Unter Jonker trifft Gomez, wie er will : Und am Ende soll der Ball zum Mario

Seitdem Andries Jonker als Trainer in Wolfsburg arbeitet, trifft Mario Gomez ständig. Was ist ihr Geheimnis?

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Andries Jonker (links) ist besonders gut darin, Mario Gomez stark zu reden.
Andries Jonker (links) ist besonders gut darin, Mario Gomez stark zu reden.Foto: Imago

Letzten Sonnabend ließ sich Mario Gomez Zeit. Dann aber, nach 80 Minuten, war es so weit. Flanke von links, Yannick Gerhardt, genau in den Fünfmeterraum, genau in das Hoheitsgebiet von Gomez. Ganz selbstverständlich hielt der Stürmer seinen Fuß dran und schon stand es im Bundesliga-Spiel 3:0 für den VfL Wolfsburg gegen Ingolstadt. Draußen an der Seitenlinie hüpfte Trainer Andries Jonker auf und ab. Anschließend stand er da, schaute aufs Spielfeld und sah aus wie ein stolzer Vater, dessen Sohn gerade etwas Wundersames geschafft hat.

So geht das nun schon wochenlang. Seit Jonker Ende Februar den VfL Wolfsburg als Trainer übernommen hat, trifft Gomez ständig. Acht Tore in sieben Spielen. Noch beeindruckender ist die Gesamtbilanz. Jonker und Gomez arbeiteten schon beim FC Bayern zusammen, sechs Jahre ist das her. In den insgesamt zwölf Spielen, in denen sein Trainer Andries Jonker hieß, schoss Mario Gomez 17 Tore.

Wer den 31 Jahre alten Stürmer in der Wolfsburger Zeit vor Jonker erlebte, der stellt sich die berechtigte Frage, ob es sich bei Gomez tatsächlich noch um ein und dieselbe Person handelt. Was macht dieser eloquente Holländer mit dem sensiblen Deutschen, warum funktionieren sie als Gespann so gut?

Jonker schenkt Gomez ohne Wenn und Aber sein Vertrauen

Andries Jonker, 54 Jahre alt, aus Amsterdam, Fußballtrainer holländischer Prägung, versucht gar nicht erst, tiefgreifende Erklärungen zu erfinden. Ihn und Gomez eint etwas, das sich nicht völlig schlüssig erklären lässt. „Es passiert einfach. Es ist wie ein Märchen, das wegen mir nie enden muss“, sagt er.

Das klingt romantisch, zu romantisch für die heutige Zeit und den Profifußball, und natürlich gibt es auch rationale Gründe für ihre gemeinsame Erfolgsgeschichte. Rückblende, April 2011: Der FC Bayern München entlässt seinen Trainer Louis van Gaal und befördert Jonker vom Assistenz- zum Interimstrainer. Dessen erste Maßnahme ist, den unter van Gaal auf die Ersatzbank degradierten Gomez zu seinem wichtigsten Stürmer zu erklären. Neun Tore in fünf Spielen sind der Dank des Stürmers.

Jonkers Stärke hängt mit seiner Vita zusammen. Er war in seiner Karriere meist Assistenztrainer und hat sich deshalb auch um die kümmern müssen, die nicht erste Wahl waren und darunter zu leiden hatten. Wenn Jonker seinen Wort- und Spielführer Gomez heute in den Arm nimmt, fallen nicht mehr Worte als im Dialog mit den anderen Wolfsburger Profis. Der Unterschied besteht wohl eher darin, dass bestimmte Dinge eben nicht mehr gesagt werden müssen. Jonker schenkt Gomez ohne Wenn und Aber sein Vertrauen. Die Botschaft, die über allem steht, lautet: Mach es wie besprochen, dann läuft es auch.

Gomez ist ein Fußballer, der Vertrauen und ein Wohlfühlklima braucht. Als er 2013 den FC Bayern verlassen musste, hätte er zu einem anderen Klub dieser Kategorie wechseln können. Chelsea und Real Madrid hatten Interesse bekundet, aber Gomez zog den AC Florenz vor. In der Toskana, bei einem kleineren Verein, erhoffte er sich jene Wertschätzung, die in München fehlte.

