Sport : Unter der Grasnarbe

Treue bis in den Tod, dafür gibt es in Hamburg bald einen HSV-Fanfriedhof – unterteilt in Stehplätze und Vip-Tribüne

Christian Tretbar

Nahtod-Erfahrung ist beim HSV nichts Neues. Wer sich für den Bundesliga-Ältesten begeistert, musste schon manch morbide Saison überstehen. Doch seine Fans können jetzt noch einen Schritt weitergehen – dank eines vielleicht erst auf den zweiten Blick verlockenden Angebots: Bald gibt es den HSV-Friedhof. Treue bis in den Tod – beim HSV kann dieses Versprechen eingelöst werden.

Vor ein paar Tagen war nach rund zwei Jahren Planung Spatenstich auf dem Friedhof. In einer Ecke des Hauptfriedhofs Altona deutet ein leicht entfremdetes Fußballtor auf die HSV-Grabstätte hin. Für manche mag es das Tor zur Hölle sein, doch für den, der sich dafür entscheidet, ist es sicher der Himmelspforte nachempfunden. „Wir haben für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel etwas: Stehplätze und Vip-Angebote“, sagt Lars Rehder. Er ist Friedhofsgärtner und hatte die Idee mit dem Fanfriedhof. „Aus Gesprächen auf dem Friedhof mit Besuchern entstand dieser Gedanke, den der HSV zum Glück aufgegriffen hat“, sagt Rehder. Der Friedhof ist nur 50 Meter vom Stadion entfernt. Näher kann der Fan seiner Liebe nach dem Tod kaum kommen.

Schließlich ist es in Deutschland verboten, Asche über das Spielfeld zu streuen, wie es in Holland und England möglich ist. Oder sich unter dem Elfmeterpunkt in einer Urne beisetzen lassen, wie in England. „Wir wurden immer mal wieder nach so etwas gefragt und jetzt können wir unseren Fans ein Angebot machen“, erklärt Vorstandsmitglied Christian Reichert. In Europa ist der HSV-Friedhof einmalig. In Argentinien können sich die Fans der Boca Juniors schon seit ein paar Jahren auf dem vereinseigenen Friedhof bestatten lassen. Bei der Hamburger Ruhestätte ist das Grabfeld im Halbrund angeordnet, leicht erhöht und einem Stadion nachempfunden. „Wie eine Tribüne“, sagt Rehder. In der Stehplatzgruft finden rund 20 Urnen mit gemeinsamer Grabplatte Platz. Das Vip-Grab bietet dagegen deutlich mehr Beinfreiheit, auch für ganze Familien. „Bisher sind mir rund 30 Anfragen bekannt – auch HSV-Prominenz ist dabei“, sagt Rehder. Und Vorstandsmitglied Reichert bekommt sogar täglich Anfragen. Man plane mit etwa 500 Gräbern. Eines von ihnen will sich Horst Eberstein reservieren. Er ist 78 Jahre und hat mehr als 52 Jahre ehrenamtlich für den HSV gearbeitet. Im Moment wohnt er in Norderstedt. „Hier haben meine Frau und ich keine großen Verbindungen, aber zum HSV schon und deshalb könnten wir uns vorstellen, auf dem HSV-Friedhof beerdigt zu werden“, sagt Eberstein. Eine Raute wollen sie jedoch nicht auf dem Grabstein. Und ob er Stehplatz oder Vip wählt, weiß der gebürtige Berliner noch nicht. Hauptsache, die Bindung zum HSV bleibt.

Der HSV wird mit seinem Friedhof sakral, was der Fan natürlich längst wusste. Um religiöse Semantik war der Fußball nie verlegen. Jetzt dient der HSV auch noch als Brücke zwischen Diesseits und Jenseits: Endstation Raute. Die Liebe zum Verein dauert ewiglich. Daran glauben auch ungläubige Fans. Mit dem HSV-Friedhof geht der Fußball einen Schritt weiter Richtung Ersatzreligion. Sinnstiftend und trostspendend.

Für Probst Horst Gorski ist der HSV-Friedhof grenzwertig, was sicher nicht nur daran liegt, dass er eigentlich lieber zum FC St. Pauli geht. Er finde es prinzipiell richtig, dass auf einem Grab nachvollziehbar wird, wofür der Verstorbene stand. „Problematisch wird es, wenn der Fußball an die Stelle Gottes tritt“, sagt Gorski. Doch das will er niemandem unterstellen. Viel besorgniserregender für ihn ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen ohne Trauerfeier sang- und klanglos beerdigt werden. Das kann bei einer HSV-Trauerfeier nicht passieren. Bestattermeister Michael Carbuhn hat sich darüber bereits Gedanken gemacht und schon die Lizenz für eine HSV-Bestattung beim Verein erworben. „Alles, was die Angehörigen wollen und was gesetzeskonform ist, kann gemacht werden“, sagt Carbuhn. So könne man auch mit Fußballschuhen und Trikot im HSV-Sarg unter die Erde gebracht werden. Natürlich feierlich zu Fanhymnen. Selbst eine Grabrede von Reichert könnte es geben. „Schließlich ist der Tod kein Monopol der Kirche“, sagt Reichert, der sich selbst vorstellen könnte, auf dem HSV-Friedhof beerdigt zu werden. Jedoch nicht mit Trikot und Fahne, „sondern nur mit einer dezenten Raute auf dem Grabstein“. Den Sarg mit Raute gibt es bundesweit – auch für Beerdigungen außerhalb des HSV-Friedhofs.

Angst vor einer Entweihung muss auf dem restlichen Friedhof niemand haben, versichert Rehder: „Es wird alles würdevoll ablaufen.“ Probst Gorski müsste sich ein wenig überwinden, aber auch er würde eine HSV-Beerdigung durchführen. „Ich würde mich in einem Gespräch über die Beweggründe erkundigen und wenn ich sicher bin, dass ich nicht für eine Show missbraucht werde, würde ich es machen.“ Genauso sei es bei einer Fußballtaufe. Die gibt es beim HSV noch nicht. Aber in der Kapelle der Schalke-Arena kann man seinem Kind Gottes Segen geben. Auch im Berliner Olympiastadion gibt es eine Kapelle, in der schon Taufen stattfanden und Paare getraut wurden.

Der Fußball wird also zum ganzheitlichen Erlebnis – von der Taufe bis zum Tod. Für die Trauerfeier sollten die Fans allerdings den Buchtitel des Fußballjournalisten Christoph Biermann beachten: „Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen.“

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