Unterwegs mit der Autorennationalmannschaft (5) : Die Welt zu Gast bei Fremden

Unser Reporter Lucas Vogelsang, unterwegs mit der Autorennationalmannschaft, macht sich im ukrainischen Lwiw auf die Suche nach dem EM-Gefühl. Und gerät in einen Höllenritt mit DJ Bobo.

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Im ukrainischen Lwiw wurde diese Statue schon passend zur Fußball-EM eingekleidet.
Im ukrainischen Lwiw wurde diese Statue schon passend zur Fußball-EM eingekleidet.Foto: Lucas Vogelsang

Ein ukrainisches Mütterchen, in einer Straße, die ins Zentrum von Lwiw führt. Bisschen Kopfsteinpflaster, bisschen zerbröselnder Asphalt. Sie trägt, was ukrainische Mütterchen so tragen. Senfgelber Rock, der kurz über die Knie reicht, Wollpullover, der kurz über den senfgelben Rock reicht. Die Tracht der Feldarbeiterinnen. Haltung: leicht gebeugt. Mit einem Lappen wischt sie über einen Geldautomaten, eingelassen in eine der schmutzigen Fassaden. Ein ukrainisches Mütterchen, senfgelber Rock, putzt in einer der Straßen von Lwiw die Plastikverkleidung eines Geldautomaten, als gelte es, ein Denkmal zu pflegen.

Viel besser geht es ja eigentlich kaum, für einen Reporter, der immer auf der Suche nach Szenen ist, nach Bildern, die nie nur für sich sprechen, sondern gleich auch immer für das Ganze stehen müssen, stehen sollten. Ein Stillleben als große Metapher. In diesem Fall für das Europameisterschafts-Gefühl in Lwiw, der Gruppenspielstadt, drei Wochen vor Turnierbeginn.

Hier also: das Mütterchen und der Geldautomat. Ganz klares Bild: Eine Stadt macht sich zurecht, legt den Rouge der Gastfreundschaft auf, zieht den Lidstrich nach. Willkommen, Touristen, Mitteleuropäer, Fußballfreunde. Lwiw freut sich, Lwiw ist bereit. Die Straßen vielleicht noch etwas holprig, aber, immerhin, die Geldautomaten sind sauber, so sauber, dass der stilbewusste Mitteleuropäer mit dem abgehobenen Geld direkt von der Konsole koksen könnte.

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Der Schlossplatz von Warschau.Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: Polnisches Fremdenverkehrsamt
12.09.2011 17:49Der Schlossplatz von Warschau.

Doch so einfach ist das alles nicht, weil nach dem Mütterchen erst mal nicht viel kommt. So wie auch vor dem Mütterchen nicht viel kam.

Das Stadion von Lwiw steht außerhalb der Stadt, doch es steht dort nicht, als künde es  von einem kommenden Turnier, sondern viel eher wie das Relikt eines vergangenen. Wie die zurück gelassenen Vogelnester in China, oder die stillen Elefanten in Südafrika. Stahlkolosse, die mit der Euphorie kamen, jedoch blieben, nachdem sie längst wieder ausgereist war.

Auch auf den Straßen ist erst mal: Nicht viel. Kein überdimensionales Billboard, koan Neuer, der über die Autobahn hechtet. Keine Wegweiser in die Stadt, auf dem unglaublich hippe lachende Menschen ohne genaues Alter oder genaue Nationalität in die Zukunft lächeln. An den Straßenrändern, in den engen Gassen, verkaufen Marktfrauen in bunten Kopftüchern Selbstgebackenes, Selbstgenähtes, Selbstverständliches. Von Fußball aber keine Spur.

Ich begegne ihm erst auf dem Rynok, dem Marktplatz in der Altstadt Lwiws. Hier und überall sonst im Kern der Stadt, wurden den Statuen, Gottheiten mit Dreizack und Bogen, Krieger aus Sandstein, die gelben Trikots der Ukraine übergestreift. Sie stehen dort, als wollte man so Vergangenheit und Zukunft miteinander versöhnen. Passend dazu auch der Slogan dieses Turniers, Werbersprech, Uefa-Optik, auf einer Säule nahe des Rathauses: „Creating History together“.

Nicht weit davon verkauft ein etwas älterer Herr, Oberlippenbart, offene, Fremdenverkehrsbüro-Mimik, Gebäck an einem kleinen fahrbaren Stand. Er sagt: „Wir wollen der Welt zeigen, dass wir kein Schurkenstaat sind.“ Mehr sagt er nicht. Die Suche nach dem EM-Gefühl ist eben auch ein Lauschangriff auf die Zwischentöne.

 

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