Sport : Unter Wasser

Stockbauer will ihren Erfolg nicht um jeden Preis vermarkten

Frank Bachner

Barcelona. Sie hat nun wirklich genug erzählt: dass sie am Ende nicht mehr konnte, dass der Papa bestimmt gleich anrufen wird, sobald er die ganze Aufregung verdaut hat, und dass sie im Rennen ein paar Mal den Kopf aus dem Wasser heben musste, weil die Trennleinen so hoch sind, sie aber wissen musste, wo die Konkurrentinnen sind. Hannah Stockbauer hatte jetzt, nach ihrem Sieg über 800 m Freistil, genug von Journalisten. Sie wollte ihre Ruhe, sie musste diese Bilanz erst realisieren, fünf Weltmeistertitel auf einer Einzelstrecke hat in Deutschland noch nie jemand bei Schwimm-Weltmeisterschaften geholt. Zwei hatte sie 2001 in Fukuoka gewonnen, und nun gerade die dritte in Barcelona. Zuvor hatte sie schon über 400 m und 1500 m gesiegt.

Stockbauer also wollte ihre Ruhe, aber dann raunte ihr einer aus dem deutschen Team zu, dass sie drei Stunden später noch im „Aktuellen Sportstudio" auftreten soll. „Du wirst da live zugeschaltet." Hannah Stockbauer verzog das Gesicht. „Oh, Mann, muss das denn sein", nölte sie. Sie hatte keine Lust, ganz einfach. Natürlich lächelte sie am Abend trotzdem in die Kameras. Aber wenn man die Szene leicht überhöht, dann kann man darin das neue Denken der Hannah Stockbauer erkennen. Sie muss nicht mehr jeden PR- und Medientermin wahrnehmen. Auch nicht das „Sportstudio"-Interview, obwohl die Sendung als wichtiges Podium der Selbstdarstellung gilt. Stockbauer ist jetzt eine der erfolgreichsten Schwimmerinnen, die es jemals in Deutschland gab, aber sie will sich rarer machen als früher. Anders gesagt: Sie hat dazugelernt.

Vor zwei Jahren hat sie zwei WM-Titel gewonnen, anschließend hetzte sie zu TV-Auftritten und PR-Terminen, tauchte vor der EM 2002 bei zwei Benefizveranstaltungen auf und zerstörte damit einen Großteil des Höhentrainings-Effekts, weil sie nicht planmäßig im Wasser war. Bei der EM 2002 landete sie dann über ihre Spezialstrecke 800 m Freistil gerade mal auf Platz drei. „So etwas passiert mir nicht noch mal“, sagt sie jetzt in Barcelona. „Das Training hat absoluten Vorrang.“ Sie hat ja noch längst nicht alles erreicht. Fünf WM-Titel, schön. Aber sie will Olympiagold. Ein Olympiasieg fehlt ihr, und erst der adelt einen Sportler zum Topstar. Und überhaupt: „Wer weiß denn, ob ich nach diesem Erfolg wirklich so viele neue Sponsorenangebote bekomme.“

Abwarten. Andererseits ist die 21-Jährige aus Erlangen, nach der in ihrer Heimatstadt eine Sporthalle benannt werden soll, durchaus gut abgesichert. Ein Mineralwasser-Produzent hat mit ihr einen gut dotierten Vertrag abgeschlossen, trotz der EM-Pleite, eine Sicherheitsfirma aus Nürnberg unterstützt sie, und der Ausrüster Speedo überweist auch Geld. Und zumindest der mediale Rummel ist enorm. Papa Stockbauer ist zu seiner Mutter geflüchtet, weil er keine Lust mehr auf TV-Teams hatte, die unbedingt Hannahs Kinderzimmer filmen möchten. Und ihre Management-Firma überschüttet sie täglich mit Einladungen, die hereinkommen. Beim Formel-1-Rennen in Hockenheim am nächsten Sonntag wäre sie sehr willkommen. Aber Hannah Stockbauer reagiert eher reserviert. „Ich spreche mich mit meinem Trainer ab. Wenn der sagt, es passe ins Trainingskonzept, dann überlege ich mir, ob ich hingehe. Wenn er nein sagt, lehne ich ab.“

Auf Stockbauer lastete in Barcelona enormer Druck, weil Franziska van Almsick fehlte. Stockbauer meisterte die Situation bravourös, sagt aber: „Ich bin froh, wenn Franziska im nächsten Jahr wieder dabei ist. Sie wird den Druck von mir nehmen.“ Und einen Großteil des Rummels auf sich ziehen. Am Samstagabend hatte Hannah Stockbauer schließlich doch noch ihre Ruhe. Sie verfolgte gelassen das Wasserball-Finale der Männer. Ungarn schlug Italien 11:9.

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