Sport : Unter Männern

Nach der Tätlichkeit von Marcelinho gegen Arne Friedrich fürchtet Hertha BSC um den schönen Teamgeist

Stefan Hermanns

Berlin - Herthas Vereinsführung widmete sich der Aufklärung des Sachverhaltes mit aller nötigen Akribie. Sogar beim Pförtner an der Schranke des Vereinsgeländes habe man „extra nachgefragt“, berichtete Manager Dieter Hoeneß. Die Recherche bestätigte jedoch nur die erste Vermutung: Nein, Marcelinho war nicht an der Schranke erschienen und abgewiesen worden. Seit gestern dürfen Herthas Profis nicht mehr vor der Kabine parken, doch mit der Parkplatzsuche an der Hanns-Braun-Straße hatte es nichts zu tun, dass Marcelinho am Tag nach der 1:2-Niederlage in Dortmund eine halbe Stunde zu spät zum Training erschien. Angeblich hatte er sich in der Anfangszeit geirrt. „Dafür fehlt mir jegliches Verständnis“, sagte Hoeneß.

Es war nicht das erste Mal, dass Marcelinho seine Vorgesetzten überraschte. Nie zuvor aber hat er ihre Nachsicht derart strapaziert wie in diesen Tagen. Am Sonntag, in Dortmund, war er auf dem Weg in die Kabine gegen Kapitän Arne Friedrich handgreiflich geworden, am Tag danach versäumte er den Trainingsbeginn und damit den Anfang einer ernsten Ansprache von Dieter Hoeneß. „Das ist ein Indiz dafür, dass er den Vorfall nicht richtig einordnet“, sagte Herthas Manager. Es ist wohl auch ein Indiz dafür, dass Marcelinho seine Schuld nicht sieht. Ob er sich entschuldigt habe, wurde Friedrich gefragt. „Dazu will ich nichts sagen“, antwortete Herthas Kapitän. Offensichtlich also nicht.

Friedrich hatte den Brasilianer Ende der ersten Halbzeit für sein mangelndes Engagement gerügt. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagte der Kapitän. „Ich habe nur eine Anweisung gegeben, von der ich glaube, dass sie mir zusteht.“ Marcelinho aber wollte die Zurechtweisung nicht unkommentiert entgegennehmen. Auf dem Weg in die Kabine, noch auf dem Rasen, rempelte er Friedrich von hinten an, im Kabinengang, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, kam es dann zu „einer handgreiflichen Situation“, wie Hoeneß es ausdrückte. „Eine solche Art der Zusammenarbeit in der Mannschaft werden wir nicht dulden“, sagte Herthas Manager. Als Kapitän habe Arne Friedrich das Recht, sogar die Pflicht gehabt einzugreifen, „die Reaktion von Marcelinho ist einfach unangebracht“.

Von einem Griff in Friedrichs Gesicht ist die Rede, wahlweise auch von einem Schlag. Doch weder der Manager noch Trainer Falko Götz hatten den Vorfall gesehen, und die beiden Beteiligten schwiegen auch am Tag danach. „Das ist alles noch ein bisschen zu frisch“, sagte Friedrich. Nur Giuseppe Reina bewertete Marcelinhos Aktion mit recht deutlichen Worten: „Das ist unterste Schublade. Man muss sich da einfach im Griff haben.“

Hertha fürchtet nun, dass der Ausraster des Brasilianers den schönen neuen Teamgeist gefährdet – und damit das ambitionierte Saisonziel. „Respekt ist das A und O“, sagte Friedrich. „In Dortmund sind wir ein bisschen vom Weg abgekommen.“ Die Angst ist groß, dass die Mannschaft nun in eine Ansammlung von Einzelkämpfern zerfällt wie in der vergangenen Saison, als Hertha sogar in Abstiegsgefahr geriet. „Der Teamgeist hat uns wieder stark gemacht“, sagte Hoeneß. „Dieser Kodex ist verletzt worden.“

In Dortmund jedenfalls hat die Mannschaft die große Chance verpasst, die Patzer der Konkurrenz zu nutzen und sich in der Spitze festzusetzen. Vermutlich liegt darin die Frustration begründet, die sich schließlich in Marcelinhos Angriff auf Arne Friedrich entlud. „Emotion gehört dazu“, sagte Verteidiger Josip Simunic. „Ich finde es sogar positiv, dass es Leben gibt in der Mannschaft.“ Dieter Hoeneß hingegen wertete den Vorfall eher als „eine Frage des persönlichen Stolzes. Genau das ist es, worum es nicht geht.“

Herthas Manager hat bereits eine Strafe für Marcelinho angekündigt. Deren Gestalt wird wohl auch vom künftigen Verhalten des Brasilianers abhängen. Marcelinho, die „empfindliche Seele“ (Hoeneß), soll in den nächsten Tagen die Gelegenheit bekommen, seine Teamfähigkeit nachzuweisen. Herthas Manager setzt auf die Selbstreinigungskräfte der Mannschaft und ist davon überzeugt, dass nach ein paar Tagen Abstand auch bei Marcelinho die Vernunft siegen wird: „Wir erwarten, dass die Beteiligten sich zusammensetzen und das Thema wie Männer klären.“ Mit Worten, nicht mit Fäusten.

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