Sport : Unter Augenhöhe

Dortmund wollte die Bayern überholen – jetzt muss die Borussia vielleicht Frings nach München verkaufen

Richard Leipold

Dortmund. In der einstigen Wachstumsbranche Fußball-Bundesliga galt Borussia Dortmund lange als Gegenspieler des FC Bayern München. Die Westfalen begegneten den Bajuwaren mehr als ein Jahrzehnt lang auf Augenhöhe und wurden auch im europäischen Geschäft zu einem bedeutenden Marktteilnehmer. Fußballspiele der beiden Klubs wurden als Gipfeltreffen annonciert. An diesem Samstag treten die Bayern wieder im Westfalenstadion an. Doch die Koordinaten haben sich sportlich wie wirtschaftlich verschoben. Die Bayern kommen zwar ausnahmsweise nicht als Titelfavorit, aber immer noch als solide finanziertes Schwergewicht der Liga. Der BVB indes ist in Schieflage geraten; wirtschaftlich trennen die beiden Rivalen inzwischen Welten.

Auch sportlich ist Dortmund als Tabellensechster unter den Erwartungen geblieben, auch wenn eine Serie von fünf Spielen ohne Niederlage wieder die Hoffnung geweckt hat, wenigstens den Uefa-Pokal zu erreichen. Eine Saison ohne Europacupspiele würde die angekündigte Konsolidierung der Finanzlage zusätzlich erschweren. Nicht zuletzt das Verpassen der Champions League hat die Borussia in diesem Geschäftsjahr tief in die Verlustzone gestürzt. Allein im ersten Halbjahr erwirtschaftete die Kommanditgesellschaft auf Aktien einen Verlust von knapp 30 Millionen Euro. Die Dortmunder müssen in den nächsten Tagen mit einem Blauen Brief der Deutschen Fußball-Liga rechnen. Wenn überhaupt, werden sie das zu erwartende Defizit nur durch beträchtliche Transfererlöse auf ein erträgliches Maß reduzieren können.

Die roten Zahlen wirken sich auch auf das Verhältnis zu den Bayern aus. Während die Borussen den Münchnern früher die Marktposition streitig machen wollten, müssen sie in der Not vielleicht sogar ihren begehrtesten Profi an den Rivalen abgeben. Torsten Frings avancierte in der Rückrunde zum überragenden Spieler des BVB. Im zentralen Mittelfeld hat er den Part des verletzten Tomas Rosicky übernommen, der hofft, am Samstag wenigstens wieder ein paar Minuten spielen zu können.

Die Geschäftsführung kündigt zum Saisonende „gezielte Transfers“ an. Als sicher gilt, dass der Klub die beiden tschechischen Nationalspieler Rosicky und Koller veräußern will. Ob sie die offenbar benötigten Erlöse in einer Größenordnung von 20 Millionen Euro erbringen, ist angesichts der europaweiten Flaute auf dem Transfermarkt unwahrscheinlich, zumal Rosicky sich infolge mehrerer Verletzungen in dieser Saison sportlich nicht weiterentwickelt hat. Bayern-Manager Uli Hoeneß hält die Dortmunder Verkaufsstrategie für illusorisch. Er bezweifelt, „dass irgendein Mensch Rosicky kaufen will“. Aus strategischen Gründen versucht Hoeneß den Eindruck zu erzeugen, dass Dortmund lauter Ladenhüter feilbiete – mit einer Ausnahme. „Der Einzige, der für uns in Frage kommt, ist Frings.“ Kontakt zu dem 27 Jahre alten Nationalspieler bestehe derzeit nicht. Doch das ändere sich „vielleicht, wenn sie in Dortmund merken, dass andere Spieler nicht lohnend verkauft werden können“.

Frings könnte den Bayern aus einer Verlegenheit im Mittelfeld helfen; außerdem wäre es den Münchnern ein Vergnügen, gerade den Spieler zu verpflichten, den der BVB am dringendsten braucht, um in der nächsten Saison eine wettbewerbsfähige Mannschaft aufzubauen. Frings empfindet das Interesse „eines überragenden Vereins“ wie Bayern München als „Ehre“, will sich jedoch „über solche Gerüchte keine Gedanken machen“. Er habe einen Vertrag bis 2006. Mehr möchte er zum Thema nicht sagen. „Sonst muss ich die Mannschaft wieder zum Essen einladen.“ Vor einigen Wochen war so eine Einladung die Strafe für den öffentlichen Vorwurf gewesen, sein Arbeitgeber lasse ihn über die Zukunft im Unklaren.

Der Dortmunder Trainer Matthias Sammer würde Frings am liebsten für unverkäuflich erklären - ähnlich wie Flügelspieler Dede, der auch schon bei den Bayern im Gespräch war. Sammer warnt davor, Leistungsträger mittleren Alters abzugeben. Doch selbst der Trainer deutet mögliche Verkäufe an. „Jeden Tag steht ein Verrückter mehr auf, der irreale Zahlen auf den Tisch bringen kann.“

Als das Fußballgeschäft noch boomte, haben die Dortmunder selbst irrationale Summen geboten – auch um die Bayern zu beeindrucken. Angesichts des bereinigten Marktes ist es jedoch unwahrscheinlich, dass Bayern München oder andere Klubs auf diese Art zur Sanierung des BVB beitragen.

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