Sport : Unter Verschluss

Die Dopingvorwürfe gegen Carl Lewis passen ins Bild des umstrittenen US-Verbandes

Frank Bachner

Berlin. Carl Lewis fährt einen teuren Sportwagen, einen Maserati. Aber damit fällt er nicht auf in Los Angeles, der Stadt der Stars. Lewis ist auch kein aktueller Star mehr, er hat seine neun Goldmedaillen zwischen 1988 und 1996 gewonnen. Vielleicht wurde er deshalb am Ostermontag behandelt wie jeder andere Autofahrer auch. Der ehemaligeLeichtathlet hatte einen Unfall verursacht, Polizisten notierten seine Personalien. Dann rochen sie etwas Verdächtiges. Sie ordneten einen Alkoholtest an, und das war Lewis’ Pech. 0,8 Promille – so viel erlaubt das Gesetz von Kalifornien nicht. Am 7. Juli steht der ehemalige Sprintstar nun vor Gericht.

Grenzwerte hat Lewis schon früher sehr variabel ausgelegt. Früher, als er noch der berühmte Sprinter war und eine Zahnspange trug. Eine Zahnspange, bei einem erwachsenen Mann? Lewis, glaubten Dopingexperten, könnte Wachstumshormone, Dopingmittel also, genommen haben. Die vergrößern nämlich den Kiefer.

Lewis hat tatsächlich Dopingmittel genommen, er und mehr als 100 andere US-Leichtathleten. Sie alle sind zwischen 1988 und 2000 in den USA positiv getestet worden. Sie wurden nur nie dafür bestraft. Das behauptet jedenfalls Dr. Wade Exum im US-Magazin „Sports Illustrated“. Exum war von 1991 bis 2000 für die Dopingkontrollen in den USA zuständig, und er packt jetzt aus. 19 Olympiamedaillen, sagt Exum, hätten die so verschonten Athleten gewonnen. Exum muss das beweisen. Vielleicht stehen die Beweise auf den 30 000 Seiten, die er „Sports Illustrated“ übergeben hat und die teilweise noch ausgewertet werden. Der beste Beweis freilich wäre eine positive Probe von Lewis. Aber die gibt es nicht. Weil er nie gedopt habe, sagt sein ehemaliger Manager.

Klar ist auf jeden Fall: In den USA war es, und ist es immer noch, denkbar einfach, sich zu dopen. Jahrelang durfte in den USA ein Athlet im Training nur kontrolliert werden, wenn er in einem Umkreis von 75 Kilometern zu einem Dopinglabor wohnte. „Wo würden Sie denn als Athlet wohnen, wenn Sie dopen wollen?“, fragte ein US-Startrainer mal süffisant einen Journalisten. Michael Johnson sprintete bei Olympia 1996 in Atlanta zu zwei Goldmedaillen (200 m, 400 m). Bis dahin war er noch nie unangemeldet getestet worden. Auch weil ausgerechnet wenige Monate vor den Atlanta-Spielen dem Nationalen Olympischen Komitee der USA das Geld für Trainingskontrollen ausging. Bei der WM 1999 verbesserte Johnson den 400-m-Weltrekord auf fantastische 43,16 Sekunden. Auf der Tribüne saß ein deutscher Bundestrainer und sagte: „Wir wissen doch, was wir von dieser Zeit zu halten haben.“

Es gibt ja so eine Art Richtwert. Zeiten unter 10,00 Sekunden über 100 m sind nur ausnahmsweise dopingfrei zu erreichen, Zeiten unter 9,90 Sekunden so gut wie nie. Lewis’ Bestzeit liegt bei 9,86 Sekunden. Exum behauptet, Lewis habe bei der Olympia-Qualifikation 1988 verbotene Stimulanzien im Körper gehabt. Der US-Verband habe ihn zuerst disqualifiziert, die Sperre dann aber aufgehoben. Der Sprinter habe erklärt, er habe die Mittel unwissentlich genommen. Ob er auch Wachstumshormone bei dem Sprinter entdeckt hatte, sagte Exum nicht.

Dass der US-Verband positive Proben grundsätzlich vertuscht, ist ja längst kein Geheimnis mehr. 33 US-Athleten wurden 1999 positiv getestet, das gab der US-Verband – unter massivem Druck – vor drei Jahren zu. Doch es gibt 13 weitere US-Leichtathleten, die zwischen 1996 und 2000 positiv getestet wurden. Der US-Verband weigert sich bis heute, die Namen zu nennen. Er hat Angst vor Schadensersatzforderungen. Paradoxerweise hat der Internationale Sportgerichtshof die Geheimhaltung – aus formalen Gründen – bestätigt. Der Weltverband habe nicht den vorgeschriebenen Druck auf den US-Verband ausgeübt, rügte die CAS. Aber jetzt redet Exum. Gut möglich, dass die Namen doch noch bekannt werden.

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