UNSERE Experten : Wider die Wiederholung

Sicher, es war zunächst vor allem skurril, was da am Sonntagabend während des Achtelfinales Argentinien gegen Mexiko in Johannesburg passierte. Dass zunächst der Argentinier Carlos Tevez das 1:0 aus einer derartig grotesk eindeutigen Abseitsposition schoss, dass jeder Nachwuchslinienrichter in der C-Jugend energisch mit der Fahne gewedelt hätte. Und dass die düpierten Mexikaner anschließend auch noch auf der Videowand das irreguläre Tor vorgeführt bekamen und darauf verständlicherweise ziemlich verschnupft reagierten.

Auf den zweiten Blick markiert der Vorfall aber auch eine Grenzverletzung. Denn es ist eine grässliche Unsitte, dass auf den immer größer werdenden Leinwänden und Videowürfeln in den Stadien die Szenen des laufenden Spiels eingeblendet werden. Wo früher lediglich das Eckenverhältnis und örtliche Werbetreibende eingeblendet wurden, flackert und flimmert es heute nahezu ohne Unterlass, werden Torchancen, Abseitsfallen und Grätschen in Endlosschleife wiederholt.

Das mag man für einen zusätzlichen Service am Zuschauer halten, in Wirklichkeit beschädigt es das Erlebnis Stadion, für die Spieler und die Anhänger. Vielleicht noch etwas kulturtheoretischer: Es zerstört die Einheit von Zeit und Ort, die den Besuch eines Fußballspiels so besonders macht. Denn das Faszinosum Fußballspiel besteht auch darin, einer einmaligen, unwiederbringlichen Aufführung beizuwohnen. Gerade für Weltmeisterschaften gilt das besonders: Das Wembleytor fiel nur einmal, Brehme machte uns nur einmal zum Weltmeister, Zidane wurde nur einmal mit dem Kopf niedergestreckt. Diese Momente sind jedem, der sie live im Stadion erlebt hat, unvergesslich.

Diese Einmaligkeit ist akut gefährdet, wenn große Momente durch die Leinwände zur beliebig wiederholbaren Actionszene mutieren. Mal ganz davon abgesehen, dass auch die Beziehung zwischen Spielern und Zuschauern degeneriert, wenn Letztere die Hälfte des Spiels nicht auf den Rasen, sondern auf den Videowürfel starren, um sich dort die Wiederholung der letzten Ecke anzuschauen.

Dafür ist das Stadion nicht da.

Philipp Köster ist Herausgeber der Zeitschrift „11 Freunde“. Hier kommentiert er im Wechsel mit Marcel Reif, Arnd Zeigler, Michael Oenning und Fredi Bobic die WM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar