Sport : Unterhaltsame Krisen

Sven Goldmann

Unter Fußballexperten gilt das WM-Finale von 1994 als das beste aller Zeiten. 120 Minuten lang neutralisierten sich Italien und Brasilien nach allen Regeln der taktischen Kunst, und heraus kam, was herauskommen muss, wenn keiner Fehler macht: keine Chancen, keine Tore und kein Spaß für die amerikanischen Zuschauer in Pasadena, die der europäischen Variante des Fußballs ohnehin misstrauisch gegenüberstanden.

Wahrscheinlich hat der AC Mailand am Dienstag in Glasgow eine perfekte Demonstration strategischer Fußballkunst gegeben. Aber ob sich die 60 000 Zuschauern beim torlosen Unentschieden im Celtic Park so gut unterhalten haben wie zur selben Stunde die 80 000, die mitfieberten beim Krisengipfel zwischen Real und Bayern in Madrid? Fünf Tore sind in einem K.-o.-Spiel der Champions League keine Selbstverständlichkeit. Es waren kuriose Tore: Reals frühe Führung fiel, weil Lucio das Abseits aufhob. Lucio köpfte den Ausgleich, weil die Spanier ihm den kleinen Cannavaro als Bewacher zuteilten. Real legte schnell zwei Tore nach, weil die Zuordnung in der Münchner Abwehr nicht stimmte. Beim Anschlusstor zum 2:3 profitierte van Bommel von Raul Bravos missglücktem Abwehrversuch.

Alles Fehler, die in dieser Häufung und auf diesem Niveau nur Mannschaften unterlaufen, die unter ihren Möglichkeiten spielen. Fehler, die nicht passieren dürfen, die aber in Konsequenz den Unterhaltungswert des Fußballs ausmachen. Ohne Fehler fallen keine Tore, und ohne Tore hat das Publikum keinen Spaß. Die Krisenklubs aus Madrid und München haben den Zuschauern am Dienstagabend großartige Unterhaltung geboten. Möge ihre Krise noch ein wenig anhalten, am besten bis zum Rückspiel in zwei Wochen in München.

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