Sport : Unter null

Lange tat sich Hertha schwer beim Toreschießen – jetzt klappt auch das Toreverhindern nicht

Klaus Rocca

Berlin. Das größte Problem bei Hertha BSC ist wohl, dass keiner weiß, wo beim nächsten Mal das Problem auftaucht. Noch vor Wochen sah es so aus, als sei vor allem der Angriff die Schwachstelle des Berliner Bundesligisten – erst im fünften Saisonspiel gelang Hertha das erste Tor. Auf die Abwehr, die nach dem bitteren 0:3 im Auftaktspiel gegen Bremen dreimal kein Tor kassierte, schien Verlass zu sein. Spätestens seit dem 1:4 gegen den FC Bayern ist bekannt, dass Hertha jetzt auch Probleme beim Toreverhindern hat. In den letzten vier Bundesligaspielen (je zwei Niederlagen und Unentschieden) bekam Hertha zehn Gegentore. Geplant war das anders.

Im Juni des Jahres liefen die Verträge von vier Abwehrspielern aus. Doch weil gerade die Defensive das Prunkstück der vergangenen Spielzeit war, wurden die Anstellungsverträge sowohl mit Marko Rehmer als auch mit Dick van Burik, Michael Hartmann und Andreas Schmidt verlängert. 13-mal hatte Hertha in der Saison 2002/03 zu null gespielt. Nur die Bayern (17) und Dortmund (14) waren besser.

Trainer Huub Stevens war vor der Saison eigentlich zu beneiden, hatte er doch bei der Aufstellung der – im Gegensatz zu Sturm und Mittelfeld nicht verstärkten – Abwehr die Qual der Wahl zwischen all den Nationalspielern, zu denen auch Arne Friedrich und Josip Simunic, der Kroate, gehören. In der Hinterhand hatte er auch noch Alexander Madlung und Denis Lapaczinski, beide U-21-Nationalspieler. Jetzt schwächelt gerade dieser Mannschaftsteil. Und das hat Gründe.

Dick van Burik etwa, der Kapitän und Routinier, ist verletzungsanfällig. Gegen den Hamburger SV und den FC Bayern München war er gar nicht dabei. Dass ihn Huub Stevens aber beispielsweise gegen Hannover 96 in der bedrohlichen Phase nicht einwechselte, obwohl er fit war – das hat dem Trainer Kritik eingebracht. Auch, dass er die Abwehr (wie alle anderen Mannschaftsteile) immer wieder durcheinander würfelt, eine eingespielte Stammformation sich also erst gar nicht entwickeln kann. Schmidt wurde nach dem Auftaktspiel gar nicht mehr berücksichtigt, Madlung bekommt nur sporadisch seine Chance.

„Wir machen leider haarsträubende Fehler“, bekannte nach dem Spiel in München Fredi Bobic. Und Bayerns Präsident Franz Beckenbauer sah sogar „Anfängerfehler“. Vor allem Hartmann durfte sich da angesprochen fühlen. Dennoch vermeidet es Trainer Huub Stevens weiterhin, Spieler öffentlich zu kritisieren. Stattdessen hört man von ihm regelmäßig Sätze wie „Es muss erst noch der Mensch geboren werden, der keine Fehler macht“ und „Die Verteidigung fängt bei den Stürmern an“. Der Neuigkeitswert dieser Aussagen ist bescheiden.

Den Ball fangen die Abwehrspieler natürlich gern auf. „Bei einem Gegentor sind immer nur wir die Schuldigen. Aber oft werden die entscheidenden Fehler schon vorn gemacht“, sagt Verteidiger Marko Rehmer. Auch sein Nationalmannschaftskollege Arne Friedrich mag sich nicht in die Ecke des Schuldigen drängen lassen. „Bei uns klappt es doch derzeit weder vorn noch hinten“, sagt er.

Stevens bemüht da wieder das Klischee, die Spieler müssten auch jetzt „nur den Kopf frei bekommen“. Deshalb hatte er gestern ursprünglich vor, mit der Mannschaft am Teufelsberg zu joggen. Vielleicht würde da das eine oder andere Wildschwein vorbeikommen „und meine Spieler ablenken“. Er besann sich dann doch eines anderen und setzte das Training auf dem Schenkendorff-Platz am Olympiastadion an. Der wurde übrigens schon öfter heimgesucht – von Wildschweinen.

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