Unterwegs mit der Autorennationalmannschaft (4) : In der Enge des Raums

Kurz vor Beginn der EM reisen die Autorennationalmannschaften aus Deutschland, Polen und der Ukraine gemeinsam von Berlin über Krakau nach Lwiw - unser Reporter ist dabei.

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Dreiländerspiel: Deutschlands Torwart Andreas Merkel (l.) auf Fußball- und Lesereise mit seinen Kollegen Jan Wojtynski und Serhij Szadan (r.) aus Polen und der Ukraine. Foto: promo
Dreiländerspiel: Deutschlands Torwart Andreas Merkel (l.) auf Fußball- und Lesereise mit seinen Kollegen Jan Wojtynski und Serhij...

Im ganzen Saal, aus allen Mündern, sein Name. Martin Scharfe steht einfach nur da. Im Gesicht die Fassungslosigkeit eines Mannes, der soeben Lottomillionär geworden ist, oder Oscarpreisträger, oder beides auf einmal. „Scharfe, Scharfe, Scharfe“, dröhnt es im ganzen Saal . Und Scharfe löst sich in seiner eigenen Rührung auf. Ein Stadiongesang im Volksmusik-Klatschtakt, entsprungen aus der Ecke der Ukrainer. Erst zaghaft, dann Crescendo, stimmten die Polen am Nachbartisch mit ein. Schließlich auch die Deutschen, die für einen kurzen Moment nicht wussten, ob das jetzt in Ordnung ist, als Deutsche in Polen, in einem Wirtshaus im Schatten des Krakauer Wawel, die Stimme zu erheben und zu singen. Gemeinsam lassen sie Scharfe, langes dunkelblondes Haar, linker Mittelfeldspieler der deutschen Autorennationalmannschaft, nun hochleben, unaufhörlich, schwebend auf einem deutsch-polnisch-ukrainischen Klangteppich. Warum, das werden die Ukrainer bis zum letzten Abend der Reise für sich behalten.

Denn Scharfe ist ein eher unwahrscheinlicher Held. Typ Außenläufer, nicht nur auf dem Feld, mit einer Gutmütigkeit in seinem schmalen Körper, die ihm nur zu leicht als Phlegma ausgelegt werden kann. Doch so ist das nun einmal mit Experimenten. Ihr Ausgang ist, das macht ihren Reiz aus, ungewiss, mitunter gar erstaunlich. Und nichts anderes ist diese Reise der Autorennationalmannschaft, unterstützt von der Kulturstiftung des DFB, als das Experiment einer komprimierten Völkerverständigung unter dem Brennglas des Fußballs. Titel der siebentägigen Versuchsreihe: „Im Osten geht die Sonne auf.“

Ein Bus, drei Länder, neun Spiele. Dazu Lesungen in jeder Stadt. „Brückenbildung“, heißt das dann offiziell im Kulturstiftungsdeutsch. Noch in Berlin allerdings, beim ersten Kennenlernen, sitzen die Autoren an separaten Tischen. Viel haben sie sich dort nicht zu erzählen, sie taxieren sich. Blicke hinter Sprachbarrieren. Diese multinationale Reisegruppe in den Sonnenaufgang ist eben auch der Versuch einer Quadratur des Kreises. Es gibt nichts Schlimmeres für einen, der aus der Perspektive des Erzählers lebt, als auf andere Schriftsteller zu treffen. „Das ist wie ein Liliputaner-Kongress. Alle haben das gleiche Problem, aber keiner spricht drüber“, sagt einer an diesem Abend.

Stadien und Städte der EM-Gastgeber Polen und Ukraine:

EM-Gastgeber Polen: Stadien und Städte
Der Schlossplatz von Warschau.Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: Polnisches Fremdenverkehrsamt
12.09.2011 17:49Der Schlossplatz von Warschau.

Ein Bus voller Autoren ist vor allem auch ein Egotrip, eine Butterfahrt des Narzissmus. Geballte Satire, geballtes Einzelgängertum, jeder für sich ein Kosmos aus Geschichten, autark. Nun aber werden Berührungen erzwungen. Man kann sich, an Bord des Busses, im Hotel, auf dem Fußballplatz, in der Enge des Raumes, ja gar nicht aus dem Weg gehen. Das ist natürlich ganz im Sinne der Brückenbildner der Kulturstiftung, deren Leiter Oliver Tietz, irgendwo kurz vor der polnischen Grenze, zufrieden feststellt: „Völkerverständigung ist ja nicht, wenn da einfach zwei Fahnen aufgestellt werden, es ist nicht die symbolische Geste wie ein Wimpeltausch, dann Händeschütteln und ein paar Fotos. Eine gemeinsame Busfahrt ist da sehr viel mehr wert.“

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