Sport : Unter Kontrolle

Die Wasserballer lassen sich nicht provozieren

Martin Hägele[Athen]

Tim Wollthan war längst verschwunden zum Ausschwimmen im Trainingsbassin, da schickte ihn Kapitän Patrick Weissinger noch mal zurück zu den Journalisten. Es bestand nämlich Erklärungsbedarf über einen ausgestreckten Finger, und den hatte der 24-jährige Distanzschütze beim 11:5-Erfolg über Spanien gleich dreimal gezeigt. Sobald Wollthan den orangeroten Ball ins Netz gewuchtet hatte, schwamm er nämlich nicht zurück, sondern ließ den Zeigefinger genau so lange in der Luft kreisen, bis der spanische Torwart diese Botschaft wahrnahm. Der Deutsche mit der Nummer sieben auf der Badekappe lächelte dann – und draußen auf den Rängen wirkte die Geste unmissverständlich: Schaut her, ihr Spanier, so begleicht man Rechnungen im Wasser!

Deutschlands Wasserballer können sich in ihrer Branche wieder sehen lassen, und die Rückkehr in die Weltklasse ist der Truppe von Bundestrainer Hagen Stamm obendrein auf eine Art gelungen, wie man sie von zehn Studenten und zwei Sportlehrern erwartet. Intelligent und hoch konzentriert. Solche Tugenden sind in diesem rauen Sport nicht immer gefragt. Unter den Vorzeichen des Spanien-Spiels aber hieß die Prüfungsaufgabe: „Wasserball ist kein Boxkampf.“

Diesen Vorsatz musste Trainer Stamm in jeder Viertelpause noch einmal in den Pool schreien: „Denkt dran, Männer: heißes Herz und kühler Kopf!“ Mit Sicherheit hat den sieben Deutschen im Wasser auch geholfen, dass neben Stamm der Türke Erhan Tulga mit seiner Pfeife am Beckenrand stand. Der hatte auch beim Skandalspiel vor vier Wochen in Budapest die Oberaufsicht, als Spaniens Kapitän Ivan Moro mit drei Komplizen Center Thomas Schertwitis die Lippe spaltete. Beim geringsten Anzeichen von Brutalität werde er den Spieler aus dem Wasser werfen und womöglich fürs ganze olympische Turnier sperren, kündigte Tulga an.

Am Morgen vorm Spiel hat Schertwitis von seinem Anwalt mitgeteilt bekommen, „dass unsere Partei unterwegs ist zu einem juristischen Erfolg“. Der Zwei-Meter-Mann hat sich selbst gezwungen, sein Temperament gegen null herunterzufahren, „obwohl der Moro wieder versucht hat, mich mit Tritten unter Wasser zu provozieren“. Wie gut der eingebürgerte Kasache sich unter Kontrolle hatte, zeigen die Gedanken, die ihm bei den ersten Attacken des Spaniers kamen. „Der Täter kommt mit dieser Situation schlechter zurecht als das Opfer“, lautete Schertwitis’ Versuch einer psychologischen Studie.

Moros Trainer sah die Sache realer - und holte seinen offensichtlich überforderten Abwehrchef nach neun Minuten aus dem Wasser.Die Männer mit dem rot-gelb-roten Wappen auf den knappen Badehosen waren hinterher restlos bedient. Sprachlos über diese Deutschen, die nie zurückgeschlagen und kein Wort gesagt, sondern nur gelacht und die Fäuste beim Torjubel geballt hatten. Mit einem Sieg im letzten Gruppenspiel heute gegen Australien könnten sie eventuell sogar auf Rang eins landen, was die direkte Qualifikation fürs Halbfinale bedeuten würde. Ob sie dafür noch einen Umweg gegen den Zweiten oder Dritten der anderen Gruppe brauchen, hängt davon ob, wie sich Griechen und Italiener im Wasser schlagen: die drei Ersten der Tabelle stehen alle mit sechs Punkten da.

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