Sport : Unter Kontrolle

Das starke Spiel der Deutschen in Frankreich zeigt: Mit klaren Vorgaben und defensiver Einstellung kann das junge Team sich entwickeln

Michael Rosentritt[Paris]

Fabian Ernst betrieb einen unglaublichen Aufwand im Pariser Stade de France. Er sprintete, er vollführte Rhythmuswechsel, er deutete Zweikämpfe an – und er gewann sie alle. Er machte alles richtig. Nicht ein Fehler ist ihm während des gesamten Spiels unterlaufen. Das Problem war nur, dass der Bremer Fußballprofi nicht mitspielen durfte. Das Spiel Frankreich gegen Deutschland blieb nach 90 Minuten bei 0:0 stehen, und Ernst hatte sich ein ganzes Spiel lang an der Seitenlinie warm gelaufen.

Es gibt keinen Grund, Jürgen Klinsmann böse Absichten zu unterstellen. Der Bundestrainer wollte den Bremer Auswahlspieler nicht vorführen. Vielmehr hatte sich im Spiel gegen Frankreich von Minute zu Minute eine Elf herauskristallisiert, die Klinsmann in die Weltmeisterschaft schicken könnte, ja, vielleicht sogar sollte. Fabian Ernst wäre in Paris nur dann zum Einsatz gekommen, wenn Michael Ballack, der sich schon nach fünf Minuten ohne gegnerische Einwirkung eine Zerrung zugezogen hatte, das verabredete Zeichen gegeben hätte. Der Mannschaftskapitän aber gab dieses Zeichen nicht, und selbst in der Halbzeitpause, „als es an der Grenze war, und ich kurz überlegt habe, raus zu gehen, leistete der Physiotherapeut gute Arbeit“, wie Ballack hinterher sagte. Ballack hatte „auf die Zähne gebissen“ (Klinsmann), er wollte das Spiel durchstehen. „Die Mannschaft hat sehr von seiner Präsenz profitiert“, sagte der Bundestrainer, „er ist ja unser Leader.“

Der Münchner Mittelfeldspieler ist der Fixpunkt im deutschen Team. Er bestimmt das Tempo, fädelt die meisten Angriffe ein und ist zugleich der erfolgreichste Torschütze der Mannschaft. Um ihn herum haben Klinsmann und sein Assistent Joachim Löw eine Formation drapiert, die nur dann höheren Ansprüchen genügt, wenn sie engagiert und im Verbund agiert, so wie gegen Frankreich. Denn dass die Franzosen nicht ganz so gut waren, „würde ich schon uns anrechnen“, sagte Löw.

Die beiden Trainer Klinsmann und Löw wissen, dass das zur Verfügung stehende Spielerpersonal die taktische Ausrichtung zwangsläufig vorgibt. Die zum Teil recht junge und unerfahrene Mannschaft braucht feste taktische Vorgaben, eine solide Grundorganisation auf dem Platz sowie ein hohes Maß an Defensivbereitschaft. Nur wenn die Mannschaft, speziell die Abwehr, spürt, dass sie nicht bei jedem x-beliebigen Angriff des Gegners ins Trudeln gerät, entwickelt sie eine Selbstsicherheit, die sie mutiger und unter Umständen auch fantasievoller zur Offensive übergehen lässt.

Die deutsche Defensive beginnt im eigenen Sturm. Lukas Podolski und Miroslav Klose passen schon deshalb gut zusammen, weil der junge Kölner als hängende Spitze spielt, während der Bremer Klose weite Weg über die Außen geht. Zudem hat es sich als hilfreich erwiesen, dass sich Ballack auf Höhe des defensiven Mittelfeldspielers Torsten Frings fallen ließ, „um den Gegner vor der Abwehr kompakt zu empfangen“, wie der Münchner sagte. Im Vergleich zu den beiden vergangenen Länderspielen war das deutsche Mittelfeld energischer und aggressiver, spielte bisweilen gar Pressing. „Wir haben die Franzosen im Ballbesitz gestört, so dass sie keine Lösungen gefunden haben“, sagte Löw.

Während die Achse Ballack und Frings funktioniert, versorgen Sebastian Deisler auf rechts und Bastian Schweinsteiger, der in der zweiten Halbzeit auf links mehr zur Offensive beitrug als Bernd Schneider, das Spiel der Deutschen mit der nötigen Portion Kreativität. Dieses Quartett bringt jene taktische Flexibilität mit, die man bei einem großen Turnier gegen Mannschaften mit recht unterschiedlichen Spielsystemen braucht.

Vor allem aber durfte in Paris ein Fortkommen auf der wichtigsten Baustelle beobachtet werden: Die Innenverteidigung präsentierte sich deutlich stabilisiert. „Der Gegner hat heute Weltklassestürmer wie Henry, Trezeguet und Cissé auf dem Platz gehabt – dafür haben wir recht sicher gestanden“, sagte Per Mertesacker. Der 21 Jahre alte Hannoveraner bewies zusammen mit seinem gleichaltrigen Partner Robert Huth vom FC Chelsea hohe Wachsamkeit und ein gutes Stellungsspiel. „Wir haben das Potenzial, das die Franzosen haben, heute aufheben können“, sagte Mertesacker. „Das ist für die Zukunft und unser Selbstvertrauen sehr wichtig.“ Weshalb auch Jürgen Klinsmann von einem Spiel sprach, das für die Innenverteidigung „Gold wert“ war. Allerdings sollte ein gesunder Christoph Metzelder im Normalfall den Vorzug gegenüber Robert Huth bekommen. Der Dortmunder ist momentan verletzt.

Gleiches gilt für Philipp Lahm, der nach einem Kreuzbandriss wieder ins Training eingestiegen ist. Der Münchner ist Klinsmanns Wunschspieler auf der linken Abwehrseite. Doch Lahm muss erst beweisen, dass er besser ist als der junge Gladbacher Marcell Jansen. Auf der rechten Seite sollte sich der Berliner Arne Friedrich durchgesetzt haben. Die Feinabstimmung, sagte Jürgen Klinsmann, werde erst in der direkten WM-Vorbereitung im Mai möglich sein. Das Gerüst steht, vakant sind zwei Positionen neben der des Torhüters.

Für Fabian Ernst wird es ein weiter Weg in die Elf. Als das Spiel gespielt war, war auch er kaputt. Er trottete müde auf die Ersatzbank zurück, setzte sich ganz ans Ende und nahm erst einmal einen großen Schluck. Er dampfte.

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