Gomez ist stets von einer besonderen Aura umgeben

Nach einer weiteren Station bei Besiktas Istanbul ist Gomez als Mensch gereift und als Mittelstürmer eine verlässliche Größe geblieben. Wenn man ihn machen lässt, rollt der Ball irgendwann irgendwie ins Tor. Jonker lässt ihn machen, richtet das gesamte Spielkonzept an seinem Liebling aus und wird dafür belohnt. „Ich sage nur zu Mario: Bleib um Gottes willen im Strafraum“, verrät der Trainer. Gomez soll nicht laufen, sondern vorne im Sturm die Stellung halten, warten und vollstrecken. Das klingt altbacken, soll aber erst einmal reichen, um den VfL Wolfsburg vor dem Abstieg zu bewahren. Am kommenden Sonnabend, beim Gastspiel im Berliner Olympiastadion, wird es Gomez gegen Hertha BSC genauso angehen.

Dann wird er wieder in den Spieltagsmodus umschalten. An einem ganz normalen Trainingstag kann es dagegen passieren, dass Gomez während einer Übungseinheit wenig bis gar nicht läuft. Seine Frisur sitzt auch an windigen Tagen perfekt. Und selbst bei simpelsten Übungen fragen sich flüchtige Beobachter angesichts von Fehlern und Patzern: Ist das wirklich dieser Wunderstürmer?

Andersherum ist Gomez stets von einer besonderen Aura umgeben. Es hat etwas Erhabenes, wie er auftritt und auf seine Momente lauert. Als der VfL Anfang des Jahres noch vom Franzosen Valérien Ismaël trainiert worden ist, wollte Gomez die Last einer ganzen Mannschaft schultern. Er hat versucht, sich die Bälle im Mittelfeld abzuholen und gleichzeitig vorne der Mann für den Torabschluss zu sein. Das war ermüdend, von wenig Erfolg gekrönt und am Ende frustrierend. Ismaëls Nachfolger Jonker gilt als Taktiktüftler und Mann für gehobene Aufgaben. In Wolfsburg gibt er sich als Pragmatiker. Das Team des VfL soll nicht zaubern, sondern erst einmal wieder funktionieren. „Ich will weniger Hektik auf dem Platz. Der Ball soll mehr von Grün zu Grün“, sagt Jonker. Und am Ende soll der Ball zum Mario.

Fußball ist heute oft wie Schach auf Rasen, so durchgeplant. In diesem Spiel wirkt Gomez wie ein Relikt vergangener Tage, das von seinem Trainer vor dem Lauf der Zeit geschützt wird.

Vielleicht gibt es sie doch – Männerfreundschaften im Profifußball

Physisch ist der Stürmer ein Turm, der herausragt. Das liegt an seiner hünenhaften Erscheinung und seiner besonderen Art, wie er mit Druck und vermeintlichem Stress umgeht. Mal platzt es aus ihm heraus und er stuft die Qualität der Bundesliga-Fußballs im Zuge eines Wutanfalls als Gemurkse ein. Seinem früheren Mitspieler Julian Draxler, der in Wolfsburg nicht bleiben mochte und zu Paris Saint-Germain gewechselt ist, hatte er wissen lassen: „Wer nicht hier sein will, soll gehen.“ Gomez schätzt eine klare Meinung und akzeptiert es, wenn er selbst auch mal aufgescheucht wird. Jonker mag sein Freund und Förderer sein. Er ist aber auch ein gewissenhafter und ehrgeiziger Chef. Freunde? Schmusekurs? „Der Trainer macht mich auch rund, wenn ich nicht da bin, wo ich sein muss. Er treibt und schiebt mich“, sagt Gomez über Jonker. Die beiden sind damals in München eng zusammengerückt, als aus dem Torjäger Gomez der Reservist Gomez geworden war, weil es van Gaal so wollte. Danach musste ein geschrumpfter Star erst einmal wieder resozialisiert werden. „Zwischen den beiden gibt es eine gewachsene Verbindung. Andries Jonker hat Mario Gomez beim FC Bayern München sehr geprägt. Sie haben damals viele Gespräche geführt. Das verbindet die beiden bis heute“, erklärt Olaf Rebbe. Der Sportdirektor des VfL Wolfsburg hat Jonker Arsenal London abspenstig gemacht, wo er zuletzt Leiter der Nachwuchsabteilung war. Dabei spielte der Gedanke eine Rolle, dass Jonker um Gomez herum wieder etwas Gewinnbringendes entstehen lassen kann.

Vielleicht gibt es sie ja im Profifußball doch noch – diese Männerfreundschaften, aus denen etwas ganz Eigenes entsteht, das in keinem Lehrbuch für moderne Spielsysteme vorkommt. Andries Jonker und Mario Gomez sind gerade dabei, ihre ganz eigene, einzigartige Geschichte zu schreiben.

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