Sport : Unter Verdacht

Der Berliner Boxtrainer Werner Papke soll seine jugendlichen Schützlinge sexuell missbraucht haben

Frank Bachner

Berlin. Es war keine große Rolle. Nur ein paar Auftritte in „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, RTL-Vorabendprogramm, aber Mike Reißmann haben sie Spaß gemacht. Er ist kein großer Schaupieler, aber er bemühte sich. Er ist jetzt 30, er musste sich etwas Neues suchen. Boxen, hartes, intensives Boxen, hat er abgeschlossen. Er war mal deutscher Jugendmeister, er kämpfte für den Berliner Klub Nord/Nordstern, offiziell war der Jugendliche Reißmann natürlich Amateur, aber er arbeitete damals schon mit Werner Papke. Und Papke war Profitrainer in einer muffigen Trainingshalle in Berlin-Wedding. Das war damals gegen die Regeln, Amateure durften nicht von Profitrainern betreut werden, aber damals schaute keiner richtig hin.

Aber Reißmann hatte mit Papke wohl noch viel mehr erlebt als Arbeit am Sandsack. Papke soll ihn, den damals minderjährigen Mike Reißmann, sexuell missbraucht haben. In der „BZ“ schildert er das damals Erlebte in erschreckenden Details. Aber auch zwei weitere frühere Boxer werfen Papke Missbrauch vor. Thomas Lesnik, 19 Jahre alt, und Kevin Wieding, 20 Jahre alt, beide früher in Papkes Trainingshalle, beschuldigen den 71-Jährigen schwer. Die Kripo sagt nur: „Es wird gegen einen 71-Jährigen wegen des Missbrauchs von Schutzbefohlenen ermittelt.“ Papke war am Freitag nicht zu erreichen. Laut „BZ“ bestreitet er aber alles. Unbestritten ist allerdings, dass Papke seit vielen Jahren minderjährige Boxtalente betreut, dass er sie bei sich wohnen lässt, für sie kocht, sich um ihre Wäsche kümmert, vor allem aber, dass er sie nach dem Schulabschluss nicht ermutigt, eine Lehre zu absolvieren und ihnen lieber von Millionen vorschwärmt, die sie später als Profi verdienen würden. Die Jugendlichen verbringen ihre Zeit dann im Billardsaal und in der Boxhalle. Die Eltern, nicht selten aus sozial schwierigem Milieu, haben nichts dagegen.

Papke sprach die Jugendlichen gezielt an. Er steckte ihnen am Rand von Meisterschaftskämpfen zum Beispiel Geld zu, um sie in seine Halle zu locken. Offiziell blieben sie bis zur Volljährigkeit Amateure, in der Realität trainierten sie wie Profis in Papkes Gym an der Beusselstraße. Als der Berliner Amateur-Boxsport-Verband erfuhr, dass Papke Jugendliche abwarb, erhielt der Profitrainer Hallenverbot bei allen Meisterschaften des Verbandes. Auch bei den einzelnen Vereinen des Verbandes hat er Zutrittsverbot. „Das Verbot gilt bis heute“, sagt Hans-Peter Miesner, der Präsident des Berliner Boxverbandes. „Papke hatte dann eine Zeit lang Strohmänner geschickt, aber das haben wir sehr bald bemerkt.“ Und doch fand Werner Papke genug Jugendliche, die zu ihm kamen. Und was dann hinter seiner Wohnungstür passierte, das sorgt jetzt für Gesprächsstoff.

Gerhard Dieter ist nicht sonderlich verwundert über Reißmanns Vorwürfe gegen Papke. „Er stand schon immer unter Verdacht“, sagt der frühere Boxtrainer, der einst Sven Ottke, Thomas Ullrich und Oktay Urkal betreute. „Papke flog auch bei Hertha BSC als Trainer heraus, weil man den Verdacht hatte, dass er sich da bei den Jugendlichen nicht korrekt verhielt.“ Dieter arbeitete mal eine Zeit lang mit Papke. Damals wirkten sie beide für den gleichen Manager, den berühmten Fritz Gretzschel. Schon damals , erzählt Dieter, habe er den Kollegen gefragt: „Sag mal, findest du das richtig, dass du deine Leute von der Arbeit abhältst und dass die den ganzen Tag nur herumhängen?“ Doch Papke, erinnert sich Dieter, habe nur abgewunken. „Ach, weißt du, Arbeit ist doch Scheiße, damit vermiest du dir doch bloß den Tag.“ Stattdessen, sagt Dieter, habe Papke mit den jugendlichen Boxern nachmittags gemeinsam Billard gespielt. Wovon Papke lebte und lebt, ist eine große Frage. Offiziell ist er Manager, aber allzu viel verdienen kann er damit wohl kaum. Dieter weiß auch nichts Genaues.

Fest steht, wovon Papke früher einmal lebte. Papke war im Nachkriegs- Berlin Mitglied der berüchtigten Gladow-Bande, die in Berlin raubte und mordete. Bandenchef Werner Gladow und zwei Kumpane wurden hingerichtet, Papke entging nur wegen seines jugendlichen Alters der Todesstrafe. Boxen betrachtete er anschließend als Therapie, es habe ihn wieder auf den richtigen Weg gebracht, sagte er. Er betreute Jörg Eipel, als der in Paris bei einem Kampf ins Koma fiel und mit bleibenden Schäden aufwachte.

Sein größter Erfolg, neben einer ganzen Reihe bedeutungsloser Athleten, war Michel Trabant, der heutige Profi-Europameister. Als 16-Jährigen vermittelte ihn Papke zum renommierten Boxstall Universum. Er hatte auch nichts dagegen, dass der jugendliche Trabant, nackt, nur mit Boxhandschuhen bekleidet, für ein Magazin abgelichtet wurde. „Ein 17-Jähriger sieht doch besser aus als ein alter Mann“, sagte Papke bloß. Er hätte auch nichts dagegen gehabt, dass der 17-Jährige in einem Film „eine Art Zuhälter aus dem Milieu spielt, der einem davon gelaufenen Mädchen die Fresse polieren sollte“. Das Angebot war da, aber Universum stoppte die Pläne. Das Image.

Trabant ist mittlerweile verheiratet und hat mit Papke nichts mehr zu tun. Kommentare zum früheren Trainer mag er nicht mehr abgeben. Trabant hat auch noch einen Bruder. Der boxt auch, und Papke sagte mal: „Den lass ich mir nicht entgehen.“ Das war vor sechs Jahren. Stefan Trabant war damals 14. Er ging zu Papke.

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