Sport : Unsichtbare Champions

Eine platonische Ringparabel in Zeiten des totalen Dopings

Wolfram Eilenberger

Da saß er und zitterte im Blitzgewitter, Tour-de-France-Sieger Floyd Landis. Erst frisch gekürt, dann frisch überführt, beteuerte er die absolute Natürlichkeit seiner extrem hohen Testosteronwerte, gerade so, als wollte er die Hauptrolle in einem Pornofilm ergattern. Wir glaubten ihm kein einziges Wort. Es ist einfach vorbei.

Und unser totales Misstrauen ist keineswegs auf den Radsport begrenzt. Kein Schwimmrekord, den wir noch bejubeln wollten, keine Sprinterwade, die wir noch bewundern könnten. Es geht für uns Sportfans nicht mehr um den Kampf gegen das Doping. Diesen Kampf wissen wir verloren – und jede neue Enthüllung, jeder nachträgliche Ermittlungserfolg bestärkt unsere Gewissheit.

Nein, der einzige Kampf, der uns noch zu führen bleibt, ist der gegen den eigenen Zynismus, gegen die automatische Entwertung jeder Spitzenleistung, vor allem aber gegen die dunkle Ahnung, bereits durch den Akt des bloßen Zuschauens Teil eines moralisch verkommenen, ja kriminellen Netzwerks zu werden.

Mag gut sein, dass es niemals in der Geschichte – nicht einmal im olympischen Griechenland – so etwas wie einen reinen, dopingfreien Spitzensport gegeben hat. Aber die ebenso ernsthaften wie hilflosen Kontrollbemühungen der letzten Jahre eröffnen ein Ausmaß systemischer Verdorbenheit, wie es selbst Philosophen nur in der Fiktion für möglich hielten.

So ersann Plato, der Denker des absolut reinen Körpers, einst die Parabel vom Ring des Gyges. Demnach geriet Gyges, ein ehrgeiziger junger Mann aus bescheidenen Verhältnissen, eines Tages in den Besitz eines magischen Rings. Einmal am Finger, musste Gyges das Schmuckstück nur kurz gegen den Uhrzeigersinn drehen, und schon wurde er für seine Mitmenschen unsichtbar; drehte er den Ring aber zurück, war er wieder sichtbar. Mit etwas Geschick und Übung würde Gyges also, wie er wohl begriff, jede Handlung (und damit auch jedes Verbrechen) in unsichtbarer Heimlichkeit begehen können, ohne dabei entdeckt zu werden. Nur er selbst würde wissen, welche Taten er tatsächlich begangen hat. Einst rein philosophisches Gesinnungsexperiment, versetzten die Möglichkeiten des hoch verfeinerten Dopings heute jedes Sporttalent ganz konkret in eine gygesähnliche Entscheidungssituation: Stellt du es nur geschickt genug an, wird niemand nachweisen können, ob du gedopt hast oder nicht. Nur durch Doping aber kann es gelingen, deine hohen Ziele zu erreichen. Schließlich stehen sämtliche Konkurrenten vor der gleichen Entscheidung zur unsichtbaren Manipulation.

So ist das Teilnehmerfeld einer jeden Rundfahrt, eines jeden Endlaufs und eines jedes Finales heute, wie wir alles wissen, gespickt mit unsichtbaren Gygianern, von denen einer dann in schöner Regelmäßigkeit – als drehte er an einem magischen Ring – in der entscheidenden Wettkampfphase zulegt und vor unser aller Augen unwiderstehlich davonzieht, worauf man ihm erst die Medaille ums Haupt und später den Sponsorenvertrag zu Füßen legt.

Einst erregte uns dieses sportliche Schauspiel. Heute regt es uns eher auf. Vielleicht fragen wir uns in diesen Momenten sogar, was aus den anderen geworden sein mag, jenen, die der Gyges-Versuchung widerstanden? Sollten sie sich überhaupt für das Ereignis qualifiziert haben, sind sie bereits am Vormittag ausgeschieden? Keine Kamera hat sie aufgenommen, kein Mikrophon ihre Stimme bewahrt. Sie, die allen Grund hätten, uns stolz in die Augen zu blicken, bezahlen ihren stillen Anstand mit der totalen, sponsorenfreien Unsichtbarkeit. Im günstigsten Fall aber haben sie sich – um dem absehbaren Zynismus späterer Jahre zu entgehen – bereits als junges Talent gegen eine Karriere im Spitzensport entschieden. Ein Weg der Verweigerung, wie er auch jüngeren Sportzuschauern zu empfehlen wäre, für dessen konsequente Ehrlichkeit es uns alten, hilflos süchtigen Fernsehfans jedoch an innerer Stärke fehlt. Selber schuld.

Und Gyges? Nun, auch er erlag seinem schwachen Selbst. Erst stahl und intrigierte er im Schutz der Unsichtbarkeit, schließlich ermordete er seinen König und schwang sich, wie Plato berichtet, im Jahr 685 v. Chr. zum Herrscher des lydischen Reiches auf. Danach verliert sich seine Spur in der Geschichte – wie auch die des Rings. Glaubhaften Theorien zufolge soll das gute Stück Ende des 20. Jahrhunderts in die Hände eines gewissen Lance Armstrong gefallen sein. Aber endgültig bewiesen werden konnte das bislang nicht.

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