Sport : Unvermögen in Endlosschleife

Die Trauerarbeit der Holländer geht in wilden Ehrgeiz über. Für das 0:1 soll der nächste Gegner büßen: Deutschland.

von

Später am Abend saß Arjen Robben ganz allein am Kreidestrich, das Tor war 16 Meter weit entfernt, viel zu weit wie so oft an diesem Abend von Charkiw, und Robben hatte ihm demonstrativ den Rücken zugedreht.

0:1 gegen Dänemark. Wie konnte das bloß passieren?

Der Kopf ruhte zwischen den Knien. So mag sich niemand sehen, so mag man nicht gesehen werden, aber da war dieses Kamerateam, drei Männer stark, das einfach nicht weichen wollte und Robben die Intimität des Augenblicks stahl.

Der Rest von Robbens Kollegen machte, dass er vom Platz kam, bloß kein Besuch vor der orangen Kurve im Metallurg-Stadion von Charkiw, wo sich gerade das Unfassbare ereignet hatte, dieser Fehlstart in die Europameisterschaft. „Wenn die Dänen heute ins Bett gehen – ob sie dann noch wissen, warum sie gewonnen haben?“, fragte Robben in die Runde und gab eine Teilantwort gleich selbst: „Vielleicht war es diese ganze Scheiße!“

Das war eine mit wenig Charme und reichlich Selbstmitleid vorgetragene Breitseite Richtung München, gegen jene Fans vom FC Bayern, die ihn infolge seines im Champions-League-Finale verschossenen Elfmeters ausgepfiffen und damit wohl auch das Selbstvertrauen genommen hatten. Arjen Robben stand beim holländischen EM-Auftakt am Samstag in Charkiw nicht mehr für das, wofür sie ihn in München lieben, aber manchmal auch verfluchen. Der begnadete Egomane, der im Zweifelsfall lieber seinem linken Fuß als einem besser postierten Nebenmann vertraut, wollte ausgerechnet in seiner besten Szene mit Uneigennützigkeit glänzen. Großartig, wie er sich an der Mittellinie um die eigene Achse drehte und dabei dem Dänen Simon Poulsen den Ball mit dem Außenrist durch die Beine chippte. Arjen Robben lief in Hochgeschwindigkeitstempo Richtung Strafraum, doch statt wie gewohnt nach innen zu ziehen und mit dem linken Fuß den Abschluss zu suchen, spielte er mit dem rechten Fuß einen müden Pass dorthin, wo er den Kollegen Robin van Persie wähnte, aber nicht fand.

Es war dies eine typische Momentaufnahme für das holländische Spiel. Effektvoll, aber nicht effektiv. Robin van Persie, der großartige Stürmer vom FC Arsenal, Torschützenkönig der Premier League, hätte gut und gerne drei Tore schießen können, aber an diesem Abend von Charkiw klebte alles Elend der Fußballwelt an seinen Füßen. Klaas-Jan Huntelaar, der erfolgreichste Stürmer der gerade abgelaufenen Bundesligasaison, kam erst zwanzig Minuten vor Schluss ins Spiel und hätte doch beinahe mit seiner ersten Aktion den erlösenden Ausgleich erzielt, als er allein auf Dänemarks Torhüter Stephan Andersen zulief und diesem den Ball auf den Leib drosch. „Wir hätten noch drei Tage spielen können und doch kein Tor geschossen“, sagte Rafael van der Vaart, der spät eingewechselte Spielmacher von Tottenham Hotspur.

Für das zweite Vorrundenspiel am Mittwoch gegen den Lieblingsfeind aus Deutschland formulierte Ibrahim Afellay schon mal die Parole: „Siegen oder Sterben!“ Der zugleich elegante und wuchtige Dribbler wirkte dabei so verzweifelt nicht, eher selbstbewusst, denn „die Deutschen wollen wie wir Fußball spielen, die stellen sich nicht hinten rein, und das kommt uns entgegen“.

Wie sehr den Niederländern der deutsche Stil entgegenkommt, das war vor einem halben Jahr in Hamburg zu sehen, als sie sich sanftmütig in eine 0:3-Niederlage fügten. Darüber aber mochte niemand reden im Metallurg-Stadion, das auch am späten Abend noch dampfte von der Hitze eines aufgeladenen Tages. „Dieses Spiel hat viel Kraft gekostet, und wir mussten sehr viel mehr investieren als die verteidigende Mannschaft“, sagte Trainer Bert van Marwijk. „Das soll keine Entschuldigung sein, aber es ist nun einmal so.“

Es fügte sich gut in die Dramaturgie dieses seltsamen Abends, dass ausgerechnet ein in Holland Gescheiterter das einzige Tor schoss. Michael Krohn-Dehli hatte sich sechs Jahre lang mit bescheidenem Erfolg in Amsterdam, Waalwijk und Rotterdam versucht. Seit vier Jahren spielt er wieder für Bröndby IF in Kopenhagen, „aber meine Freundin ist Holländerin, ihre ganze Familie hat heute zugeschaut. Ich glaube, die waren nicht so begeistert von mir.“

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben