Sport : Unterwelt des Fußballs

Mit einer Undercover-Recherche versucht die BBC, Schmiergeldzahlungen bei Transfers aufzudecken

Raphael Honigstein[London]

Knut auf dem Berge, 41, ist eine Art freiberuflicher Fußballschaffender. Der gebürtige Nienburger hat für den nigerianischen Verband als Berater fungiert, die Nationalmannschaft des Karibikstaats Montserrat trainiert und für den FC Chelsea in der Scoutingabteilung gearbeitet. Im Dezember des vergangenen Jahres übernahm er seine bisher heikelste Mission: im Auftrag der BBC sollte der Weltenbummler korrupte Transfergeschäfte von Trainern und Spielerberatern in der Premier League entlarven. Bewaffnet mit einer versteckten Kamera und einer falschen Geschichte – er gab sich als Spielerberater aus, der im Auftrag eines reichen Investors Kontakte knüpfen sollte – stieg auf dem Berge in die Unterwelt des englischen Fußballs hinab. Das Ergebnis seiner Bemühungen wurde am Dienstagabend ausgestrahlt. „Undercover: Football’s Dirty Secrets“, des Fußballs schmutzige Geheimnisse, hieß das Programm, das es in sich hatte.

Am Unsaubersten geht es laut der Sendung bei den Bolton Wanderers zu. Drei Spielerberater gaben dem Undercover-Reporter gegenüber zu, Trainer Sam Allardyce sogenannte bungs (Schmiergelder) für Transfers gezahlt zu haben. „Man versucht, ihm (Allardyce) bei einem Deal ein bisschen was zurückzugeben“, sagte der französische Agent Teni Yerima. Allardyces Sohn Craig, der bis vor kurzem ebenfalls als Spielerberater tätig war, soll als Mittelsmann fungiert haben. „Wenn ich sage, ‚ich gebe Craig Geld’, sagt Sam, ‚okay wir machen den Deal’“, erzählte Spieleragent Peter Harrison. Craig Allardyce wiederum vertraute auf dem Berge an, er habe für die Wechsel von Tal Ben Haim, Hidetoshi Nakata und Ali Al-Habis mitkassiert.

Allardyce junior war zu dem Zeitpunkt dieser Deals vom Verein bereits wegen früherer Bedenken als Geschäftspartner ausgeschlossen worden. Auf den offiziellen Unterlagen taucht sein Name nicht auf. Allardyce senior, der im Mai als aussichtsreicher Kandidat für den Posten des Nationaltrainers gegolten hatte, das Vertrauen des Verbandes aber nicht zuletzt wegen ähnlicher Gerüchte nicht bekommen hatte, drohte jetzt rechtliche Schritte an: „Wenn jemand falsche Dinge über mich sagt, werde ich dagegen kämpfen.“

Trotz der klaren Indizien wird es schwierig werden, den beiden Allardyces konkrete Vergehen nachzuweisen. Die drei Agenten haben plötzlich ihre Aussagen zurückgezogen. Man habe nur so getan, als sei man in illegale Geschäfte involviert, wurde unisono verlautbart. Man hätte so herausfinden wollen, wer der „verdächtige“ Spielerberater auf dem Berge wirklich sei. Noch glimpflicher kam Harry Redknapp davon. Der Trainer des FC Portsmouth ist für seine „Geschäftstüchtigkeit“ berüchtigt, die BBC konnte ihm jedoch nichts nachweisen. Neben Allardyce war Redknapp der einzige Trainer, der in der Sendung namentlich erwähnt wurde.

Dass in der reichsten Liga der Welt seit vielen Jahren immer wieder erstaunlich viel Geld für viele mittelmäßige Spieler ausgegeben wird und dabei viele Beteiligte profitieren, ist nicht unbedingt neu. Es gibt enge Verbindungen zwischen Trainern und Spieleragenturen und dementsprechend viele Interessenkonflikte. Wie in Bolton war auch bei Manchester United Alex Fergusons Sohn Jason an mehreren Transfers beteiligt. Seit die BBC vor drei Jahren einen genaueren Blick auf diese Wechsel warf, boykottiert der Schotte alle Interviews mit dem Sender. Der Verband und die Liga haben in der Vergangenheit gerne weggeschaut. Die Medien hatten Angst vor Verleumdungsklagen. Erst als Luton Towns Trainer Mike Newell im Januar offen gegen die weit verbreitete bung culture im Profifußball klagte, setzte die Premier League eine Untersuchungskommission ein. Ihre Ergebnisse werden am 2. Oktober erwartet. Die Football Association will nun ihrerseits alle in der Sendung geäußerten Vorwürfe aufklären. „Es ist wichtig für die Integrität des Spiels und für jeden Fußballfan, dass wir uns der Sache annehmen“, sagte Verbandschef Brian Barwick.

Chelsea und Liverpool könnten dann Probleme bekommen. Der BBC-Bericht zeigte, wie beide Vereine verbotenerweise mit dem 15-Jährigen Jugendspieler Nathan Porritt vom FC Middlesbrough verhandelten. Chelsea war im Frühjahr wegen der illegalen Kontaktaufnahme mit Arsenals Ashley Cole mit einer Strafe von umgerechnet 743 000 Euro belegt worden. Im Wiederholungsfall droht dem Meister ein Punkteabzug, doch dazu wird es kaum kommen. Die verbotene Kontaktaufnahme zu Jugendspielern ist erstens in sportrechtlicher Hinsicht ein separates und weniger gravierendes Delikt und zweitens wurde Chelseas Jugenddirektor Frank Arnesen der Spieler von dem Agenten angeboten – erst daraufhin stellte der Holländer Porritt 150 000 Pfund über drei Jahre in Aussicht. Inwieweit das den betreffenden Tatbestand erfüllt, ist unklar. Die Affäre wirft aber mit Sicherheit kein gutes Licht auf die Blauen aus London. Erst vor kurzem hat Leeds United bei den Behörden über einen unlauteren Abwerbungsversuch geklagt. Meister Chelsea soll es auf drei Jugendspieler abgesehen haben.

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