Sport : Unter Last gewonnen

Flensburg ist vom Spielen müde – schlägt aber Kiel in der Champions League

Morten Holm[Kiel]

Am Tag nach dem großen Sieg in Kiel durfte sich Thorsten Storm noch einmal wie ein Sieger fühlen. Seit Monaten schon hatte sich der Manager der SG Flensburg-Handewitt Gedanken gemacht, wer den nach Norwegen heimkehrenden Spielmacher Glenn Solberg von August 2006 an ersetzen könnte. Große Namen kursierten in Flensburg, Ivano Balic etwa, der Spielmacher der Kroaten. Am Mittwoch bestätigte die Spielgemeinschaft von der dänischen Grenze, was am Dienstagabend schon im VIP-Raum der Kieler Ostseehalle geflüstert wurde: Der Nordhorner Ljubomir Vranjes soll die Flensburger verstärken. „Er ist ein Spieler, der uns sofort weiterhelfen kann“, sagte Storm am Mittwoch, „er ist ein Krieger, der Verantwortung übernimmt“.

Vranjes ist 32 Jahre alt und hat 151 Mal für die schwedische Nationalmannschaft gespielt. Storm fühlt sich nun gewappnet, den großen Nordrivalen THW Kiel auch in der Serie 2006/2007 herauszufordern. Allerdings erfüllt es den 41 Jahre alten Geschäftsführer der Flensburger auch mit Wehmut, an die Zeit nach Solberg zu denken. Seine Klasse und sein Charisma zeigte der mit diversen Verletzungen kämpfende 34 Jahre alte Norweger erst wieder am Dienstag. Beim triumphalen 32:28 der Flensburger beim THW Kiel im Champions-League-Viertelfinale führte er Regie, holte Siebenmeter heraus und warf vier Tore.

Es wird ein ganz schweres Rückspiel für Kiel am Samstag in Flensburg. Sollte der enorm verstärkte THW im Viertelfinale scheitern, wäre das eine große Enttäuschung für Trainer Zvonimir Serdarusic und Manager Uwe Schwenker: In all den Jahren ihres gemeinsamen Wirkens haben sie alle möglichen Titel geholt, und das gleich mehrfach. Nur die Champions League fehlt. Es sprachen Frust und Tiefstapelei aus Serdarusics Worten, als er sagte: „Flensburg ist zu 85 Prozent durch. Das war heute die schlechteste Angriffsleistung meiner Mannschaft überhaupt.“

Besonders einer stand vollkommen neben sich – Nikola Karabatic. Im Finale der Europameisterschaft in der Schweiz waren ihm elf Tore für Frankreich gegen Spanien gelungen. Am Dienstagabend brauchte Karabatic zwölf Versuche für zwei Tore. Das erste warf er nach 48 Minuten. Da stand es schon 24:19 für Flensburg. Serdarusic sagte: „Nikola war nach der EM ausgelaugt und müde. So hat er heute gespielt. Aber einem Klassemann wie ihm passiert das nicht allzu oft.“

Der deutliche Sieg der Flensburger in Kiel war die größte Überraschung in dieser Handball-Saison, denn die SG war mehr gekrochen als aufrecht in das Derby gegangen: Sie hatte zehn Spieler zu verschiedenen Nationalmannschaften bei der EM in der Schweiz abstellen müssen. Viele kamen müde zurück, zwei der Flensburger Leistungsträger verletzten sich dann in der Bundesliga, Joachim Boldsen und Michael Knudsen. Beide konnten am Dienstag nicht spielen. In Flensburg hat das Thema Überlastung wegen der vielen Wettbewerbe viel Aufregung verursacht, als Storm dem Generalsekretär des Europäischen Handballverbandes (EHF) Michael Wiederer in einem geharnischten Brief die Nöte der Vereine schilderte. „Die Grenzen der Belastbarkeit sind überschritten“, schrieb Storm, „die Spieler riskieren ihre Gesundheit und ihre Existenz“.

Während der Weltverband IHF bereit ist, die WM nur alle vier Jahre auszutragen, möchte die EHF beim jährlichen Modus bleiben. Am Dienstag in Kiel war Wiederer zu Gast. Stellung nehmen mochte er nicht. Da es aber weder bei den Profis noch in der deutschen Liga Solidarität gibt und schon gar nicht mit einer Stimme gesprochen wird, dürfte sich an den herrschenden Verhältnissen so schnell nichts ändern. Spitzenspieler bringen es auf 80 Partien im Jahr. Oder müssen Profis diese Belastung klaglos ertragen?

Storms cleverer Kollege Uwe Schenker hatte vergangene Woche einen Transfer-Coup gemeldet: Zur nächsten Serie wird der Weltklassespieler Lars Krogh Jeppesen die Kieler verstärken. Der Däne ist 2004 mit Flensburg Deutscher Meister geworden, dann 2005 mit dem FC Barcelona Gewinner der Champions League. Auch Flensburg hatte mitgeworben und den Preis hoch getrieben. Dass er nach Kiel geht und nicht zurück zur SG, war das beherrschende Thema vor dem Spiel. Da hatte der THW sich noch als Sieger fühlen dürfen.

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