Sport : US-Open: Kieferist für die nächste Stufe der Leiter bereit

Jörg Allmeroth

Es ist wie eine Erscheinung aus dem Nichts. "Tennis kann ein verrückter Sport sein", sagte Nicolas Kiefer, als er in einem dreistündigen Krimi auf dem Centrecourt des Arthur-Ashe-Stadions von New York den "Spieler der Saison", Magnus Norman, mit 6:2, 6:7, 6:1 und 6:4 geschlagen hatte. Zum ersten Mal steht die deutsche Nummer eins im Viertelfinale der US Open. Mit dem bescheidenen Ziel angereist, "mehr Matchpraxis zu bekommen und eine ordentliche Figur abzugeben", sah sich der von seiner eigenen Klasse überraschte Kiefer plötzlich in der Eliteliga der potenziellen Champions wieder. "Jeder, der so weit gekommen ist, kann nun auch gewinnen", sagte er nach dem wichtigsten Erfolg des Jahres, wenn nicht gar seiner gesamten Karriere.

Der Niedersachse hat geschafft, was so schnell nicht zu erwarten war: Nach dem Verletzungsschock im Frühjahr, sportlich bitteren Rückschlägen, monatelangem Bangen und Hoffen um die Perspektive im Wanderzirkus ist die deutsche Nummer eins wieder in der Form des glanzvollen Saisonstarts angelangt. Vielleicht ist er sogar noch ein bisschen besser als je zuvor. "So stark, so locker und so entspannt war ich bisher nie auf dem Platz", sagte Kiefer, der heute in New York auf den Russen Marat Safin trifft. Eine große Herausforderung. Aber eine, die Kiefer keine Angst einflößt: "Ich bin in der Form, um gegen ihn zu siegen."

Kiefer wirkt unerschütterlich und eiskalt, wie ein geduldiger Schachspieler, der seine Kombinationen, seine Winkelzüge, seine Finten mit einem strategischen Plan im Kopf verfolgt. "Tennis ist nicht nur billiges Draufhauen", sagt er, "das ist Taktik, das ist ein Spiel, bei dem man seinen Willen durchsetzen muss." Kiefers Spiel ist dabei frei von Spektakel, aber es ist effektiv. Schönheitspreise will er nicht einheimsen. "Er erinnert mich ein bisschen an Pete Sampras. Den interessiert auch nur, den letzten Punkt zu gewinnen", sagt John McEnroe, eine Tennis-Größe vergangener Zeiten.

Ob Umzug in ein anderes Manhattaner Hotel wegen Bombendrohungen in der Fünf-Sterne-Herberge "UN Plaza", ob klare Fehlentscheidungen in der spannungsgeladenen Endphase des Norman-Showdowns oder eine gerissene Saite beim vierten von fünf vergebenen Matchbällen: Kiefer steckt es weg. Und findet immer wieder die Kraft, alles nur direkt auf Sieg zu richten. "Ich bin in einer Stimmung, die mich antreibt", sagt er. Einfach rausgehen auf den Platz und seinen Spaß haben - das gelingt ihm, weil er dieser Tage nicht das Gefühl hat, etwas verteidigen zu müssen. Letztes Jahr habe er sich bei vielen Turnieren noch selbst "das Leben schwer gemacht", sagt er, "es war so, dass ich zuviel von mir selbst verlangt habe."

Mit der neuen Bescheidenheit kommt Kiefer besser durchs Leben. "Ich genieße jede Minute", sagt der 22-Jährige, der den physischen Knacks dieses missratenen Tennis-Sommers überwunden hat. Bestätigt in seinem Comeback-Ehrgeiz und dem Trainingseifer der vergangenen Wochen, will sich der Schwerstarbeiter in einem goldenen Herbst in der Weltspitze festsetzen. Die erfolgreiche US-Open-Expedition soll erst der Anfang sein für einen Rückkehrer, der auch und vor allem von seiner vorbildlichen Athletik lebt.

Magnus Norman, der mit 58:17 Siegen erfolgreichste Profi der Saison, nicht nur ausgespielt, sondern auch ausgelaufen von Kiefer - eine verblüffende Erkenntnis nach einem Revanche-Duell mit völlig umkehrten Vorzeichen. Noch Anfang des Jahres, im Viertelfinale der Australian Open, war Kiefers Fitneß und Willenskraft nicht gut genug für den zähen Skandinavier, der das Match nach 0:1-Rückstand herumdrehte. Als Norman jetzt nach 0:1-Fehlstart zum 1:1-Remis ausglich, schwante der Fangemeinde des Deutschen Böses. Doch im dritten Satz war Kiefer cool, nahm dem Freund von Martina Hingis gleich vier Aufschlagspiele ab. Es war der Anfang vom Ende Normans.

Drei Grand-Slam-Viertelfinals hat Kiefer bisher erreicht. Er hat immer verloren. In New York soll das anders werden. Kiefer will die Hürde zum innersten Machtzirkel überspringen. Er hat das Gefühl, Besonderes leisten zu können. "Ich bin bereit, die nächste Stufe der Leiter hochzusteigen", sagt er.

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