USA vs. China : Kampf der Systeme: Zählt nur Gold oder zählen alle Medaillen?

Die Spiele in Peking sind ein Wettkampf zwischen den USA und China. Ob bei der Art des Medaillenspiegels, im Umgang mit Michael Phelps oder dem chinesischen Triumph über die USA im Turnen: Es geht um den Sieg des eigenen Systems.

Juliane Schäuble
Bush
Basketball-Diplomatie. US-Präsident George W. Bush neben Chinas Außenminister Yang Jiechi.Foto: dpa

Es ist gekommen, wie erwartet. Und wie von der Regierung vorgegeben. Die Chinesen dominieren bei "ihren" Olympischen Spielen das Medaillenranking fast von Beginn an. Ob Turnen, Synchronspringen, Gewichtheben, Schießen oder seit neuestem auch Schwimmen: Die Gastgeber beherrschen inzwischen fast jede Sportart. Sogar beim Basketball mischen sie gut mit. 20 Goldmedaillen konnte das chinesische Team am Donnerstagvormittag bereits vorweisen, 2004 in Athen waren es am Ende der Spiele insgesamt 32. 1988 nur 5.

Die ewigen Ersten der Medaillenwertung, die USA, erreichen zu diesem Zeitpunkt - trotz viertägiger Schützenhilfe durch Präsident George W. Bush und der Akkordarbeit von Schwimmsuperstar Michael Phelps - weit abgeschlagen nur den zweiten Platz. Mit zehnmal Gold in der Nationenwertung stehen dort gerademal halb so viele auf der Haben-Seite. Keine gute Entwicklung für die Patrioten in den Vereinigten Staaten.

Medaillenranking - alles eine Frage der Perspektive

Allerdings kommt alles auf die richtige Perspektive an. Wie das "Wall Street Journal" anmerkt, gestalten zwar die meisten Länder ihr Medaillenranking nach der Anzahl der Goldmedaillen, die ihr Team bei den Olympischen Spielen bisher geholt hat. So liste etwa "China Daily" in seinem englischsprachigen Internet-Olympiaauftritt noch nicht einmal die Gesamtzahl aller Medaillen auf. Amerikanische Medien werten dagegen praktisch ausnahmslos nach der Anzahl aller Medaillen insgesamt, so auch das "Wall Street Journal". Die Konsequenz: Hier lag das US-Team am Donnerstagmorgen immerhin noch gleichauf mit den Chinesen; am Abend zuvor hatten die Amerikaner sogar noch die Nase vorn.

Lediglich auf die Anzahl der ersten Plätze zu schielen, sei "gegen den olympischen Geist", da Silber und Bronze den Wert des Teilnehmens unterstrichen und dem Gedanken entgegenwirkten, dass Gewinnen alles sei, schreibt das "Wall Street Journal".

China holt Gold um Gold, Amerika hat den Superstar

Andersherum tröstet sich die Volksrepublik angesichts des unumstößlichen Olympia-Superstars Michael Phelps mit ihren vielen Goldmedaillen. So titelt "China Daily": "China führt das Goldrennen an, Phelps schreibt olympische Goldgeschichte". Und der "New York Times" ist aufgefallen, dass Phelps in chinesischen Medien geradezu sträflich vernachlässigt wird: "Während Phelps mit seinen rekordbrechenden Auftritten in den USA eine unglaubliche Aufmerksamkeit widerfährt, erregt sein Versuch, acht Goldmedaillen bei den Pekinger Spielen zu gewinnen, im Gastgeberland ungewöhnlich gedämpfte Beachtung." Als Beleg führt die Zeitung leere Plätze im Pekinger "Wasserwürfel" und chinesische Zeitungen wie "Titan Sports" oder "The First" an, die den 200-Meter-Freistil-Sieg des inzwischen größten Olympioniken aller Zeiten irgendwo hinten auf Seite 30 oder 32 verklappen.

Und "Guangming Daily", ein von Intellektuellen viel gelesenes Blatt, erwähne Phelps Sieg vom Dienstag mit keiner Zeile. In der "New York Times" wird aber auch darüber spekuliert, dass es vielleicht redaktionelle Vorgabe sei, nicht zuviel über Phelps zu berichten, um die Ultranationalisten in China nicht aufzuschrecken.

Basketball-Diplomatie mit George W. Bush

Die Olympischen Spiele sind in diesem Jahr eindeutig auch ein Wettstreit zwischen Supermacht USA und Gastgeber China. Beim Basketball-Spiel zwischen dem Gastgeber und dem klaren Favoriten lief der bemerkenswert freundschaftlich ab: Auf der Tribüne saßen George W. Bush und der chinesische Außenminister Yang Jiechi Seit' an Seit'. Die Superstars der amerikanischen Basketball-Liga NBA genießen in China auch größten Respekt.

Aber beim Turnen etwa wird der Ton schon schärfer. Nachdem die chinesischen Turnerinnen in der olympischen Mannschaftswertung erstmals über den Erzrivalen USA gesiegt hatten, erinnerte Thomas Boswell, Sportkolumnist bei der "Washington Post", noch einmal an die Zweifel am Alter von zwei der chinesischen Mädchen. He Kexin und Jiang Yuyuan seien zwar ihrem Pass zufolge bereits 16, aber es gebe Hinweise, dass sie erst 14 und damit zu jung seien - was ein großer Vorteil gegenüber den älteren Amerikanerinnen sei. Die 20-jährige US-Teamkapitänin Alicia Sacramone sei daher ein "unverdientes Opfer" angesichts der chinesischen "Elfen".

Boswells Artikel und sein kaum verhüllter Versuch, die amerikanische Niederlage zu entschuldigen, rief aber auch regen Widerspruch von Lesern hervor. 113 Kommentare verzeichnete die Internetseite des "Wall Street Journal" am Donnerstagvormittag bereits für seinen Text. Viele davon rieten dem Autor und den USA, die Niederlage einfach zu akzeptieren.

Ein Leserkommentator beschwerte sich: "Ich habe es satt, dass Amerikaner immer wieder das Thema Menschenrechte und Kommunismus in diesem Zusammenhang aufbringen. Das hat nichts damit zu tun, wie die Chinesen gewonnen und die Amerikaner verloren haben."



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