Sport : Unter Druck trainieren

50 Jahre Kienbaum: Die Höhenkammer ist ein Symbol des DDR-Sports

Friedhard Teuffel

Berlin - Behütet wie ein militärisches Geheimnis, versteckt in einem Bunker, eingehüllt in einen Mantel des Schweigens – so viel Aufwand wurde betrieben für eine kleine, fensterlose Sporthalle, die im märkischen Sand eingegraben liegt, einige Kilometer vor den Toren Berlins. Wer als Sportler dort hinein sollte, musste vorher eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Nicht einmal Athleten aus den sozialistischen Bruderländern durften erfahren, was es mit dieser Halle im Sportzentrum Kienbaum auf sich hatte. Die Halle konnte sich durch Unterdruck in ein Trainingslager auf 4000 Meter Höhe verwandeln. Sie war eine Erfindung des DDR-Sportsystems, um die eigenen Athleten noch besser zu machen.

Kienbaum feiert an diesem Samstag sein 50-jähriges Bestehen als Zentrum des Leistungssports, und zu seiner Geschichte gehört auch die Unterdruckkammer. Die Festgäste, unter ihnen Olympiasieger und Weltmeister, werden die Kammer nur noch als touristische Attraktion besichtigen. Seit 1990 ist sie nicht mehr in Betrieb. Es ist nicht so, dass die Luft zu dünn geworden wäre. Es fehlt das Geld, um sie zu betreiben. Erst in diesem Jahr haben sich die großen Sportverbände entschieden, für sie nichts ausgeben zu wollen.

Bis heute stehen in der Kammer Laufbänder, Fahrräder und Kanus, als ob gestern zum letzten Mal trainiert worden wäre. An den Wänden des Kontrollraums hängen noch DDR- Wimpel und es liegen Zeitungen von 1990 herum, als die Kammer zurückgeholt wurde aus der Höhenluft auf den Boden der Tatsachen. Die Kammer ist inzwischen nur noch ein Symbol für die Bemühungen der DDR-Sportführung, nichts unversucht zu lassen, damit die Athleten schneller rennen, radeln oder paddeln. Im Gegensatz zur Verabreichung von Dopingmitteln, auch an minderjährige Sportlerinnen, war die Unterdruckkammer ein legales Mittel zur Leistungssteigerung. Der Sauerstoff in der Luft wurde künstlich reduziert, das fördert die Produktion roter Blutkörperchen, es kann mehr Sauerstoff zu den Muskeln transportiert werden.

Ronald Weigel gehörte zu den ersten Athleten, die kurz nach der Eröffnung der Kammer 1979 dort trainierte. „Wir haben uns dort auf ein Höhentrainingslager in Äthiopien vorbereitet“, erzählt Weigel, der 1983 Weltmeister über 50 Kilometer Gehen wurde. Am Stück habe er maximal fünf Stunden dort auf dem Laufband trainiert. „Einmal habe ich meinem Trainer gesagt, er soll das Band langsamer stellen, weil ich nicht mehr konnte. Da hatten sie aus Versehen die Luft statt auf 2000 Meter auf 4000 Meter eingestellt.“ Ein Ersatz für Höhentrainingslager sei die Kammer aber nie geworden, allenfalls eine Ergänzung. „Die Topathleten hatten das Geld, um ins Ausland zu fahren, nach Äthiopien oder Mexiko. Außerdem braucht der Körper das Tageslicht für Spitzenleistungen“, sagt Weigel. Heute ist er Bundestrainer der Geher.

Auch Birgit Fischer, achtmalige Olympiasiegerin im Kanurennsport, trainierte Anfang der Achtzigerjahre ein paar Mal in der Kammer. „Es war die beste Technik dort im Einsatz. Für die Sportler gab es tolle Videos und Musik.“ Das machte ihr das Training dort aber nicht leichter. „Ich habe mich einfach nicht wohlgefühlt, in einem geschlossenen Raum ohne Fenster kann ich nicht trainieren“, sagt sie. Kopfschmerzen hätten sie vor mehr Trainingseinheiten geschützt.

So wurde die Kammer mit der Zeit vor allem eine Zusatzmaßnahme für die Athleten aus der zweiten Reihe, für die Trainingslager im Ausland zu teuer gewesen wären. Auch die Geheimniskrämerei war bald vergeblich. Ein Forscher, der an der Entwicklung beteiligt war, setzte sich in den Westen ab, berichtet Weigel.

Inzwischen gibt es einige Ideen, was aus der Kammer werden soll, wenn die Sportverbände weiter kein Interesse an ihr haben. Über eine Disko für die Athleten wurde schon nachgedacht. Und über ein Museum – als Erinnerung an einen der vielleicht aufwändigsten Versuche, die menschliche Leistung zu steigern.

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