Sport : Unter die Raubtiere gefallen

Die beste deutsche Tennisspielerin Anna-Lena Grönefeld orientiert sich nach Rückschlägen neu

Oliver Trust[Stuttgart]

Barbara Rittner tauchte mit leuchtenden Augen in die eigene Erfahrungswelt ein und fühlte sich sichtlich wohl. Lange genug war die deutsche Fedcup-Chefin selbst im Tenniszirkus um die Welt gezogen. Sie weiß, wie sich die Konkurrentinnen untereinander belauern, um aus geringen Auffälligkeiten Vorteile für sich zu schlagen. Vielleicht kam sie deshalb auf den Vergleich, den sie für Anna-Lena Grönefeld so zutreffend fand. Grönefeld ist aktuell die beste deutsche Tennisspielerin, und sie steckt in gewissen Schwierigkeiten oder, wie mancher auch meint, gar an einem entscheidenden Punkt ihrer Karriere.

„Das ist hier wie unter Raubtieren, wenn einer wittert, dass der andere schwach ist“, sagte Rittner. Grönefeld lächelte dazu nur kurz und kehrte in fast geschäftsmäßigem Ton zur Tagesordnung zurück. Unüberhörbar war ihr Bemühen, keine Zweifel aufkommen zu lassen, dass sie ihre sportliche Karriere trotz der jüngsten Ereignisse im Griff hat. Sie fühle sich nicht angeschlagen, teilte sie mit.

Der 21-jährige Tennisprofi, als „neue deutsche Frontfrau“ tituliert, saß in der neuen Stuttgarter Porsche-Arena und gewährte optimistische Einblicke in ihre Gedankenwelt. „Man lernt sich neu kennen“, sagte die deutsche Nummer eins, als sie beim Turnier in Stuttgart die innerdeutsche Erstrundenpartie gegen Tatjana Malek aus Stuttgart in drei teilweise mühevollen Sätzen überstanden hatte. „Man muss Entscheidungen treffen und man entwickelt sich weiter. Ich denke, ich bekomme einen Push nach vorne“, sagte Grönefeld.

Wenn die beste Tennisspielerin des Landes ihren Trainer wechselt, ihr Umfeld neu ordnet und bei einem Turnier wie dem in Stuttgart ohne neuen Coach dasteht, gerät die sonst so beschauliche deutsche Tennisszene in Aufregung. Nicht zuletzt deshalb eilte Barbara Rittner nach Stuttgart und kündigte an, der kränkelnden Führungskraft besondere Betreuung zukommen zu lassen. „Sie hat geschimpft und sich dann in den dritten Satz richtig reingekämpft“, schilderte Barbara Rittner ihre Beobachtungen mit seelsorgerischem Eifer. „Das Match hilft ihr bestimmt weiter.“ Zwischenzeitlich hatte sich allerdings ein Debakel angebahnt: Im zweiten Satz, in dem Grönefeld mit 2:6 unterging, musste sogar ihr Bruder Sebastian, selbst ehemaliger Tennisprofi, Aufbauhilfe leisten. Sie schaffte aber die Wende und trifft nun heute im Achtelfinale auf die Russin Nadia Petrowa.

Dennoch verfestigt sich der Eindruck: Anna-Lena Grönefeld befand sich schon mal in besserer körperlicher Verfassung als in diesem Herbst 2006. Tief verunsichert wirkt sie manchmal, fast ratlos und passiv reagierend, statt das Tempo aktiv selbst zu bestimmen. Grönefeld sucht nach neuen Wegen und muss doch noch ständig über etwas reden, was zur Vergangenheit gehören soll. Ihr ehemaliger Trainer, der Spanier Rafael Font de Mora, der in der Vergangenheit manche seiner Launen allzu offen zu Markte trug, bleibt bis auf Weiteres ihr Manager – wohl nur deshalb, weil vertragliche Bindungen bestehen. Ansonsten gibt es wenig erquickliche Anknüpfungspunkte. Mit einem „Esel“ hat Rafael Font de Mora Grönefeld schon mal verglichen und verließ bei ihrer Erstrunden-Niederlage bei den US-Open während ihres Spiels demonstrativ den Platz. Man habe sich nicht im Streit getrennt, versichert Grönefeld und klingt wenig überzeugend. Doch sie beharrt darauf, dass die Trennung ihr neuen Schwung bringe und sie verstehe diese auch als Schritt in eine neue Selbstständigkeit.

Und überhaupt sei ihre persönliche Lage ja gar nicht so schlecht, wie sie von manchem gemacht werde. Grönefeld behauptet: „Ich werde in der Szene als jemand wahrgenommen, der ganz oben mitspielt. Ich bin konstanter als im vergangenen Jahr. Und ich war 2006 schon auf Position 14 der Weltrangliste.“ „Sie hat sich unter den Topspielerinnen etabliert“, bestätigt Barbara Rittner, brauche aber weiter jemanden, der ihr auf dem Platz „in den Hintern“ trete.

Ein neuer Trainer scheint in der Tat gefunden, vielleicht auch nur für einen überschaubar kurzen Zeitraum. Der 58 Jahre alte Niederländer Eric van Harpen ist nach Stuttgart gereist. Er wird Grönefeld bei den nächsten Turnieren in Moskau und Madrid betreuen. Zur Probe vorerst. Van Harpen war übrigens einmal der Trainer von Anna Kurnikova und Maria Scharapowa.

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