Sport : Unter der Sonne Kaliforniens

Andrei S. Markovits

Jede Gemeinschaft hat ihren eigenen Code. Auch der Fußball, besonders im traditionsbewussten Deutschland. Jürgen Klinsmann hat diesen Code verletzt. Der Bundestrainer spricht vier Sprachen, ist Weltbürger. Als Nationalspieler traf er sich am Rande der WM 1994 mit US-Basketballstar Michael Jordan, er betreute auch federführend den Besuch des deutschen Teams in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Er ist neugierig und eben nicht traditionsbewusst, wie es der deutsche Code verlangt. Der Bundestrainer lebt nicht in seiner Heimat, sondern in Amerika.

Amerika ist natürlich schlimm. Die gehasste Weltmacht ist für einen deutschen Fußballfan ein besonderer Reizpunkt, weil die USA in dieser Sportart kaum eine Rolle spielt. Sie ist ein „Zugereister“, ein Emporkömmling, ein Outsider. In jeder Gemeinschaft sind Outsider illegitim.

Klinsmann hat sich auch noch im amerikanischsten Staat von Amerika niedergelassen: im sonnigen und Hollywood-dominierten Kalifornien. Hier gibt es viel Glamour, aber keinen Stallgeruch. Und natürlich arbeitet hier keiner. Nicht selten werfen die Deutschen den Amerikanern vor, zu viel zu arbeiten und zu wenig Ferien zu nehmen, wie dies zivilisierte Europäer tun. Aber da geht es ja nur um Wirtschaft, nicht um den Fußball und seinen Gemeinschafts-Code. Gegen tief sitzende Vorurteile kann man eben nicht ankommen. Höchstens, wenn man den Weltmeistertitel gewinnt. Dann wird man mit Blumen in die Gemeinschaft aufgenommen.

ist Soziologe an der University of Michigan. In Deutschland erschien zuletzt sein Buch „Im Abseits. Fußball in der amerikanischen Sportkultur“.

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