Sport : Urin vom Pferdestemmer

Pionierarbeit in Berlin: Wie Georg Kolb schon im 19. Jahrhundert fast die Sportwissenschaft gründete.

Erik Eggers
Foto: promo
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Berlin - Kokain testete er. Auch Koffein. Denn einzig diese Substanzen, klärte Georg Kolb auf, versprächen eine Leistungssteigerung im Sport. Dass Sportler auch andere Präparate ausprobierten, wusste der junge Medizinstudent und Leistungsruderer. In „Sportkreisen“ investiere man viel Mühe, „ein Mittel ausfindig zu machen, um die Energie und Ausdauer zu erhöhen“, schrieb Kolb. Eine spektakuläre Bemerkung ist das deswegen, weil sie aus der Pionierzeit des Leistungssports stammt: aus Kolbs Buch „Beiträge zur Physiologie der maximalen Muskelarbeit, insbesondere des modernen Sports“, das 1889 in Berlin erschien.

Die Leistung zu steigern – das war ein zentrales Motiv der Studie Kolbs. Er habe, verriet er, anfangs „als Sportsmann die Vorteile meines Klubs im Auge“ gehabt. Sein Klub war der Berliner Ruder-Club, damals einer der besten Deutschlands, zwischen 1883 und 1887 Sieger im „Kaiser-Preis“, dem prestigeträchtigsten Vierer-Rennen jener Zeit. Kolb saß in den beiden letzten Jahren mit im Boot.

Über diese egoistischen Motive hinaus interessierte sich Kolb, der vor 150 Jahren, am 21. April 1863, in Bayreuth geboren wurde, bald jedoch auch für die Wirkungen des Leistungssports auf den Körper, speziell auf Herz und Kreislauf. Hatten in der zeitgenössischen Debatte doch „geachtete Gelehrte hygienische Bedenken gegen den Sport geäußert“, und zwar, wie Kolb rügte, ohne jegliche Beweise und „vorurteilsvoll ausgesprochen“. Das war der Ursprung für die erste wissenschaftliche Studie in der Geschichte des deutschen Sports.

Die Wiege dieser Pionierarbeit war Berlin-Friedrichshain, nahe der Oberbaumbrücke: Das neue Bootshaus in der Stralauer Straße 2b, das der BRC Anfang der 1880er Jahre errichtet hatte. Hier untersuchte Kolb im Sommer 1887 zunächst seine Vereinskameraden. Der prominenteste Proband aber war der Hamburger Karl Abs, der im Zirkus Pferde hochstemmte. Trainingswissenschaftlich war Kolb auf der Höhe. Denn der BRC-Vorsitzende Friedrich Wilhelm Georg Büxenstein, später auch Präsident des Deutschen Ruderverbandes, hatte seit 1883 englische Rudermeister verpflichtet. Zudem war er 1886 mit dem BRC-Vierer in Henley gestartet, beim wichtigsten Vierer-Rennen Englands. Kolb diskutierte in seiner Arbeit das gefürchtete Übertraining, er kategorisierte auch Varianten der Ermüdung, einem Klassiker der Physiologie. Und er debattierte die sexuelle Enthaltsamkeit während des Trainings.

Da EKG und Röntgen noch nicht existierten, arbeitete Georg Kolb mit einem Sphygmographen, einem Gerät, das Pulsschläge graphisch darstellte. Um alle ihm wichtig erscheinenden Parameter beim Rudern zu erfassen, nämlich „jede(n) Atemzug, jede(n) Ruderschlag, die Geschwindigkeit und die Bewegung des Steuers“, installierte er im Boot komplizierte „Registrierapparate“. Für die Bestimmung der Lungenvolumen nutzte er Spirometer. Und er untersuchte schon den Urin der Sportler.

Kolb fand heraus, dass Herz und Muskeln im Training hypertrophierten, aber nicht krankhaft. Eine Gefahr für den Organismus sei „kaum vorhanden, nur da etwa, wo untrainierte Leute sich an Rennen betheiligen wollen“. Die schädlichen Momente des Sports fielen nicht ins Gewicht „gegenüber den außerordentlich großen Vorteilen, welche der Sport durch Uebung der Körperkraft, Energie und Enthaltsamkeit bietet“. Vor allem das Training sei sehr nützlich, es hebe das Selbstvertrauen und lehre Selbstbeherrschung. Kolbs weiterer Befund, wonach Alkaloide für den Moment der Hochleistung unbrauchbar seien, sondern allein zur Regeneration taugten, betrachtete er als „Glück“, da sonst „binnen Jahr und Tag alle Rennmannschaften der Erde morphium- oder cocainsüchtig“ wären.

Mit seiner Studie hätte Kolb zum Nestor der deutschen Sportmedizin werden können. Aber er war seiner Zeit wohl zu weit voraus. Auch widmete sich Kolb 1894 plötzlich der Afrikaforschung. Wenn er die Physis etwa der Massai bewunderte, hatte das sicherlich auch mit seiner Sportkarriere zu tun.

Dass der Sportphysiologe trotz seiner Pionierstudie in Vergessenheit geriet, hängt mit seinem frühen Tod zusammen: Kolb starb 1899 in Ostafrika, im Alter von 36 Jahren, infolge einer Nashorn-Attacke. Erst gut ein Jahrzehnt später, 1912, konstituierte sich in Berlin die erste sportwissenschaftliche Organisation der Welt. Erik Eggers

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