Sport : US Open: Von Heldenstücken und Dramen

Stefan Liwocha

Wer auf einem der drei großen New Yorker Flughäfen landet und auf traditionelle Weise mit dem gelben Taxi Richtung Manhattan fährt, dem fallen entlang der Freeways die Billboards mit den Porträts lächelnder Menschen sofort ins Auge. Es ist der Werbefeldzug einer Kreditkartenfirma, und da die übergroßen Gesichter allesamt Tennis-Assen gehören, kann sich der Reisende seinen Reim darauf machen. Wenn sich dann noch der Taxifahrer als absoluter Fan von Venus Williams outet, die Amerikanerin zur "großen Turnier-Favoritin" erklärt, ihrem Landsmann Pete Sampras "kein weiteres Husarenstück" zutraut und das Tennis-Spektakel US Open von der Stimmung her als "zwei Wochen dauerndes Rockkonzert" beschreibt, ist man als Tourist bestens im Bilde. Das vierte und letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres hat etwas mit Leidenschaft zu tun. Auf der riesigen Anlage des "National Tennis Center" mit dem 22 500 Zuschauer fassenden Arthur-Ashe-Stadion im Mittelpunkt werden vom heutigen Montag an wieder Heldenstücke und Dramen serviert.

Online-Gaming Spiel, Satz und Sieg: Der Pong-Klon von meinberlin.de Wobei die Hauptdarsteller fürstlich entlohnt werden. 128 Frauen und 128 Männer kämpfen um das Rekordpreisgeld von 15,4 Millionen Dollar, 850 000 Dollar werden für die neuen Champions ausgeschüttet. Geht es nach den Experten, dann dürfte dieser bei den Frauen der alte sein. Titelverteidigerin Venus Williams ist die 3:1-Favoritin, und ihr Erfolg beim Vorbereitungsturnier in New Haven (US-Bundesstaat Connecticut) hat ihre Aktien noch steigen lassen. "Williams, Lindsay Davenport und Jennifer Capriati sind meine Top-Drei", meinte die frühere US-Open-Siegerin Tracy Austin, "allerdings dürfte Venus Vorteile haben."

Martina Hingis werden hingegen nur Außenseiterchancen eingeräumt. Dabei ist die Schweizerin an Nummer eins gesetzt. Doch da die 20-Jährige seit Februar kein Turnier mehr gewinnen konnte und ihr letzter Major-Triumph fast drei Jahre zurückliegt (Australian Open 1999), trauen ihr nur wenige den ganz großen Coup zu.

Insgesamt 202 Wochen stand Hingis an der Spitze der Weltrangliste, davon seit dem 22. Mai 2000 ununterbrochen. Doch nun kann ihr Jennifer Capriati am Big Apple die Tennis-Krone entreißen. "Ich fühle mich hervorragend", sagte Capriati, die im Halbfinale auf Venus Williams treffen könnte. Für viele wäre das Duell der beiden Publikumslieblinge das vorweggenommene Endspiel und bei weitem reizvoller als ein (möglicher) müder finaler Sister Act zwischen Venus und Serena Williams. Denn den Ausgang dieses Duells würde nach der Meinung vieler Insider sowieso Vater Richard Williams im Vorfeld entscheiden. Jener in allen Belangen spezielle Tennis-Dad, der nach dem Finalerfolg der älteren Tochter im vergangenen Jahr wie ein Derwisch auf dem Centre Court tanzte.

Wer ist bei den Herren favorisiert? Plötzlich und unerwartet hat sich der zuletzt strauchelnde Pete Sampras zurückgemeldet. Der entthronte Wimbledonkönig zog mit 7:5, 6:3 über Thomas Johansson (Schweden) in das Endspiel des Hamlet Cups ein und sprach davon, "meinen alten Rhythmus wiedergefunden zu haben". Sein Finalgegner in Commack (New York) war am Sonntag (bei Redaktionsschluss nicht beendet) Thomas Haas, dessen Formkurve ebenfalls stark nach oben zeigt. Der beste deutsche Tennisspieler setzte sich im Halbfinale mit 6:3, 7:6 (7:3) gegen den Franzosen Arnaud Clement durch und jubelte: "Ich fühle mich hervorragend und spiele momentan sehr gutes Tennis. Die US Open können kommen." Während Haas in der ersten Runde des Hartplatz-Turniers auf den Holländer John van Lottum trifft, hat es Nicolas Kiefer (Holzminden) in einem rein deutschen Duell mit Rainer Schüttler (Korbach) zu tun.

Gelingt Haas vielleicht sogar eine Überraschung? Das Championship-Rennen ist bei den Herren in jedem Fall offener. Der an Nummer eins gesetzte Brasilianer Gustavo Kuerten, Pete Sampras, Andre Agassi (beide USA) sowie Patrick Rafter (Australien) und Titelverteidiger Marat Safin (Russland) gehören zum engeren Favoritenkreis. Geht es nach dem TV-Network "CBS", dann soll in diesem Jahr aber das Damen-Finale der absolute Höhepunkt der zweiwöchigen Tennis-Show werden. Der Showdown wurde extra am "Super Saturday" auf acht Uhr abends verlegt, der besten TV-Primetime. Im Anschluss an den erwarteten Leckerbissen treten dann die Tennis-Legenden John McEnroe und Boris Becker in einem Nostalgiematch an. Den Titel "Heineken Challenge" kann man dabei höchst unterschiedlich deuten.

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