US Open : Murray vor dem letzten Schritt

In New York will Andy Murray endlich sein erstes Grand-Slam-Turnier gewinnen. Vor zwei Monate war Murray schon einmal kurz davor.

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Kraftvoll. Andy Murray steht zum fünften Mal in einem Grand-Slam-Finale.
Kraftvoll. Andy Murray steht zum fünften Mal in einem Grand-Slam-Finale.Foto: AFP

Wenn sich Andy Murray freut, dann verzieht sich sein blasses Gesicht irgendwie zu einer ulkigen Grimasse. Am Samstag im Arthur-Ashe-Stadium, da sah seine Jubelmiene besonders schaurig-schön aus, so berauscht und erleichtert war Murray, dass er gewonnen hatte. Erst stieß er einen markerschütternden Schrei aus, dann klatschte der Schotte die Fans in der ersten Reihe ab, bevor sein Gegner Tomas Berdych am Netz dran war. Murray wollte gar nicht runter vom Platz, und die 23.000 Zuschauer wollten ihn nicht gehen lassen. Er hatte das Finale der US Open (Montag, 22 Uhr) erreicht, ist nur noch einen Schritt vom ersehnten ersten Grand-Slam-Titel entfernt.

Während Murray feierte, stand Ivan Lendl wie versteinert in seiner Box und schaute seinem Schützling zu. Auch während der letzten vier Stunden hatte sich der 52-Jährige kein einziges Mal geregt, hatte nicht geklatscht, nichts. Er tut das nie. In diesen Momenten mag man Lendl tatsächlich für „Ivan, den Schrecklichen“ halten, doch sein scheinbarer Gleichmut hat Methode. Auf der einen Seite will er Murray während des Matches nicht ablenken, andererseits zeigt er ihm, dass sie noch nicht am Ziel sind. „Für das Halbfinale sind wir nicht hergekommen“, hatte Lendl vor der Partie klargestellt.

Früher wäre man im Team von Andy Murray mit diesem Erfolg schon zufrieden gewesen. Inzwischen will die Nummer vier der Welt mehr. „Einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen, ist das große Ziel“, betonte der 25-Jährige. Und für dieses knifflige Vorhaben engagierte Murray zum Saisonbeginn Lendl. Nicht, weil der gebürtige Tscheche ihm das Tennisspielen beibringen müsste, sondern weil Lendl weiß, wie sich Murray fühlt. Die beiden sind in der Historie die einzigen Spieler, die ihre ersten vier Grand-Slam-Finals allesamt verloren haben. Lendl gewann danach jedoch noch acht der größten Tennis-Trophäen, und er glaubt fest daran, dass auch Murray das gelingen kann. Dieses Vertrauen des Altmeisters spürt er, und durch ihn hat sich Murrays Spiel deutlich verbessert.

Vor zwei Monaten war Murray schon kurz vor dem Ziel, er schaffte es erstmals ins Finale von Wimbledon. Doch auch wenn er nach der Niederlage gegen Roger Federer bitterlich weinte, er zeigte seine bisher beste Leistung. „Man hat gesehen, wie viel es mir bedeutet hätte“, sagte er. Doch nun, bei seinem zweiten Endspiel in Flushing Meadows nach 2008 soll es klappen. Und die Vorzeichen stehen gut. Denn Murray spielte in diesem Sommer so gut wie nie und schaffte mit dem Gewinn der olympischen Goldmedaille in Wimbledon nicht nur die Revanche gegen Federer, sondern auch einen Triumph, der fast schwerer wiegt als ein Major-Titel. „Vor allem hat mir die Medaille unheimlich viel Druck genommen“, sagte Murray, „ich zweifle jetzt nicht mehr so viel an mir“.

Leicht war es für Murray bisher nicht, schließlich muss er sich mit den drei Ausnahmekönnern Federer, Nadal und Djokovic messen, die 28 der letzten 29 Grand Slams unter sich aufteilten. Und die Ungeduld seiner Landsleute lastete auf ihm: Seit 76 Jahren warten sie auf der Insel auf einen neuen Champion. Vielleicht ist Murrays Zeit heute gekommen, wenn zum fünften Mal in Folge das Finale der US Open einen Tag später als geplant ausgetragen wird. Murray trifft dabei auf den Serben Novak Djokovic, der gestern im Halbfinale den Spanier David Ferrer 2:6, 6:1, 6:4, 6:2 besiegte. Wegen Sturmwarnungen war dieses Spiel am Samstag unterbrochen worden und musste gestern zu Ende geführt werden. Murray jedenfalls scheint wild entschlossen zu sein, mit dem Titel nach Hause zu fliegen: „Dieses Mal wird die Sache anders laufen.“

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