Sport : Unten angekommen

Hertha BSC verliert 1:4 beim FC Bayern München und bleibt auch im achten Spiel ohne Sieg

Stefan Hermanns

München. Fußballfans kennen verschiedene Formen, um ihren Gegner zu demütigen. Eine eher subtile Variante mussten die Fußballer von Hertha BSC gestern Nachmittag im mit 63 000 Zuschauern ausverkauften Münchner Olympiastadion über sich ergehen lassen. Kurz vor Schluss schickte Ottmar Hitzfeld, der Trainer des FC Bayern München, Christian Lell aus der Regionalligamannschaft zu seinem ersten Bundesligaeinsatz aufs Feld. 3:1 führten die Bayern, und die Fans des Deutschen Meisters kommentierten die Einwechslung mit dem Lied: „Wir wollen mehr Amateure.“

Ob Amateure oder Profis – wenn Hertha in München im Olympiastadion spielt, könnten die Bayern vermutlich auch die Putzkolonne aufs Feld schicken, die ihre Geschäftsstelle säubert. Sie würden trotzdem gewinnen. 26 Jahre liegt Herthas letzter Sieg bei den Bayern zurück, danach gab es nur noch drei Unentschieden. Auch gestern nahm das Spiel wieder seinen zwanghaften Verlauf. 4:1 hieß es am Ende für die Bayern. „Keiner hat damit gerechnet, dass wir hier etwas holen“, sagte Herthas Nationalspieler Michael Hartmann nach dem Spiel. Die Äußerungen der Berliner vor dem Spiel hatten sich so ähnlich angehört, gerade so, als ginge die Begegnung gar nicht in die tabellarische Wertung ein. Tut sie natürlich doch. Und deshalb sind die Berliner nach dem achten Spieltag nicht nur immer noch ohne Sieg, sie teilen sich jetzt auch mit dem Aufsteiger Eintracht Frankfurt den dritten Abstiegsplatz.

Herthas Auftritte in München seit dem Aufstieg vor sechs Jahren unterscheiden sich nur durch Nuancen voneinander. Die große Linie ist immer dieselbe: Meist sind die Spiele schon früh zugunsten der Bayern entschieden – gestern bereits zur Pause. In der Nachspielzeit kassierten die Berliner den Treffer zum 0:2, als erst Josip Simunic Roy Makaay unbehelligt flanken ließ, und Michael Hartmann Michael Ballack im Kopfball unterlegen war. „Der Kleinste steht gegen den Größten“, sagte Fredi Bobic und kritisierte damit die Zuordnung in der Defensive. Torhüter Gabor Kiraly konnte den Ball zwar noch abwehren, gegen den Nachschuss aber war er chancenlos. Hartmann und Simunic waren auch beim 0:1 die passiven Protagonisten. Erst ließ Hartmann sich von Salihamidzic an der rechten Seite überlaufen, dann stand Simunic viel zu weit weg von Makaay, der den Ball volley ins Toreck schickte.

Herthas Trainer Huub Stevens wusste, „dass man sich gegen die Bayern ganz wenige Fehler erlauben darf. Wir haben sie gemacht.“ Manager Dieter Hoeneß sah durch den 0:2 zur Pause sogar das Spiel auf den Kopf gestellt. In der Tat hatten die Berliner zum Ende der ersten Halbzeit einige gute Möglichkeiten. Die beste vergab Pal Dardai, der nach einem feinen Zuspiel von Bobic frei stehend an Oliver Kahn scheiterte. „Wenn man die Chancen sieht, dann hätte man gewinnen können“, sagte Stevens. Aber statt 1:1 durch Dardai hieß es kurz darauf 2:0 durch Michael Ballack. „Das war der Knockout“, sagte Bobic.

Trainer Stevens fand die Einstellung seiner Mannschaft in Ordnung. „Ich habe Kampf gesehen“, sagte er. Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld hatte Hertha „gut organisiert“ erlebt, zum Teil sogar „sehr frech“. Am Ende lautete die Eckballstatistik 6:2 für die Berliner. „Das bedeutet, dass wir Mut gezeigt haben“, sagte Huub Stevens. Es ist nicht viel, was Hertha BSC im Moment Mut macht. Das Ergebnis gegen den FC Bayern hört sich deutlich an. „Für die Optik unglücklich“ fand Manager Hoeneß das späte 1:4 durch Salihamidzic. Davor hatte Bastian Schweinsteiger das 3:0 erzielt und Niko Kovac mit einem feinen Heber zum 1:3 getroffen. Es war Herthas erstes Tor bei den Bayern seit drei Jahren.

„Wir wollten gerne um die Meisterschaft spielen“, sagte Trainer Stevens, „jetzt stecken wir im Abstiegskampf.“ Erst in zwei Wochen bestreitet Hertha das nächste Bundesligaspiel, gegen Bayer Leverkusen. Dazwischen liegen diverse Länderspiele in ganz Europa, an denen auch etliche Berliner Profis teilnehmen. Ob die Pause für die Mannschaft gut oder schlecht sei, wurde Dieter Hoeneß gefragt. „Für uns ist nur eines gut“, antwortete er. „Wenn wir endlich mal ein Spiel gewinnen.“

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