Sport : Unter Kontrolle

Huub Stevens erlebt eine Häufung sentimentaler Momente, verwehrt sich jedoch jegliche Gefühlsregung

Stefan Hermanns

Berlin. Auf den Plakaten, mit denen der Fußball-Bundesligist Hertha BSC für sein heutiges Heimspiel gegen den FC Schalke 04 (17.30 Uhr) wirbt, ist neben dem brasilianischen Stürmer Luizao und einem ausgewählten Fan auch Trainer Huub Stevens zu sehen. Und damit angesichts der Motivwahl erst gar keine Missverständnisse aufkommen, steht auf dem Plakat mit extra dicken Buchstaben: „Wir gegen S 04“. Herthas Manager Dieter Hoeneß hofft, dass nun auch die letzten Anhänger der Berliner merken, „dass Huub Stevens gegen Schalke spielt“. Seit knapp 17 Monaten arbeitet Stevens jetzt schon als Cheftrainer für den Berliner Bundesligisten, und doch gibt es in dieser Frage offensichtlich immer noch einen gewissen Klärungsbedarf.

Wann immer Herthas Fußballer in den vergangenen 17 Monaten nicht besonders gut Fußball gespielt haben, hat ein Teil der Berliner Fans das mit Stevens’ Schalker Vergangenheit zu erklären versucht. Von 1996 bis 2002 hat der Niederländer für den Verein aus Gelsenkirchen gearbeitet, und er war der erfolgreichste Schalker Trainer der Neuzeit: Stevens gewann mit dem Klub 1997 den Uefa-Cup und zweimal hintereinander (2001 und 2002) den DFB-Pokal. Die Fans wählten ihn zum „Trainer des Jahrhunderts“. Kein anderer Coach wurde in Schalke länger geduldet, und es war Stevens, der 2001, kurz vor Weihnachten, nach knapp sechs Jahren seinen Wunsch nach Veränderung äußerte – nicht der Klub.

Huub Stevens erlebt in diesen Tagen eine ungewohnte Häufung sentimentaler Momente. An diesem Sonntag spielt er im Olympiastadion gegen den Verein, mit dem er die größten Erfolge seiner Trainerkarriere erreicht hat. Und gestern feierte Stevens seinen 50. Geburtstag. Aber Herthas Trainer verwehrt sich auch angesichts der großen Ereignisse jegliche Gefühlsregung. Das ist typisch für ihn. Stevens spielt für die Öffentlichkeit am liebsten den Unnahbaren, den Kontrollfreak, der selbst seine Emotionen jederzeit im Griff hat.

Dabei ist der 50. Geburtstag für viele Menschen ein ganz besonderes Datum. Dieter Hoeneß zum Beispiel hat sich Anfang des Jahres ausschweifend feiern lassen, mit großem Feuerwerk und allem Schnickschnack. „Das war eine ganz andere Situation“, sagt Hoeneß. Sein 50. Geburtstag fiel in die Winterpause, Stevens’ Fünfzigster auf den Tag vor Herthas wichtigem Spiel gegen Schalke. Sollten die Berliner heute verlieren, werden sie dieses Jahr vermutlich in der Abstiegszone beenden. Daher, so Hoeneß, habe es wenig Sinn, sich lange mit Stevens’ Geburtstag aufzuhalten und allzu viele Worte darüber zu verlieren. Man könnte auch sagen, bei Hertha gibt es im Moment Wichtigeres als den Geburtstag des Cheftrainers.

Bei Huub Stevens war in dieser Woche ohnehin nichts von Vorfreude auf seinen Geburtstag zu spüren. Die blamable Niederlage beim 1. FC Kaiserslautern am vergangenen Sonntag hat ihm sehr zu schaffen gemacht. Wie sich die Mannschaft trotz einer 2:0-Pausenführung noch vorführen ließ – das hat Stevens so sehr erregt, dass er sich anschließend weigerte, seine Spieler wie gewohnt in Schutz zu nehmen. Und seit Mitte dieser Woche wird er auch noch von einer schweren Grippe gequält. Sein Assistent Holger Gehrke musste ihn am Mittwoch und Donnerstag sogar auf dem Trainingsplatz vertreten. „Mir geht’s nicht gut“, sagt Stevens. Sein Geburtstag? „Ist Nebensache. Ich konzentriere mich nur auf das Spiel.“

Erst wenn das Spiel gespielt ist, soll es eine Geburtstagsfeier geben. Aber anders als bei Manager Dieter Hoeneß wird sie weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. „Das ist etwas für uns“, sagte Stevens in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Schalke – gerade so, als hätte er Angst, die ungebetenen Journalisten würden bei seinem Fest Einlass begehren. Der Ort der Veranstaltung wird daher weiterhin geheim gehalten: Von einem Hotel ist die Rede, auch von einem kleinen Restaurant, mal von 100 geladenen Gästen, dann sogar von 150. Sicher ist nur, dass Rudi Assauer, der Manager des FC Schalke 04, erscheint, genauso wie Charly Neumann, das unvermeidliche Faktotum des Klubs, in dessen Hotel Huub Stevens während seiner Zeit bei den Schalkern gewohnt hat.

Huub Stevens hat in den vergangenen Tagen versucht, alle Aufregung um seine Person auszublenden. Bei Fragen nach seinem Geburtstag hat er sich dumm gestellt. „Ist denn am Samstag etwas?“, hat Herthas Trainer gefragt. „Am Sonntag ist etwas. Dann spielen wir gegen Schalke.“ Mit einer seiner Antworten aber hat Stevens unfreiwillig die aktuelle Situation bei Hertha ganz treffend beschrieben: „Was habe ich denn zu feiern?“ Gute Frage.

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