Sport : Unter dem Mantel

Wie ist Boxen wirklich? Ein Film hat Antworten

Verena Friederike Hasel

Berlin - Der deutsche Boxweltmeister schaut fern, es läuft der „Eurovision Song Contest“. Für den armenischen Sänger ruft Arthur Abraham gleich mehrmals an. „Der Junge soll gewinnen“, sagt Abraham, der einmal Awetik Abrahamjan hieß und aus Armenien kommt.

Szenenwechsel. Bei Ulli Wegner, Abrahams Trainer, zu Hause hängt ein Bild von John Wayne an der Wand. Ein starker Mann, ein Westernheld, sagt Wegner. „Den bewundere ich.“ Worauf er in seinem Leben besonders stolz ist: Dass Penkun – seine Heimatstadt, die kleinste in Mecklenburg-Vorpommern – ihn zum Ehrenbürger ernannt hat.

Diese Szenen stammen aus dem Film „Es geht um alles“, der in sechs Berliner Kinos zu sehen ist. In ihrem Langfilmdebüt versuchen Regisseurin Nina Pourlak und Kameramann Sebastian Lempe Kamera und Blick hinter die große Inszenierung im Boxsport zu richten. Fast jeder Boxer braucht eine Geschichte, die ihn berühmt macht. Bei Abraham war das zum Beispiel ein gebrochener Kiefer. Mit dem kämpfte er im September 2006 noch 8 Runden gegen Edison Miranda weiter, nachdem er sich bereits in der vierten Runde verletzt hatte. Am Ende hatte Abraham seinen IBF-Weltmeistertitel verteidigt und war ein Star.

Als Arthur Abraham als Jugendlicher nach Deutschland kam, wohnte er mit seiner Familie anfangs in einem Asylantenheim in Bamberg. Heute verdient er mit seinen Kämpfen Millionen und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. „Deutschland hat mich hochgebracht“, erzählt der 28-Jährige. Trotzdem ist er in Armenien immer noch der größere Star. Hat er einen Kampf, kommt mitunter ein ganzes Flugzeug mit Armeniern, Familie und Freunde, aber auch, so sagt Abraham, Minister, Bankchefs und Oberstaatsanwälte – die Elite seiner Heimat. Er versuche seine Zuneigung gleichmäßig auf beide Länder zu verteilen, sagt Abraham.

Von diesem Versuch Abrahams, sich seine Identität zu erhalten, obwohl der Erfolg ihn längst an einen anderen Ort getragen hat, erzählt „Es geht um alles“. Für den Boxsport in Deutschland ist eine solche Geschichte derzeit wohl schon exemplarisch.

Max Schmeling, Henry Maske oder Axel Schulz – diese Zeiten sind vorbei. Die deutsche Boxszene wird inzwischen von Osteuropäern dominiert. Den Anfang haben die Klitschkos gemacht, sie wurden zu deutschen Stars, diesen Weg versuchen nun auch andere zu gehen. Abraham hat es schon geschafft. Andere wie Felix Sturm, WBA-Boxweltmeister, und Marco Huck, der auch bei Wegner trainiert, versuchen es noch. Auch sie haben ihren Namen geändert, als Zugeständnis an die Deutschen, deren Helden sie werden wollen. Eigentlich heißen sie Adnan Catic und Muamer Hukic.

Die meisten seiner Boxer, sagt Wegner, der Trainer im Boxstall von Sauerland Event ist, kämen von ganz unten, Migranten, ohne Geld, ohne Ausbildung. Spricht er über die Verhältnisse, aus denen sie kommen, wirkt er fast verärgert: „An ihnen hat die Gesellschaft komplett versagt.“ Vielleicht ist Wegner auch so ärgerlich, weil eine Zeit und ein Land vergangen sind, wo es Sportlern seiner Meinung nach besser ging: Wegner stammt aus der DDR, dort war er Amateurboxer, dort arbeitete er als Trainer. In der DDR war Boxen ein Leistungssport wie Schwimmen auch, und der Nachwuchs wurde früh gefördert. Einer wie Arthur Abraham wäre da unvorstellbar gewesen. Er stellte sich erst mit 23 Jahren bei Wegner vor. „In dem Alter waren die Jungs in der DDR schon längst fertig ausgebildet“, sagt Wegner.

Immerhin – zweieinhalb Jahre, nachdem Abraham zu Wegner gekommen war, holte der Boxer schon den Weltmeistertitel. Es gibt eine Szene in „Es geht um alles“, da spricht Wegner vor den anderen jungen Sauerstall-Boxern über Abraham. Preist seinen Fleiß, nennt ihn ein Vorbild. Das sei seine Dauerbotschaft, sagt er im Gespräch über den Film: „Boxt euch genug Geld zusammen, damit ihr euch später ernähren könnt.“ Eine andere Chance, fügt er hinzu, hätten viele nicht.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Babylon Berlin-Kreuzberg, Cinestar Hellersdorf, Union Filmtheater, Central Hackescher Markt.

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