Sport : Unter Verdacht

Schwimmer Ian Thorpe bestreitet, gedopt zu haben und wundert sich über den Zeitpunkt des Vorwurfs

Frank Bachner

Melbourne - Ian Thorpe kniff die Augen zusammen und blinzelte. Direkt vor ihm war ein Blitzlichtgewitter losgebrochen. Ein Dutzend Fotografen hatte sich vor ihm aufgebaut, die dauernd ihre Auslöser drückten und dabei in harte Positionskämpfe mit mehreren Kameramännern verstrickt waren. Deshalb konnten die meisten der 300 Journalisten diesen 24 Jahre alten unrasierten Mann mit seinen müden Augen und seinem verstrubbelten Haar nicht sehen, der sich in diesem Konferenzraum auf dem Podium niederließ. Wenn der des Dopings verdächtigte Ian Thorpe bei einer Schwimm-WM im Footballstadion von Melbourne, gleich neben der Rod-Laver-Arena, auftritt, ist das in Australien fast ein Staatsereignis.

Ian Thorpe, Schwimmlegende, fünfmaliger Olympiasieger, ist im Schutz eines bulligen Leibwächters gekommen, um zu verkünden, „dass ich noch nie betrogen habe und geschockt bin“. Denn unbestreitbar weist eine Dopingprobe Thorpes vom Mai 2006 einen auffälligen Testosteron/Epitestosteron-Quotienten auf, außerdem wurde eine erhöhte Dosis eines Sexualhormons gefunden, das die Testosteronbildung fördert.

Es gab zwei Ian Thorpes in diesen 30 Minuten vor der Presse. Der Ian Thorpe in Verteidigungshaltung erklärte, er sei immer ein klarer Kämpfer gegen Doping gewesen. Und: „Ich bin einer der am meisten getesteten Athleten.“ Dieser Thorpe hat Angst um seinen Ruf. Er ist ein Vorbild, einer, dessen Botschaften gehört wurden. Bis jetzt. Aber „jetzt hat mein Ruf ins Australien schon stark gelitten. Das stellt alles in Frage, was ich im Sport erreicht habe“. Ein Dopingverdächtiger! Er schüttelte fassungslos den Kopf. Was sollen denn jetzt die ganzen sozial benachteiligten Kinder denken, denen er ständig predigt, dass man nicht betrügen soll? „Ich will, dass sie mich weiter als Held sehen“, sagte Thorpe mit fast flehentlichem Unterton.

Aber Thorpe, der Ankläger, hatte einen anderen Unterton. Der war hart und aggressiv. „Dass dieses Test-Ergebnis bekannt wurde, ist ein schwerer Eingriff in meine Privatsphäre“, verkündete er. Neben ihm musterte sein Anwalt die Menge mit einem Blick, als überlegte er intensiv, ob hier einer saß, dem er eine Millionen-Klage zustellen könnte. Diesen Reportern von der französischen Sportzeitung „L’Equipe“ zum Beispiel, die das Ganze aufgedeckt haben. „Es ist schon ein seltsamer Zeitpunkt, dass der Artikel bei der Schwimm-WM veröffentlicht wurde“, sagt sein Klient neben ihm.

Seltsam sind im Fall Thorpe aber eher andere Punkte. Zum Beispiel die Rolle der renommierten australischen Anti-Dopingagentur Asada. Warum aber behauptete die Asada am Sonntagabend, sie habe den Fall Thorpe nie als erledigt abgehakt? „L’Equipe“ hatte die Frage aufgeworfen, ob die Asada die Auffälligkeiten deshalb nicht weiter verfolgt hätte, weil sie das Idol Thorpe schützen wollte. Dass die Asada die Werte nicht als möglichen Dopingfall einstufte, das hatte vier Stunden zuvor Andrew Pipe etwas verklausuliert erklärt. Pipe ist der Vorsitzende der Anti-Doping-Kommission des Weltverbands Fina. Die Fina möchte den Auffälligkeiten nachgehen, deshalb hat sie den Sport-Weltgerichtshof Cas gebeten, über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Warum sollte sie aber den Cas anrufen, wenn die Asada angeblich noch gar kein Urteil gefällt hatte? „Das müssen sie die Fina fragen“, antwortete Asada-Chef Richard Ings. Die Fina verweist auf eine nicht eindeutige Presse-Erklärung.

Seltsam auch, dass die Fina den Cas schon im Dezember angerufen hatte, obwohl die Asada erst jetzt entschieden haben will, den Auffälligkeiten nachzugehen. Zehn Monate an einem solchen Fall zu arbeiten ist ungewöhnlich lang. Seltsam auch, dass gerade jetzt die Entscheidung gefallen ist, Thorpe über die Auffälligkeiten zu informieren und ihm damit zu signalisieren: Dieser Fall wird nicht abgehakt. Jedenfalls stellt es Asada-Chef Richard Ings just an dem Tag so dar, an dem „L’Equipe“ Thorpe outete. „Wir hätten in der nächsten Woche den Athleten informiert.“ Durch den Artikel habe dies kurzfristig geschehen müssen.

Alles keine Beweise für ein Asada-Fehlverhalten, aber die Indizien nähren einen Verdacht: dass die Asada den Fall tatsächlich zu den Akten gelegt hatte und nun, aufgeschreckt durch „L’Equipe“, fast panisch wieder aufgreift. Ob Thorpe bei seinen Fans durch den Fall an Ansehen verliert, ist schwer zu sagen. In den australischen Medien jedenfalls hat das Idol seinen Status nicht verloren. Die seriöse „Sunday Age“ schrieb gestern: „Er bleibt ein Held.“

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