Sport : Unsichtbares Feuerwerk

Mal stürmisch, mal still: Die Stimmung bei der WM wechselte ständig, aber selbst die Verlierer sprechen von einem wunderbaren Turnier

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Knall ohne Effekt. Was im Himmel über dem Frankfurter Stadion glühte, war auf den Rängen nicht zu sehen. Foto: dpa
Knall ohne Effekt. Was im Himmel über dem Frankfurter Stadion glühte, war auf den Rängen nicht zu sehen. Foto: dpaFoto: dpa

Es krachte und donnerte, am Frankfurter Nachthimmel flackerte das große WM-Abschlussfeuerwerk. Es mag ein prächtiger Anblick im Fernsehen gewesen sein – die Zuschauer im Stadion oder die Japanerinnen auf ihrer Ehrenrunde bekamen davon nichts zu sehen. Angesichts des nasskalten Wetters war das mobile Dach der Frankfurter Arena vor dem Endspiel geschlossen worden. Es war nicht das erste Mal, dass bei der Weltmeisterschaft ein Getöse veranstaltet wurde, das am Publikum vorbeiging.

Vor dem Turnier hatten sich die Organisatoren gefragt, wie der Zuspruch der Zuschauer in diesen drei Wochen aussehen würde. Die fest eingeplanten sechs Spiele der deutschen Frauen würden ausverkauft sein – aber wer würde sich für die anderen 26 Partien interessieren? Diese Sorge war unberechtigt, zu 86 Prozent waren die Stadien ausgelastet, auch die Einschaltquoten im Fernsehen übertrafen die Erwartungen. Das Finale verfolgten in der ARD 15,34 Millionen Menschen, mit so viel Interesse hatte niemand gerechnet, erst recht nicht nach dem frühen Ausscheiden der Heimmannschaft.

Das Finale war ein gutes Beispiel für die wechselhafte Stimmung bei der WM. Nach der kurzen Abschlussfeier, die wie die Eröffnung im Berliner Olympiastadion angemessen dimensioniert war, rauschte die La-Ola-Welle über die Ränge. Der Anpfiff war von Jubel begleitet – dann wurde es erst einmal wieder still. Das neutrale deutsche Publikum hat sich oft schwer damit getan, Stimmung zu erzeugen. In der ersten Hälfte des Endspiels war es zeitweise so ruhig im Stadion, dass man die Kommandos von Abwehrspielerin Saki Kumagai hätte verstehen können, wäre man denn des Japanischen mächtig gewesen. In anderen Spielen war es immer dann laut geworden, wenn es einen Underdog anzufeuern oder eine Übeltäterin auszupfeifen galt. Frankreichs Trainer Bruno Bini empörte sich nach dem Spiel um Platz drei über die Pfiffe der Zuschauer gegen seine Spielerin Sonia Bompastor. „Sie haben sich verhalten wie Männerfußballzuschauer“, lautete sein vernichtendes Urteil.

In der packenden Schlussphase des Endspiels übertrug sich die Dramatik auch auf die Zuschauer, die leidenschaftlich mitgingen. „Es war ein Endspiel, an das man sich auf jeden Fall erinnern wird“, sagte die amerikanische Trainerin Pia Sundhage. „Was für ein wunderbares Turnier – es war phänomenal, auch wenn wir am Ende nicht gewonnen haben.“ Umso ärgerlicher und unbegreiflicher war es, wie die Stimmungsexperten vom Weltverband Fifa die feierliche Atmosphäre beinahe zerstörten. Kaum einer der 48 817 Zuschauer hatte seinen Platz verlassen, alle wollten den Japanerinnen applaudieren, wenn sie den Pokal in die Höhe reckten. Vor diesem Höhepunkt hatte die Fifa allerdings sage und schreibe acht andere Ehrungen angesetzt: Japan bekam die Fairplay-Trophäe überreicht, es folgten die Auszeichnungen für die drei erfolgreichsten Torschützinnen, die beste Torhüterin und die drei besten Spielerinnen. Da alle Geehrten bis auf die Brasilianerin Marta ohnehin gerade auf dem Feld standen, pendelten Abby Wambach, Hope Solo und Homare Sawa zwischen dem Podium und ihren Mannschaften hin und her, selbst die überglückliche Sawa wirkte dabei immer missmutiger. Und als dann endlich der einzig wahre Pokal überreicht wurde, machte das Hin und Her zwischen Fifa-Präsident Joseph Blatter, Bundespräsident Christian Wulff und OK-Chefin Steffi Jones eine krampfige Angelegenheit daraus.

Rund 50 japanischen Fans war das alles egal, noch spät in der Nacht bildeten sie vor dem Stadion mit deutschen Sympathisanten und einigen neu gewonnen amerikanischen Freunden eine fröhliche Traube, der Trommler in ihrer Mitte gab den Takt für ein vielstimmiges „Nippon olé“ vor. Ein Polizist hob einen kleinen japanischen Jungen für ein Erinnerungsfoto vor sich auf sein Motorrad und musste sogar Autogramme geben, wofür ihn seine Kollegen auslachten. Die Szene entlockte jedem der letzten Heimgänger auf dem Weg zur S-Bahn ein Lächeln. So unbeschwert hatte die WM bei Weitem nicht immer gewirkt.

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