Sport : Utopie gegen Realismus

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Fußball ist ein schönes Spiel. Das liegt manchmal nur bedingt an den Ereignissen auf dem Rasen, aber über Fußball lässt sich einfach wunderbar philosophieren. Wie keine andere Sportart lebt er von den Erinnerungen seines Publikums. Das mag ein Grund dafür sein, warum das Auftreten der Deutschen bei der WM 2002 inzwischen ausgiebig mit dem bei der WM 1986 in Mexiko verglichen wird. Die Parallelen sind offenkundig, und mit dem Einzug Brasiliens ins Finale kommt eine weitere hinzu. Eine, die all den Deutschen, die an die Wiederholung der Geschichte glauben, nicht besonders gefallen wird.

„Die Brasilianer haben mit den schönsten und besten Fußball gezeigt“, sagt Dietmar Hamann. 1986 hat man das von Argentinien gesagt, dem damaligen Finalgegner der Deutschen. Diego Maradona war der überragende Spieler des Turniers, und am Ende führte er seine Mannschaft auch zum Gewinn des WM-Titels gegen ein deutsches Team, dem man vor der WM wenig zugetraut hatte, das aber zum Beispiel wie die Mannschaft 2002 in den drei Partien der Finalrunde bis zum Endspiel kein Gegentor kassiert hatte. Im Finale waren es dann gleich drei, bei zwei eigenen Treffern, von denen Rudi Völler, der heutige Teamchef, eines erzielte.

Bisher haben sich sämtliche Mitglieder der DFB-Delegation von den Spielern bis zu den Trainern ganz gerne auf die WM 1986 berufen, den Einzug ins Finale hätten schließlich vor ein paar Wochen fast alle als unbeschreiblichen Erfolg gewertet. Jetzt aber wäre es natürlich niemandem mehr Recht, wenn das Turnier in Mexiko mit der Ausgabe 2002 eine perfekte Entsprechung fände und Deutschland Vizeweltmeister würde. Doch Brasilien ist wie Argentinien vor 16 Jahren unbestritten der Favorit des Finales, aber „das heißt noch lange nicht, dass die beste Mannschaft mit den besten Einzelkönnern gegen uns gewinnen wird“, sagt Kapitän Oliver Kahn. Für ihn ist das Finale gegen Brasilien „eigentlich ein Traum-Endspiel“, ach was „ein Wahnsinns-Endspiel".

Es hört sich an wie ein schlechter Witz: Aber noch nie haben Deutschland und Brasilien ein WM-Spiel gegeneinander bestritten. Noch nie sind die beiden erfolgreichsten Mannschaften der Turniergeschichte bei einer WM aufeinander getroffen, das Team mit den meisten WM-Titeln (Brasilien, vier) und das mit den meisten Finalteilnahmen (Deutschland, sieben). Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg nur eine Endrunde, bei der weder Deutsche noch die Brasilianer im Endspiel standen. Das war 1978 in Argentinien.

Im Grunde treffen am Sonntag in Yokohama auch zwei unterschiedliche Prinzipien des Weltfußballs aufeinander: brasilianische Leichtigkeit gegen deutschen Schwermut, Utopie gegen Realismus, Verspieltheit gegen Funktionalität, manche sagen: Gut gegen Böse.

Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass es noch nie ein Pflichtspiel zwischen Deutschen und Brasilianern gegeben hat. Vielleicht scheut der Fußball einfach eine eindeutige Entscheidung, welches Prinzip das bessere ist. Wer am Ende siegt? „Vor einem Finale hat es keinen Sinn, irgendwelche Prophezeiungen abzugeben“, sagt Oliver Kahn, „aber mein Gefühl sagt mir, dass wir am Sonntag Weltmeister werden." Stefan Hermanns

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