) ist der deutliche Trend, grundsätzlich jedes fußballerische Ärgernis erst einmal am Referee festmachen zu wollen. Nehmen wir Deutschland gegen Serbien. Fraglos ein Spiel, das unter einem übereifrigen, kleinlichen Schiedsrichter litt. Der gute Mann hat allerdings nicht viele Fehler gemacht. Die meisten seiner Entscheidungen konnte man jede für sich durchaus so bewerten. Bei Kloses zweiter Gelber Karte hat der Schiri weniger falsch gemacht als unser Stürmer. Und keine der Entscheidungen von Señor Undiano war auch nur halb so stümperhaft wie Arne Friedrichs lethargischer Spaziergang durch unseren Torraum beim Gegentor. Was aber passierte anschließend, medial und an den Stammtischen? Es wurde über die Schiri-Leistung hergezogen. Der habe ja gar kein Fußballspiel zugelassen! Nehmen wir Luis Fabianos Tor für Brasilien gegen die Elfenbeinküste. Er hat den Ball wohl zweimal an den Arm bekommen, bevor er ihn schließlich gekonnt reinmachte. Sieht man in der Superzeitlupe ganz deutlich. Also ein grober Patzer des Schiris? Nein. Denn auf dem Rasen bemerkten nicht einmal die Ivorer das Doppel-Handspiel. Frankreichs Gourcuff erwischte es im Spiel gegen Südafrika, weil er seinen Gegner mit dem Ellbogen am Kopf traf. Reflexartige Reaktion allerorten: die völlig überzogene Entscheidung des Schiris geißeln. Natürlich. Möglich wäre aber theoretisch auch, sich erst einmal zu fragen, weshalb Gourcuff mit dem Ellbogen voran in Richtung des Halses seines Gegners springt.

Oft genug beiße auch ich ins Sofa, wenn ich mit der Entscheidung eines Schiedsrichters unzufrieden bin. Ich denke aber, bei der Aufarbeitung einer Niederlage und bei jeder Bewertung eines Fußballspiels sollte zunächst etwas ganz anderes im Vordergrund stehen als das gewohnheitsmäßige Durchkämmen der Schiedrichterleistung nach möglichen Benachteiligungen: der Fußball.

Arnd Zeigler ist Moderator und kommentiert hier im Wechsel mit Marcel Reif, Philipp Köster, Michael Oenning und Fredi Bobic die WM.

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